EZB pumpt 1,02 Billionen Euro in den Markt

Der DAX ist heute erneut an der 7.000-Punkte-Hürde gescheitert.

Zunächst kletterte der Index auf 6.967 Punkte. Als es dann nicht weiter nach oben ging, stürzte der DAX über 100 Punkte in die Tiefe und schloss bei 6.856 Punkten.

Für den Rücksetzer gab es 2 Gründe: Zum einen hatten einige Investoren gehofft, dass die Geldspritze der EZB eine sofortige DAX-Rally auslöst. Das ist nicht eingetroffen.

Zum anderen hat der US-Notenbank-Chef Ben Bernanke in einer Rede vor den kurzfristigen Inflationsgefahren gewarnt. Das dämpft die Hoffnung, dass die US-Notenbank noch mehr Geld in den Markt pumpt.

Wie Sie sehen: Heute drehte sich an der Börse alles um das Thema Notenbank-Geld.

800 Banken leihen sich 529,5 Mrd. Euro

Seit Wochen rätseln die Analysten: Wie groß fällt die neue Geldspritze der Europäischen Zentralbank (EZB) aus? Im Dezember 2011 hatte die EZB zum ersten Mal in ihrer Geschichte Geld für 3 Jahre verliehen. Der Zinssatz lag bei nur 1%. Ein Geschenk für die Geschäftsbanken.

Heute konnten sich die Geschäftsbanken zum zweiten und vorerst letzten Mal Geld für 3 Jahre und 1% Zinsen bei der EZB leihen. Die Nachfrage erreichte neue Dimensionen. 800 Banken haben sich heute insgesamt 529,5 Mrd. Euro geliehen.

Mitnahmeeffekte in der zweiten Runde

In der Dezember-Runde galt das EZB-Geld noch als Stützungsmaßnahme für schwache Banken. Darum haben damals nur 523 Banken zugeschlagen und sich 489 Mrd. Euro geliehen.

Heute haben mehr Banken das Geschenk abgeholt, dafür war die durchschnittliche Auszahlungssumme pro Bank geringer. Während im Dezember noch echte Löcher gestopft werden mussten, gab es in der zweiten Runde viele Mitnahmeeffekte.

Wenn Geld für 1% im Sonderangebot zu haben ist, nimmt man das Geld als clevere Geschäftsbank mit.

Gesamtsumme übertrifft die 1-Billion-Marke

Die Geschäftsbanken haben sich im Dezember und Februar insgesamt 1,02 Billionen Euro für 3 Jahre bei der Europäischen Zentralbank geliehen.

An die Größenordnung „Billionen“ müssen wir uns erst noch gewöhnen. Vor einigen Tagen habe ich hier im Schlussgong von gefälschten US-Staatsanleihen mit einem Billionen-Volumen berichtet. Ein Leser fragte, ob es vielleicht ein Übersetzungsfehler sei und Milliarden gemeint waren. Nein, wir reden tatsächlich von Billionen-Beträgen.

Die Frage lautet jetzt: Was machen die Geschäftsbanken mit den insgesamt 1,02 Billionen Euro? Im ersten Schritt werden eigene Finanzierungslöcher gestopft. Doch dafür wird nur ein Bruchteil der Summe gebraucht. Der Restbetrag wird investiert.

Staatsanleihen als Gewinner

Seit Dezember, genau seit Auszahlung der ersten EZB-Geldspritze, erholen sich die Kurse der italienischen und spanischen Staatsanleihen.

Eine spanische Staatsanleihe mit einer Restlaufzeit von gut 3 Jahren war Ende November 2011 auf 90% des Nominalwertes gefallen. Heute, 3 Monate später, notiert die Anleihe bei 101%. Woher der plötzliche Nachfrageschub kommt, ist relativ klar.

Wenn sich eine spanische Bank bei der EZB Geld für 1% leihen kann und am Anleihenmarkt 5% erhält, ist das ein lukratives Geschäft.

Wie bereits im Schlussgong geschrieben: Das Ausfallrisiko der spanischen Staatsanleihen kann von den Banken ignoriert werden. Wenn der Staat Spanien bankrott ist, sind auch die spanischen Großbanken bankrott (mit oder ohne Staatsanleihen im Portfolio).

EZB erreicht das Etappenziel

Die Europäische Zentralbank hat ihr erstes Etappenziel erreicht. Die Banken decken sich mit Staatsanleihen aus Spanien und Italien ein. Die EZB muss nicht mehr direkt diese Anleihen kaufen.

Vorteil für Italien und Spanien: Die Refinanzierung der Schulden wird günstiger. Wenn sich der spanische Staat für 3 Jahre frisches Geld leihen will, muss er dafür nicht einmal 3% Zinsen zahlen. Das ist finanzierbar.

Die EZB hat mit den beiden Geldspritzen den kurzfristigen Zusammenbruch des Anleihenmarktes verhindert. Es gibt aber auch Schattenseiten.

Probleme wurden nur nach hinten verschoben

Ein wichtiger Punkt: Das EZB-Geld löst keine Probleme, sondern schiebt sie nur zeitlich nach hinten. In 3 Jahren müssen die Geschäftsbanken das Geld zurückzahlen. Dann müssen neue Käufer für die Staatsanleihen gefunden werden.

Es besteht auch die Gefahr, dass die Entspannung am Anleihenmarkt den Reformeifer der verschuldeten Staaten lähmt. Wenn sich ein Staat am Kapitalmarkt Geld für nur 2,5 oder 3% leihen kann, ist das ein süßes Gift. Warum drastisch sparen, wenn das Geld so schön billig ist? Das (zu) billige Geld hat die Schuldenkrise ausgelöst.

Nebenwirkungen beachten

Die EZB hatte gehofft, dass die Geschäftbanken das Geld nehmen und damit eigene Finanzierungslöcher schließen, Staatsanleihen kaufen und den Kreditkreislauf ankurbeln.

Doch große Geldsummen sind an die Börse gewandert. Seit der ersten EZB-Geldspritze im Dezember 2011 ist der DAX von 5.700 auf 6.850 Punkte gestiegen. Ein Zuwachs von über 1.000 Punkten innerhalb von nur 8 Wochen. Noch so ein Kurssprung und der DAX greift das Allzeithoch an.

Im ersten Schritt wurde die Unterbewertung ausgelöscht, die im Crash 2011 aufgebaut wurde. Setzt sich der Trend fort, könnte es aber zu einer Überhitzung kommen. Die Ruhepause bei 7.000 Punkten tut dem DAX daher gut. Jetzt können erste Anleger Gewinne mitnehmen und neue Anleger einsteigen.

Gold startet Comeback

Auch der Edelmetall-Markt profitiert von den EZB-Geldspritzen. Im Dezember notierte der Goldpreis bei 1.550 USD je Unze. Heute hätte der Goldpreis fast die Marke von 1.800 USD geknackt.

Parallel zum Aktienmarkt setzten dann aber auch bei den Edelmetallen Gewinnmitnahmen ein. Gold verlor heute über 3%, Silber fast 6%.

Die Gewinnmitnahmen am Edelmetallmarkt dürften aber eine Momentaufnahme bleiben. Gold und Silber profitieren doppelt von der Geldspritze. Ein Teil des Geldes fließt direkt in den Markt, der Rest kann inflationäre Wellen auslösen (was Anleger in Edelmetalle treibt).

29. Februar 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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