EZB pokert hoch: Staatsanleihen-Kauf ohne Obergrenze

Um 14:30 Uhr schlug heute die Stunde der Wahrheit.

In einer Pressekonferenz erklärte der EZB-Chef Mario Draghi, wie die Notenbank das Euro-System stabilisieren will. Und tatsächlich folgte die Aussage, auf die der Finanzmarkt gewartet hat: Die Europäische Zentralbank kauft zukünftig Staatsanleihen „ohne quantitative Grenzen“.

Am Aktienmarkt wurde diese Aussage gefeiert. Speziell die Aktien aus der Finanzbranche verbuchten hohe Kursgewinne. Zumindest die kurzlaufenden Staatsanleihen in den Bilanzen der Banken und Versicherungen haben wieder einen Wert.

Außerdem dürfte ein kurzfristiger Zusammenbruch der Euro-Zone nur noch eine theoretische Gefahr sein. Erst wenn die EZB ihr Pulver verschossen hat, wackelt das Währungssystem.

Die Reaktion am Aktienmarkt: Der DAX gewann 2,90% und der bankenlastige EuroStoxx 50 sogar 3,61%. Auch charttechnisch sieht die Lage am Aktienmarkt plötzlich viel freundlicher aus.

Mario Draghi hat geliefert

Es ging heute in der Pressekonferenz um die Glaubwürdigkeit des EZB-Präsidenten Mario Draghi. Vor gut 4 Wochen hatte Draghi überraschend angekündigt, dass die EZB den Euro um jeden Preis verteidigen wird.

Wenn Draghi heute kein Stützungsprogramm vorgestellt hätte, wäre er zu einer Luftnummer geworden und hätte direkt seinen Rücktritt einreichen können.

Mario Draghi stand extrem unter Druck, hat aber das geliefert, was die Finanzbranche hören wollte: Die EZB startet das Programm „Outright Monetary Transaction“ (OMT) und kauft zukünftig Staatsanleihen mit Laufzeiten von bis zu 3 Jahren.

Der Schlüsselsatz aus dem Munde von Draghi: „Von vorneherein werden keine quantitativen Grenzen festgelegt.“ Das bedeutet, dass die EZB ohne Obergrenze kaufen darf.

Wenn jetzt ein Investor gegen Italien oder Spanien wetten will, muss er damit rechnen, dass die Europäische Zentralbank ohne Limit Staatsanleihen kauft.

Steigt der am Markt geforderte Zinssatz bei Staatsanleihen mit langen Laufzeiten, können die Krisenländer auf Laufzeiten mit bis zu 3 Jahren ausweichen und auf die EZB als indirekten Käufer setzen.

EZB will Inflationsgefahren bekämpfen

Da diese indirekte Staatsfinanzierung eine Art des Gelddruckens ist und eine Inflationswelle auslösen kann, will die EZB direkt eine Inflations-Bremse einbauen. Das Versprechen von Draghi: „Die durch OMT geschaffene Liquidität wird voll sterilisiert.“

Das bedeutet, dass die Notenbank zwar mit dem Ankauf der Staatsanleihen Geld in das System pumpt, gleichzeitig aber an anderer Stelle Geld aus dem System abpumpen will. Unter dem Strich soll dadurch die Inflationsgefahr nicht steigen.

Ob dieser Plan aufgeht, wird sicherlich auch davon abhängen, welche Summen die EZB für den Kauf von Staatsanleihen investieren muss. Aber einer bestimmten Grenze dürfte eine vollständige Neutralisierung nicht mehr möglich sein.

Deutsche Bundesbank ist isoliert

Als Mario Draghi im Juli zum ersten Mal angekündigt hat, dass die EZB den Euro um jeden Preis stützen wird, war das ein Paukenschlag. Zwar gab es eine Mehrheit innerhalb der EZB, die sich für den Kauf von Staatsanleihen eingesetzt hat, es gab jedoch auch Gegner, die von der Deutschen Bundesbank angeführt wurden.

Eine knappe Kampfabstimmung wäre keine Basis für ein überzeugendes Rettungsprogramm gewesen.

Daher hat Draghi in den vergangenen Tagen und Wochen ohne Pause daran gearbeitet, die Deutsche Bundesbank innerhalb der EZB zu isolieren. Das ist ihm tatsächlich gelungen.

Auf die Frage eines Journalisten, ob die Entscheidung einstimmig gefallen sei, antwortete Draghi: „Es gab eine abweichende Meinung. Sie müssen sich selber ausrechnen, wer das sein könnte.“

Die Journalisten gaben sich damit nicht zufrieden und versuchten, den Italiener Mario Draghi zu provozieren. So lautete eine weitere Frage: „Wandelt sich die EZB von einer Kultur der D-Mark zu einer der Lira?“

Antwort Draghi: „Das ist nicht so. Es geht doch um eine praktisch einstimmige Meinung des EZB-Rats. Man hat keine italienische Verschwörung, der EZB-Rat hat die Maßnahme fast einstimmig beschlossen.“ Eine souveräne Antwort sieht anders aus…

Daher folgte direkt die nächste Frage: „Sie haben das Vertrauen in der deutschen Bevölkerung verloren. Wie wollen Sie es zurück gewinnen?“

Antwort Draghi: „Man muss erst einmal sehen, was das Ergebnis ist. Wenn wir in meiner Präsidentschaft wie bisher die Preisstabilität erhalten werden, wird sich das Bild ändern.“

Riskante Strategie

Kurzfristig hat der Schachzug der Europäischen Zentralbank den Markt beruhigt. Heute ist Mario Draghi der Punktsieger.

Der Kauf von Staatsanleihen ist dennoch eine riskante Strategie. Es gibt gleich mehrere Schwachstellen: So könnte der Reformdruck sinken. Warum sollen zukünftig Schuldenstaaten ihre Ausgaben kürzen, wenn im Notfall die EZB die Staatsfinanzierung übernimmt?

Weiterhin besteht das Risiko, dass sich in der EZB-Bilanz immer mehr Schrott ansammelt (Staatsanleihen mit einem zweifelhaften Wert). Wird eine Grenze überschritten, verliert die Notenbank ihre Glaubwürdigkeit. Zusätzlich entstehen neue Inflations-Risiken durch die Staatsfinanzierung ohne Obergrenze.

Mehr zum Thema: EZB-Tender

6. September 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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