EZB-Politik: Wovor die Märkte wirklich Angst haben

Sollte die EZB wirklich die geldpolitischen Zügel straffen, dann hätte das eine unangenehme Begleit-Erscheinung. Andreas Sommer klärt auf: (Foto: MR.LIGHTMAN1975 / Shutterstock.com)

Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, setzte den deutschen Aktienmarkt am Mittwoch mit einigen Aussagen ordentlich unter Druck.

Inzwischen möchte er missverstanden worden sein.

Draghi hatte sich am Tag zuvor optimistisch für den weiteren Aufschwung in der Euro-Zone gezeigt.

Zudem deutete er an, dass die Inflation und die Inflationsziele der EZB schon bald wieder deckungsgleich sein dürften.

Das Ende der Nullzins-Politik?

Für Analysten und EZB-Beobachter war damit sofort offensichtlich:

Die Notenbank sei gewillt, nun doch der von vielen Experten und Banken geforderten Aufgabe der Nullzins-Politik in nächster Zukunft nachzukommen.

Der DAX verlor am Mittwoch gleich zur Eröffnung mehr als 100 Punkte.

Der Euro war gegenüber dem US-Dollar schon am Dienstagabend auf ein neues Jahreshoch von 1,1350 geklettert und notiert aktuell über 1,14.

Angesichts der heftigen Reaktionen der Märkte war die EZB kurz darauf bemüht abzuwiegeln: Draghis Äußerungen seien falsch interpretiert worden.

Warum diese heftigen Reaktionen?

Wenn sich so viele Experten und Beobachter der Notenbank-Politik für ein Ende der Nullzins-Politik ausgesprochen haben, warum reagiert der Aktienmarkt dann nicht freundlich auf die Dragi-Äußerungen?

Nun, ich hatte Ihnen dies schon einmal vor gut 2 Wochen in einem Chartanalyse-Trends-Beitrag beschrieben:

„Seit März 2015 kauft die EZB Staatsanleihen und Anleihen von privaten Schuldnern im Volumen von monatlich 60 Mrd. € auf.

Das zunächst auf 12 Monate geplante Programm wurde im März 2016 um ein weiteres Jahr verlängert und auf 80 Mrd. € monatlich aufgestockt.

Vor 3 Monaten folgte dann eine Reduzierung auf 60 Mrd. € – zugleich mit einer erneuten Verlängerung der Laufzeit bis mind. Ende dieses Jahres.

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Mit Ablauf des Jahres 2017 wird die EZB dann also für insgesamt rund 2,22 Mrd. € private und Staatsanleihen zurückgekauft haben.“

Ein Großteil dieser Gelder wurde in den Aktienmarkt umgeschichtet und lieferte damit auch Treibstoff für die DAX-Rallye seit Anfang des Jahres 2016.

Was geschehen kann, wenn die EZB die Geldzügel wieder strafft, dazu gibt es eine „Blaupause“:

Die Wall Street ist die Blaupause

Die amerikanische Notenbank FED (Federal Reserve Bank) hatte im Zuge der Finanzkrise ab September 2007 zunächst den Leitzins massiv von 5,25% auf 1,00% herunter geschleust.

Dann startete sie im Dezember 2008 begleitend ihr 1. „Quantitative Easing“-Programm (QE).

Das heißt: Die FED kaufte langfristige Anleihen am Markt auf und erhöhte damit die Geldbasis – genauso, wie es derzeit die EZB tut.

Wie die nachfolgende Grafik zeigt, wurden bis Oktober 2014 insgesamt 3 solcher QE-Programme aufgelegt.

Mit der „Operation Twist“ wurden zeitweilig kurzfristige Anleihen aus dem FED-Bestand verkauft und in langfristige Rentenpapiere umgetauscht – mit dem Ziel die Langfrist-Zinsen in den USA zu senken.

qe-programme der fed_29-06-2017

Das Ende der QE-Programme sorgte für eine 2-jährige Pause am Aktienmarkt

Das von mir eingezeichnete blaue Rechteck kennzeichnet das, wovor sich die Märkte fürchten:

Auf die Einstellung des 3. QE-Programms folgte nämlich eine gut 2-jährige Pause am Aktienmarkt:

Der Dow Jones trat bis zur Trump-Wahl im November 2016 praktisch auf der Stelle.

Und genau davor fürchten sich die Marktteilnehmer.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.