Fundamentalanalyse oder Chartanalyse – Eine Glaubensfrage

Fundamentalanalyse oder Chartanalyse: Was ist besser? Die Antwort ist überraschend: Es gibt keine eindeutige Antwort. (Foto: Zadorozhnyi Viktor / Shutterstock.com)

Mein Kollege Jörg Mahnert ist nicht objektiv.

Der Profi-Trader und Chefredakteur des Börsenbriefs „Point&Figure-Trader“ ist Charttechniker durch und durch.

In einem pointierten Beitrag vergleicht er Fundamentalanalyse und Chartanalyse.

Wer bei seinem Urteil besser abschneidet, überrascht mich nicht. Schließlich ist Jörg Mahnert Experte der Charttechnik, er schwört auf die Point and Figure – Methode.

Fundamentalanalyse: Menschliche Psyche als Problem

Ein Anleger, der eine Aktie mit immensem Arbeitsaufwand auf ihre Fundamentals durchleuchtet hat, wird von seiner Meinung überzeugt bleiben, auch wenn die Kurse massiv gegen ihn laufen.

Er hat ja schließlich „eine Menge Arbeit in dieses Aktie gesteckt“. Das kann ja seiner Meinung nach nicht alles falsch gewesen sein.

Oft bildet sich dann ein Verhaltensmuster, das verderblicher nicht sein könnte. Die Aktie wird verteidigt. „Sie ist eine noch unentdeckte Perle“. Den anderen Marktteilnehmern wird jegliche „Kompetenz“ abgesprochen.

„Wie kann man nur so dumm sein, den Wert dieser Aktie nicht zu erkennen“. Man findet in diversen Internetforen Gleichgesinnte und spricht sich untereinander Mut zu, indem man sich gegenseitig Argumente für das Investment in diesem Wert liefert.

Charttechniker steigen früher aus

Fallen die Kurse weiter, verabschieden sich die ersten aus der Aktie. Die letzten Standhaften fühlen sich zwar von diesen Anlegern verraten, sprechen sich weiter Mut zu und haben schlussendlich eine weitere „Aktienleiche“ in ihrem Depot.

In der Zwischenzeit ist der charttechnisch orientierte Anleger frühzeitig ausgestiegen und hat sein Kapital in einen Wert mit voraussichtlich mehr Potential gesteckt.

Auch Charttechnik in der Kritik

Börsenprofi Jörg Mahnert vom „Point&Figure-Trader“ sieht in seiner täglichen Arbeit in vielen Veröffentlichungen Charttechnik, wie sie auf keinen Fall sein sollte.

Da wird das Konzept einer objektiven, emotionslosen und effizienten Lagebeurteilung ad absurdum geführt. Es wimmelt in den Charts von Linien, Indikatoren, Retracements, Extensionen und Topbildungen.

Es kann nach Meinung des Experten nicht angehen, dass eine grundlegende Einstellung zur Börse mit Charts „unterfüttert“ wird, die nur die Informationen enthalten, die der „Chartist“ sehen will.

So suchen „Dauerbären“ immer Argumente für eine Topbildung in einem Bullenmarkt. „Dauerbullen“ suchen konstant das Tief in einem Bärenmarkt.

Chartarten, die dieses zulassen, haben zumindest in Jörg Mahnerts täglicher Arbeit keinen Platz. Der Anleger braucht eine objektive, rationale und rationelle Technik – Die Point- & Figure-Analyse ist eine solche.

Fundamentalanalyse oder Chartanalyse: Ein fragliches Fazit

Am Ende ist die Entscheidung zwischen Chartanalyse und Fundamentalanalyse letztlich doch eine Glaubensfrage.

Wir haben eine zweite Meinung eingeholt und Andreas Sommer Experten-Brief „Momentum Trader“ gefragt: Was sind die Vorteile der Chartanalyse? Und wo liegen die Grenzen der Charttechnik? Die Antwort in weniger als zehn Stichpunkten.

Niemand ist vollkommen oder – Nobody’s perfect, wie der Angelsachse sagt. Auch Analysemethoden müssen sich kritisieren lassen.

Gerade wenn es ums Geld geht, will der Anleger schließlich wissen: Wie kann ich die Aktie am besten beurteilen und bewerten?

Eine Methode der Aktienanalyse ist die Chartanalyse. Charttechnik-Profi Andreas Sommer vom Börsenbrief „Momentum Trader“ kennt Stärken und Schwächen der Chartanalyse.

Chartanalyse: Die Stärken

  • Charts spiegeln das tägliche Anlegerverhalten wider. Dieses Verhalten bleibt prinzipiell gleich. Daher hinterlassen Angebot und Nachfrage immer wiederkehrende Muster auf den Charts.
  • Mithilfe der Charttechnik lassen sich markante Trendwechsel an den Märkten oder in einzelnen Aktien frühzeitig erkennen.
  • Die meisten Chartformationen zeigen aufgrund ihrer Ausrichtung die künftige Trendrichtung an.
  • Mit speziellen Chartformationen lassen sich frühzeitig Siegeraktien identifizieren.
  • Sogenannte Konsolidierungs- oder Trendbestätigungsformationen ermöglichen die Mitnahme der „zweiten Hälfte“ der Kursgewinne.
  • Bei bestimmten Kursformationen ist eine Kursziel- Bestimmung möglich.

Chartanalyse: Die Schwächen

  • Chartformationen sind keine Garantie für künftige Kursentwicklungen. Auch Chartmuster für Siegeraktien können nach der Generierung von Kaufsignalen hin und wieder Fehlsignale produzieren. Sie haben daher lediglich prognostischen Gehalt.
  • Alle Theorie ist grau: Methoden zur Kursziel-Berechnung liefern immer nur Anhaltspunkte für mögliche Kurschancen.
  • Das ausschließliche Handeln nach Chartsignalen ist nicht zu empfehlen. Ziehen Sie zur Kaufentscheidung stets die Fundamentalanalyse hinzu.
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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.