EZB: Das Methadon-Programm läuft weiter

Die europäischen Aktienmärkte feierten am Donnerstag die Verlängerung ihrer Entwöhnungs-Therapie. Börsen-Experte Andreas Sommer klärt auf: (Foto: Deutsche Börse AG)

Um Heroin-Nutzer von ihrer Sucht zu befreien, gibt es seit vielen Jahren die Methadon-Therapie:

Dieser Ersatzstoff soll die süchtige Person kontinuierlich vom Heroin entwöhnen und ihr eine Rückkehr in das „normale“ Alltagsleben ermöglichen.

Dazu wird das schwächere Suchtmittel Methadon verabreicht, dessen Dosis dann nach und nach reduziert wird.

„Liquiditäts-Spritzen“ von Notenbanken haben auf die Finanzmärkte eine ähnliche Wirkung wie Heroin: Sie werden euphorisiert und wollen dieses Gefühl kontinuierlich spüren.

Die Europäische Zentralbank (EZB) machte die Finanzmärkte in Europa erst „abhängig“ und startete im April dieses Jahres ein „Entwöhnungs-Programm“.

Und genau diese Therapie wurde am vergangenen Donnerstag „aktualisiert“:

Aktienmärkte seit März 2015 auf dem Trip

Die EZB versorgt die Marktteilnehmer in Europa seit dem März des Jahres 2015 mit den euphorisierenden Liquiditäts-Spritzen:

Über das seinerzeit gestartete Anleihe-Eückkauf-Programm pumpte die Notenbank monatlich 60 Mrd. € in die Finanzmärkte.

Dazu kauft die EZB von privaten Schuldnern zurückgegebene Staatsanleihen und Anleihen auf.

Das ursprünglich bis September 2016 geplante Programm wurde frühzeitig im März desselben Jahres zunächst um 9 Monate verlängert.

Die „Dosis“ wurde gleichzeitig ab April 2016 auf 80 Mrd. € monatlich erhöht.

Seit April dieses Jahres läuft die Entwöhnungs-Therapie

Im Dezember 2016 wurde das Anleihe-Rückkauf-Programm erneut prolongiert; diesmal bis Ende 2017.

Zugleich wurde für April 2017 der Start des Entwöhnungs-Programms angekündigt: Die monatlichen Anleihe-Rückkäufe wurden im Umfang wieder auf 60 Mrd. € heruntergesetzt.

Am vergangenen Donnerstag aktualisierte die EZB ihre Politik:

Zum einen wurde das Anleihe-Rückkauf-Programm ein weiteres Mal prolongiert, laut Notenbank bis „mindestens September 2018“.

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Zum anderen wird das Volumen der Rückkäufe ab Januar auf 30 Mrd. € halbiert.

Liquiditäts-Spritzen summieren sich auf 2,55 Bio. €

Fassen wir einmal zusammen: Das ursprünglich auf 18 Monate begrenzte Anleihe-Rückkauf-Programm wird nun mind. 42 Monate lang (bis September 2018) „laufen“.

Am Ende dieses Jahres wird die EZB die unvorstellbare Summe von 2,28 Bio. € in die europäischen Finanzmärkte gepumpt haben.

Weitere 270 Mrd. € kommen im nächsten Jahr mind. noch oben drauf. Um eine Vorstellung zu bekommen, wie viel das ist, hier die ausgeschriebene Zahl: 2.550.000.000.000 €.

Frohe Kunde für die Finanzmarkt-Junkies

Die Finanzmarkt-Junkies freuten sich am vergangenen Donnerstag so sehr über die Verlängerung ihres „Methadon-Programms“, dass sie den DAX gleich einmal auf ein neues Rekordhoch von 13.249 Punkten katapultierten.

Neben dem DAX war der USD-Dollar der auffälligste Profiteur der aktualisierten EZB-Geldpolitik:

Es gab zunächst einen kräftigen Rücksetzer im Währungs-Paar Euro / USD von 1,1816 auf 1,1644 – ein Minus von -1,5%.

Das war übrigens der tiefste Stand seit dem 26. Juli dieses Jahres.

Wir erinnern uns: Erst am 8. September 2017 hatte der Euro gegenüber dem US-Dollar bei 1,2093 „gegipfelt“. Am Freitag ging es dann weiter bergab auf zeitweilig 1,1574.

Der DAX und das Anleihe-Rückkauf-Programm der EZB

Die nachfolgende Grafik zeigt Ihnen, wie sich der DAX zunächst an die „Liquiditäts-Spritzen“ gewöhnt hat und diese seit Anfang 2016 nicht mehr missen mag:

dax und das anleiherückkaufprogramm der ezb_30-10-2017

DAX: Seit Anfang 2016 „euphorisiert“

Wieder einmal kam es anders, als viele Experten vorausgesehen hatten:

An die erwartete Änderung der EZB-Geldpolitik hatte so mancher Börsen-Profi die Prognose eines Kurs-Einbruchs geknüpft.

Den wird es auch gewiss irgendwann einmal geben – falls sich die EZB in diesem Leben noch einmal dazu durchringen kann, die „Entwöhnungs-Therapie“ – Verzeihung: das Anleihe-Rückkauf-Programm – ganz zu beenden.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.