Finger weg von Aktien chinesischer Emittenten in Deutschland

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Warum Sie die Aktien chinesischer Unternehmen unbedingt meiden sollten, die sich für einen Börsengang in Deutschland entscheiden (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

Manchmal wähnt man sich in einer Bananenrepublik. Zumindest wenn man sich die „Gepflogenheiten“ chinesischer Unternehmen vergegenwärtigt, die sich für einen Börsengang in Deutschland entschieden haben.

Da hat also gestern ein ominöses chinesisches Chemieunternehmen namens Decheng Technology einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt. Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung kommen in den besten Familien vor, allerdings ist die Häufigkeit, mit der sich gerade chinesische Emittenten auf diese Art und Weise vom Kapitalmarkt verabschieden, in hohem Maße auffällig.

Im Schnitt Verluste von mehr als 90%

Und selbst wenn ein Aktienengagement nicht mit einer Insolvenz endet, kommt das Ergebnis derjenigen, die sich Aktien chinesischer Emittenten ins Depot gelegt haben, ohne Ausnahme einem Totalverlust gleich: Mehr als 90% ihres Vermögens haben Anleger im Durchschnitt mit chinesischen Aktien in den vergangenen 15 Jahren verloren.

Doch kommen wir zurück zu unserem heutigen Kandidaten, der Decheng Technology. Bemerkenswert ist in diesem Fall nämlich schon die Vorgeschichte der Insolvenz. Da hat zum Beispiel die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft den für den Konzernabschluss 2017 erteilten Bestätigungsvermerk widerrufen: Wohl bemerkt im Juli letzten Jahres, also sieben Monate nach Ablauf des Geschäftsjahres. Dieser Schritt war notwendig geworden, nachdem Zusagen des damaligen Vorstands nicht eingehalten worden waren.

Monatelang ohne Vorstand

In diesem Zusammenhang ist es bereits bemerkenswert, dass Decheng Technology überhaupt von einem Vorstand geleitet worden war, der derartige Versprechungen abgeben konnte. Das war bei Decheng Technology nämlich über mehrere Monate nicht der Fall. Als dann ein solcher endlich mandatiert worden war, musste er feststellen, dass ein Kontakt zu den Beteiligungen der Gesellschaft in Hongkong (Zwischenholding) und China (operative Gesellschaften) nicht zustande kommt.

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Nochmal langsam zum Mitschreiben: Die börsennotierte Konzernobergesellschaft in Deutschland bekommt keinen Zugriff auf die eigenen Tochterunternehmen in China. Kein Kontakt heißt keine Kontrolle und ohne Kontrolle hat die deutsche AG kein Geschäftsmodell und ist mithin überschuldet.

Dabei hat es im vergangenen Jahr noch ganz gut ausgesehen. Da wurde über Zukäufe nachgedacht, die das Potenzial haben, „die langfristigen Wachstumsaussichten von Decheng Technology AG zu verbessern“, hieß es aus dem Vorstand des Chemiekonzerns. Auch die Finanzkennzahlen für das Geschäftsjahr 2017 sahen auf den ersten Blick ganz passabel aus. Schließlich wurde ein Umsatzwachstum um 8,3% auf 82,1 Millionen Euro vermeldet, der operative Gewinn soll bei 26 Millionen Euro gelegen haben.

Gerichtsurteile „vergessen“

Dabei zeigt sich eine weitere Eigenart chinesischer Berichterstattung: Nur die positiven Nachrichten werden veröffentlicht, die negative dagegen vergessen. So zum Beispiel die Meldung, dass mehrere Gerichtsurteile gegen das operative chinesische Enkelunternehmen, Quanzhou Decheng Tech Resin Co. ergangen sind, die Strafzahlungen in der Größenordnung von 192 Millionen RMB, rund 25 Millionen Euro umfassen.

Nun bleibt dem Vorstand nichts anderes übrig, als einen Insolvenzplan aufzustellen. Dass dabei auch noch die Aktionäre herangezogen werden sollen, die die Gesellschaft über eine Kapitalerhöhung mit frischem Kapital ausstatten sollen, bedarf von Seiten des Vorstands schon einiger Chuzpe.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.