Fall Wirecard schadet der deutschen Aktienkultur

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

Wie und warum der Fall Wirecard der deutschen Aktienkultur nachhaltig schadet. (Foto: obs/Wirecard AG/Paul Blind)

Inzwischen dürfte es kaum mehr einen Aktionär in Deutschland geben, der nichts von den heftigen Kurskapriolen des DAX-Mitglieds Wirecard mitbekommen hat. Schließlich ist Wirecard DAX-Mitglied und darüber hinaus war die Aktie in den vergangenen Jahren einer der Überflieger in der deutschen Börsenlandschaft.

Daher befürchte ich auch, dass sehr viele deutsche Aktionäre unter den heftigen Kursverlusten der vergangenen Tage bei Wirecard gelitten haben. Egal wie diese Geschichte am Ende ausgeht – sie hat so oder so der deutschen Aktienkultur geschadet!

Denn wenn ein DAX-Unternehmen aufgrund von Berichten einer Online-Zeitung (in diesem Fall die Online-Ausgabe der renommierten Financial Times) innerhalb weniger Tage in der Spitze beinahe 50% des Börsenwerts einbüßt, sorgt das nicht dafür, dass das Vertrauen der Deutschen in die Aktie an sich wächst.

Was bislang bekannt ist

Am 30. Januar hat die Online-Ausgabe der Financial Times (FT) über angeblich verdächtige Geschäftspraktiken bei Wirecard berichtet. Die Wirecard-Aktie gab daraufhin zweistellig nach. Nachdem sich die Aktie etwas erholt hatte, legte die FT nach.

Im zweiten Bericht der britischen Wirtschafts-Zeitung hieß es, dass eine von Wirecard beauftragte externe Anwaltskanzlei bei einer Prüfung der Niederlassung in Singapur Belege für schwere Straftaten gefunden habe, die auf Fälschungen in der Rechnungslegung hindeuteten. Das Ergebnis: Die Aktie sackte abermals deutlich zweistellig ab.

Wirecard selbst hatte sich gegen die Vorwürfe immer recht zeitnah nach der Veröffentlichung gewehrt. Zu Beginn der zurückliegenden Woche folgte schließlich eine ausführliche Stellungnahme von Wirecard, in der es hieß, dass im Vorjahr ein Mitarbeiter in Singapur gegenüber der Rechtsabteilung Bedenken wegen eines möglichen Verstoßes eines Kollegen aus der Finanzabteilung gegen Bilanzierungsregeln geäußert habe.

Dieser Vorwurf habe sich, so Wirecard, aber weder in der internen Untersuchung, noch durch die Untersuchung einer externen Anwaltskanzlei bestätigt. Vielmehr geht Wirecard laut der Stellungnahme davon aus, dass es sich bei dem Vorwurf um die Eskalation eines Streits zwischen zwei Mitarbeitern gehandelt haben könnte.

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In der Folge legte die FT weiter nach und teilte beispielsweise mit, dass es Mitwisser in der Konzernzentrale in München gebe.

Kritik an der Deutschen Börse

Auf dem Finanzportal Börse Online wurden Auszüge aus einem Brief eines Aktionärs an die Deutsche Börse veröffentlicht. Der Anleger richtet folgende Vorwürfe an die Deutsche Börse:

Erneut habe ich als Aktionär von Wirecard viel Geld verloren – nicht aus Pech, Uninformiertheit oder wegen unglücklicher Spekulation, sondern weil vage Gerüchte die Runde machen und zu dieser unsäglichen Aktienkursentwicklung führen. Und Sie als Börsenbetreiber stehen nur da und schauen achselzuckend zu.

Sie sind Aufseher der deutschen Börsen, heißt es darin weiter. Sie haben deshalb auch eine besondere Verantwortung für die deutsche Aktienkultur. Ich kann nicht erkennen, dass Sie dieser Verantwortung gerecht werden, so der Anleger.

Nach Ansicht des Anlegers hätte die Deutsche Börse frühzeitig einschreiten und die Aktie vorläufig aus dem Handel nehmen sollen. Meine Einschätzung dazu: Die Deutsche Börse ist nicht dafür da, Streitigkeiten zwischen börsennotierten Unternehmen und Wirtschafts-Zeitungen zu schlichten.

Sie ist stattdessen dafür da, Handelsplattformen bereitzustellen, Transparenz über Preise und Umsätze sicherzustellen und Indizes zu berechnen. Sollte es betrügerische Absichten hinter den Attacken auf Wirecard gegeben haben, so müssen dies die Bafin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) und zuständige Gerichte feststellen bzw. klären.

Es tut mir aber dennoch Leid für jeden Anleger, der in den vergangenen Tagen mit Wirecard-Aktien Geld verloren hat und für die deutsche Aktienkultur, die daran ebenfalls Schaden nahm. Meine Einschätzung zur Wirecard-Aktie: Ich würde einen Bogen um die Aktie machen, bis die Vorwürfe geklärt sind.


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Tobias Schöneich
Von: Tobias Schöneich. Über den Autor

Tobias Schöneich, Jahrgang 1982, begeistert sich seit der Jahrtausendwende und somit seit den Zeiten des New-Economy Booms für das Thema Börse und alles unmittelbar damit Verbundene.

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