Euro / USD: So einfach ist das nicht – Teil 2

Nur weil ein Kursmuster einer uns bekannten Chart-Formation ähnelt, muss es sich nicht zwangsläufig um diese spezielle Chart-Formation handeln. Der Grund ist simpel:

Die uns bekannten Kursmuster wie Dreieck, Rechteck, Flagge, Wimpel, Schulter-Kopf-Schulter, Doppel-Top oder eben die hier zur Debatte stehende Doppelboden im Euro / USD entstehen aufgrund einer jeweils ganz spezifischen Entwicklung von Angebot und Nachfrage.

Im gestrigen ersten Teil hatte ich Ihnen aufgezeigt, welche Kriterien die „Bibel der Charttechniker“ (Anmerkung: Das Buch „Technische Analyse von Aktien-Trends“ der Autoren Robert D. Edwards und John Magee) für einen Doppelboden vorgibt.

Heute schauen wir uns an, ob bzw. inwieweit diese Kriterien von der Chart-Formation erfüllt werden, die uns im Währungspaar Euro / USD als Doppelboden erscheint.

Vergleich Idealfall und Realität

Wenn Sie unter den im gestrigen Beitrag genannten Prämissen noch einmal auf den Tages-Chart schauen, dann stellen Sie fest:

euro-usd-tages-chart-07-05-2015

Euro / USD-Tages-Chart: Doppelboden-Formation!?

  • Der zeitliche Abstand zwischen beiden Tiefs beträgt exakt einen Monat: 13. März und 13. April 2015. Dieses Kriterium wird somit bestenfalls „so gerade eben“ erfüllt.
  • Der zweite Boden wurde bei 1,0520 markiert und liegt, wie die eingezeichnete Linie sichtbar macht, etwas über dem Niveau des ersten Bodens. Zudem wurde das erste Tief damit nicht unterschritten (gelber Kreis). Das ist nicht der Test, den sich ein Charttechniker wünschen würde.
  • Das Hoch zwischen beiden Tiefs lag gerade einmal +5,6% über dem ersten Tief. Das Kriterium einer +15% bis +20%-Erholung wird eindeutig nicht erfüllt.
  • Leider gibt es zum Währungspaar Euro / USD keine Umsatzdaten. Diesen Abgleich können wir somit nicht machen. Allerdings sehen wir, dass die Aufwärtsbewegung vom zweiten Tief aus nicht wirklich dynamisch verlief:

Tatsächlich folgte bereits nach dem vierten Aufwärtstag eine dreitägige Konsolidierung (blauer Kreis). Das ist alles andere als „dynamisch“.

Fazit

Wie Sie sehen, ist die Charttechnik nicht immer so einfach, wie sie auf den ersten Blick erscheint.

Die vermeintliche W-Formation im Euro / USD besitzt zu viele Unstimmigkeiten, um als eindeutige Doppelboden-Formation anerkannt zu werden.

In meinem Chartanalyse-Trends-Beitrag vom 14. April 2015 hatte ich Ihnen den folgenden Chart und meine Schlussfolgerung mit auf den Weg gegeben, die Sie unbedingt in Ihre Überlegungen einbeziehen sollten:

euro-usd seit 1978-07-05-2015

Euro / USD seit 1978: Am Scheideweg

„Sollte der Euro / USD unter das letzte Tief bei 1,0462 fallen, würde der bestehende Abwärtstrend ein weiteres Mal bestätigt. Eine Annäherung an die Parität (1 Euro entspricht dann 1 USD) würde den Euro, wie Sie dem Langfrist-Chart entnommen haben, dem Bruch des 30 Jahre alten Aufwärtstrends näher bringen.

Die Chancen, dass der Euro gegenüber dem USD diese Entwicklung nimmt, haben sich in den letzten Tagen wieder signifikant erhöht. Die Flutung des Euro-Marktes (1.100 Mrd. Euro bis September 2016) durch die Europäischen Zentralbank (EZB) im Rahmen ihres Anleihe-Rückkauf-Programms sollte diesen Verlauf unterstützen.

Eine Ära scheint sich dem Ende zuzuneigen!“

Diese Möglichkeit ist noch keineswegs vom Tisch, wie der obige Monats-Chart noch einmal deutlich macht. Und: An einem aus historischer Sicht derart kritischen Punkt sollte die Charttechnik doch wohl etwas eindeutiger ausfallen – meinen Sie nicht auch?

7. Mai 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

Regelmäßig Informationen über Marktanalysen erhalten — kostenlos!
Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig die neusten Informationen von Andreas Sommer. Über 344.000 Leser können nicht irren.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt