EZB könnte demnächst auch Aktien kaufen

Der deutsche Leitindex DAX ist sehr stark in die neue Handelswoche gestartet, konnte das Tageshoch, das bei 10.656 Punkten lag, jedoch nicht verteidigen.

Am Ende rutschte der DAX wieder Richtung 10.500 Punkte ab.

Begründung aus Frankfurt: Einige große Investoren sollen aktuell ein Interesse daran haben, dass der DAX rund um die Marke von 10.500 Punkten pendelt.

In den handelsarmen Sommerwochen kann bereits ein solches Gerücht reichen, um den Markt zu beeinflussen.

Zu einem Kurstreiber könnte sich ein anderes Gerücht entwickeln: Angeblich überlegt ein „großer Investor“, ob er im großen Stil Aktien kaufen soll.

Hier die Hintergründe:

Das ist dran an dem Gerücht

Seit März 2015 kauft die Europäische Zentralbank (EZB) Monat für Monat Anleihen und Pfandbriefe mit einem Volumen von mehreren Mrd. €.

Das tut sie, um die lahmende Konjunktur anzutreiben und die offiziell viel zu niedrige Inflationsrate in der Euro-Zone anzukurbeln.

Allmählich gehen der EZB jedoch die passenden Zins-Papiere aus.

Und so fordern einige Ökonomen, dass die EZB ihr Kaufprogramm auf Aktien ausweiten sollte, so wie es andere Notenbanken bereits tun.

Karsten Junius, Chef-Ökonom der Schweizer Bank J. Safra Sarasin, empfiehlt der EZB, sich an der Schweizer Nationalbank (SNB) zu orientieren, die bereits seit Jahren Aktien kauft.

Junius meint, dass eine Aktien-Beimischung vorteilhaft sei. Schließlich werfen Aktien einen höheren Ertrag ab als Anleihen.

Außerdem könnten Aktien die Stabilität und Liquidität der EZB-Bilanz erhöhen, da sie die nationalen Notenbanken weniger dazu zwingen würden, einen immer größeren Anteil von Anleihen zu halten.

Dadurch würde sich die u. a. in Deutschland und Finnland zu beobachtende Knappheit öffentlicher Anleihen, die von der EZB gekauft werden, verringern.

Es könnte in der Tat ein Handlungsdruck entstehen. Denn der EZB gehen tatsächlich langsam die Anleihen aus, die gemäß der eigens aufgestellten Kriterien gekauft werden dürfen.

Aus einem aktuellen Artikel der „Welt“ geht hervor, dass laut der französischen Großbank Société Générale im November 2016 alle entsprechenden finnischen Papiere vergriffen sein werden.

Mehr noch: Ab März 2017 werden demnach alle deutschen Anleihen vergriffen sein, die nach den Kriterien der EZB gekauft werden dürfen.

Das wäre ein echtes Problem, v. a. angesichts der Tatsache, dass das Kaufprogramm der EZB noch länger laufen soll.

Was also tun? Sollte die EZB wirklich dem Schweizer Vorbild folgen? Es wäre ein Tabubruch!

So machen es andere Notenbanken

Die Schweizer Nationalbank (SNB) hat inzwischen rund 100 Mrd. Schweizer Franken (CHF) in Aktien investiert. Das sind rund 20% der gesamten Bilanz-Summe.

Die Schweizer kaufen gezielt US-amerikanische Aktien, um den Franken gegenüber dem US-Dollar zu drücken.

Über die Hälfte des Portfolios der SNB (61 Mrd. CHF) steckt aktuell in US-Aktien.

„Negative Auswirkungen sind für die Geldpolitik nicht auszumachen“, meint Sarasin-Ökonom Karsten Junius.

Ganz im Gegenteil. Die Aktien hätten die Bilanz der SNB stabilisiert. Die Schweizer Nationalbank machte im 1. Halbjahr 2016 einen Gewinn von 21,3 Mrd. CHF.

Ein weiteres Beispiel für Notenbanken, die Aktien kaufen, ist die japanische Notenbank, die seit gut 6 Jahren Indexfonds (ETFs) kauft.

Über diese Papiere ist die japanische Notenbank mittlerweile indirekt an 9 von 10 Unternehmen aus dem Nikkei-Index beteiligt. Umstritten ist diese Vorgehensweise aber auch in Japan.

Denn: Die Zentralbank kann in ihrem 20-jährigen Dauerkampf gegen Deflation und Rezession trotz außergewöhnlicher Maßnahmen nur wenige Erfolge vorweisen.

Fraglich, ob die EZB dieses Tabu auch noch brechen wird

Sollte die EZB tatsächlich ihr Kaufprogramm auf Aktien ausweiten, würde sie ohne Zweifel einen weiteren Tabubruch begehen.

Zwar hat die EZB zumindest theoretisch die Möglichkeit dazu, doch wäre der Erwerb von Aktien durch die EZB wahrscheinlich der nächste Fall für die höchsten Gerichte.

Daher ist es fraglich, ob EZB-Chef Mario Draghi auch noch diesen Tabubruch wagen wird. Sollte er es tatsächlich tun, würde dies dem Aktienmarkt einen positiven Impuls geben und könnte eine neue Kursrally auslösen.

Der Kauf qualitativ hochwertiger Aktien wäre aus meiner Sicht auch gut begründbar, doch es besteht die Gefahr, dass die EZB-Mittel verpulvert werden und z. B. quasi wertlose Bank-Aktien mit maroden Bilanzen gekauft werden.

Es darf nicht so weit kommen, dass die EZB schlecht arbeitende Banken finanziert.

22. August 2016

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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