Falsche Urlaubs-Empfehlung: Es gibt keine perfekte Depot-Absicherung

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Stop-Loss-Marken werden oft empfohlen, sind aber keine perfekte Depot-Absicherung. Bei wenig liquiden Werten versagt die Strategie. (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

Gestern sorgten gute US-Konjunkturdaten für Kursgewinne, heute lösten schwache Arbeitsmarktdaten einen Kursrutsch aus. Wie seit Monaten hier im Schlussgong geschrieben: Es gibt keinen klaren Trend in der US-Wirtschaft. Positive und negative Signale wechseln sich fast täglich ab. Es ist immer wieder erstaunlich, dass Investoren Aktien-Investments von solchen Nachrichten abhängig machen.

Erstaunlich ist aber auch, dass Jahr für Jahr vor der Sommerpause zweifelhafte Börsen-Ratschläge veröffentlicht werden. Ein „Klassiker“ unter den zweifelhaften Ratschlägen: Sichern Sie Ihr Depot vor Urlaubsbeginn mit Stop-Loss-Marken ab. In der Theorie ist das richtig, in der Praxis zeigt diese Absicherungsstrategie Schwächen.

Der Verkaufspreis kann deutlich von der Stop-Loss-Marke abweichen

In einer aktuellen Pressemitteilung empfiehlt die Börse Hamburg, dass Privatanleger vor Urlaubsbeginn ihr Depot absichern sollten. Thomas Ledermann, Geschäftsführer der Börse Hamburg, begründet das auch: „Die Sommermonate dürften turbulent werden, denn die Lage ist brisant. Anleger sollten daher vor dem Urlaub ihre Fonds absichern: mit Stop-Loss-Marken können sie sich vor größeren Verlusten schützen.

Ledermann erklärt auch die Funktionsweise der Stop-Loss-Marken: „Sobald die Kurse eine von den Anlegern vorab festgelegte Untergrenze erreichen, werden die Fonds automatisch verkauft.“

Diese Beschreibung ist korrekt, aber nicht ganz vollständig. Wenn die Stop-Loss-Marke erreicht oder unterschritten wird, kommt es automatisch zu einem Verkauf. Allerdings nicht unbedingt auf dem Preisniveau der Stop-Loss-Marke. Und hier liegt die Falle: Verkauft wird zum nächsten gehandelten Kurs. Die Stop-Loss-Marke darf also auf keinen Fall mit dem Verkaufs-Preis gleichgesetzt werden. Der Verkaufserlös kann sehr dicht an der Stop-Loss-Marke liegen, muss es aber nicht.

Anleger müssen auf einen großzügigen Käufer hoffen

Ein Beispiel: Eine Aktie notiert bei 12 Euro. Die Stop-Loss-Marke wird bei 10 Euro gesetzt. Fällt der Aktienkurs auf 10 Euro, wird der Verkauf automatisch eingeleitet. Der Verkaufserlös kann dann bei 9,99 Euro liegen, aber auch bei nur 8 Euro, wenn im Bereich von 10 Euro bis 8,01 Euro niemand bereit ist, die Aktie zu diesem Preis zu kaufen.

Wer Stop-Loss-Marken setzt, muss daher immer darauf hoffen, dass zeitgleich auch ein Käufer da ist, der einen möglichst hohen Preis zahlt. Speziell bei Wertpapieren, die sehr selten gehandelt werden, ist das aber nicht immer der Fall. In der Praxis können nur wenige Aktien und Fonds als sehr liquide bezeichnet werden.

Fonds werden in der Regel selten gehandelt

Fonds sind im Regelfall Langfrist-Investments und werden daher relativ selten gehandelt. Daher erstaunt es ein wenig, dass ausgerechnet die Fonds-Börse Hamburg eine Stop-Loss-Strategie empfiehlt.

Ich habe heute den Praxistest gemacht und die Fondsumsätze der Börse Hamburg ausgewertet. Der Spitzenreiter kommt auf ein Umsatzvolumen von 744.000 Euro. Das ist ausreichend. Ein solches Volumen ist nicht üppig, deutet aber auf einen relativ regen Handel hin.

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Aber schon in der Top-100-Umsatz-Liste wird es extrem dünn. Ein Tagesumsatz von 3.000 bis 4.000 Euro reichte heute, um die Plätze 90 bis 100 zu belegen. Und das sind die Umsatzspitzenreiter. Insgesamt werden in Hamburg rund 4.300 Fonds gehandelt. Sie können sich leicht ausrechnen, dass viele Fonds heute 0 Euro Umsatz hatten.

Das muss kein Problem sein. Auch wenn es keinen Umsatz gibt, kann es viele Käufer und Verkäufer geben, die grundsätzlich handeln wollen, nur eben nicht zum aktuellen Preis. Ich habe mir daher auch die Geld- und Brief-Seite (Angebot und Nachfrage) angeschaut. Bereits in der Top-100-Liste gab es Fonds, bei denen fast keine Kauf-Interessenten zu sehen waren.

Teilabsicherung macht Sinn

Die kritische Untersuchung der Fonds-Börse bedeutet nicht, dass ich grundsätzlich gegen Stop-Loss-Marken zur Depot-Absicherung bin. Im Gegenteil. Angesichts der unruhigen Zeiten ist das eine sinnvolle Strategie. Das große Aber: Das funktioniert nicht bei allen Depot-Positionen.

Entscheidend ist, wie liquide die Position ist. DAX-Werte werden zum Beispiel fast im Sekundentakt gehandelt. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,9% werden Sie bei Erreichen der Stop-Loss-Marke einen fairen Preis erhalten. Ausnahmen sind nur in seltenen Fällen zu erwarten (Gewinnwarnungen, externe Schocks).

Ebenfalls sehr gut absichern können Sie Derivate (Optionsscheine und Zertifikate). Der Emittent der Wertpapiere steht Ihnen an der Börse stets als Handelspartner zur Verfügung. Speziell Hebel-Produkte sollten Sie daher mit Stop-Loss-Marken absichern, wenn Sie längere Zeit keinen Zugriff auf Ihr Depot-Konto haben.

Stop-Loss-Marken können missbraucht werden

Aktien, ganz besonders Nebenwerte, die nur selten an der Börse gehandelt werden, können dagegen nur mit hohen Risiken abgesichert werden. Es droht immer die Gefahr, dass ein Nachfrage-Loch entsteht und der nächste Umsatz erst 20 oder 30% unter der Stop-Loss-Marke erreicht wird.

Es gibt sogar Gerüchte, dass einige Investoren genau auf solche Chancen lauern. Die Strategie wird „Baumschütteln“ genannt. Ein Investor kauft von einem Nebenwert nach und nach kleinere Positionen. Im 2. Schritt wird die gesamte Position ohne Limit verkauft. Dadurch wird der Kurs fast immer deutlich nach unten gedrückt. Der Kurssturz löst dann viele kleine Stop-Loss-Marken aus. Es kommen immer mehr Aktien auf die Verkaufs-Seite. Der Kurs fällt weiter nach unten. Schritt 3: Der Investor positioniert sich weit unter dem Ursprungswert und sammelt die günstigen Aktien im großen Stil zum Schnäppchenpreis ein.

Der Baum wird einmal kräftig geschüttelt, danach brauchen die reifen Früchte nur noch am Boden eingesammelt werden. Die unfreiwilligen Aktien-Verkäufer, die die Position an sich nur absichern wollten, erleiden dagegen unnötig hohe Verluste. Eine solche Urlaubs-Überraschung brauchen Sie nicht.

Daher die Empfehlung: Falls Sie vor Urlaubsbeginn Bauchschmerzen haben und nicht wissen, ob Sie eine selten gehandelte Aktie halten oder verkaufen sollen, sollten Sie vor der Reise gezielt aussteigen. Dann können Sie mit einem Verkaufs-Limit den Mindestpreis bestimmen.


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Rolf Morrien
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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