Gazprom: Kein Gas mehr über die Ukraine

Sieht so der neue „Kalte Krieg“ aus? Auf dem politischen und diplomatischen Parkett hat sich die Rhetorik zuletzt ein wenig entschärft, doch der Konflikt zwischen dem Westen und Russland um die Ukraine brodelt weiter.

Die wirtschaftlichen Sanktionen Washingtons und der EU treffen die russischen Unternehmen sowie die Finanzmärkte hart, auch der Rubel ging in den vergangenen Monaten auf Talfahrt.

Nun hat mit Gazprom das wohl wichtigste russische Unternehmen, das stetige Handelsbeziehungen zu Europa pflegt, drastische Maßnahmen angekündigt. Ab 2018 soll kein Gas mehr durch die Ukraine als Transitland nach Europa geliefert werden. Stattdessen soll die Versorgung über die Türkei sichergestellt werden. Der Abnahmeort für die europäischen Kunden läge dann an der türkisch-griechischen Grenze.

Gazprom setzt EU unter Druck

Gazprom-Chef Alexei Miller markierte gleich die harte Kante und beschwor die Alternativlosigkeit dieser Maßnahme. In der Konsequenz müsste die EU ihr Gasnetz deutlich ausbauen – und zwar zügig, denn drei Jahre sind knapp bemessen für derart große und grenzübergreifende Infrastrukturprojekte, nicht zuletzt mit Blick auf bürokratische Hürden.

Damit steht die EU nun unter Zugzwang. Rund 80 Prozent der für die EU bestimmten Gasimporte aus Russland laufen bislang über die Ukraine. Und das South-Stream-Pipeline-Projekt, mit dem das Gas an der Ukraine vorbei über das Schwarze Meer und den Balkan bis nach Österreich geliefert werden sollte, hat Gazprom im vergangenen Dezember beerdigt.

Nun soll also nur noch bis zur EU-Außengrenze geliefert werden. Es ist schwer vorstellbar, dass Europas Politiker in Brüssel auf diese einseitige Forderung von Gazprom eingehen und nun unmittelbar damit beginnen, ihr Versorgungsnetz entsprechend russischer Vorgaben aus- und umzubauen.

Wichtige Handelspartner – unerfüllbare Bedingungen

Die Lage ist vertrackt, weil beide Partner unterschiedliche Geschäftskulturen an den Tag legen. Während die EU auf Verhandlung, Verständigung und Kompromissfindung setzt, will Gazprom selbst harte Fakten schaffen und zeigt sich zunächst nicht verhandlungsbereit. Sollte die EU mit dem Ausbau ihres Gasnetzes nicht zügig genug vorankommen, werde man das Gas eben anderweitig verkaufen, so der Tenor.

Andererseits ist allen Beteiligten klar, wie wichtig die Handelsbeziehung zwischen Gazprom und Europa ist. Die EU-Staaten müssen zwei Drittel ihres Gasbedarfs importieren, etwa ein Drittel des Gases kommt aus Russland. Zwar wird in Brüssel fieberhaft nach Alternativen Ausschau gehalten, um sich weniger abhängig von Russland zu machen, doch die Suche gestaltet sich schwierig.

Umgekehrt trägt die EU einen Großteil zum Gazprom-Umsatz bei. Fällt sie als Abnehmer weg oder reduziert die Abnahmemenge, schlägt sich das auch direkt in den Büchern des Energieriesen nieder. Das allerdings scheint aus russischer Sicht derzeit zweitrangig: Moskau nutzt das teilstaatliche Unternehmen, um politischen Druck zu erzeugen.

Politisch und wirtschaftlich keine Lösung in Sicht

Eine Lösung im Gasstreit ist bislang nicht in Sicht. Unterdessen verschärft sich die Lage in der Ostukraine wieder. Die im vergangenen Herbst vereinbarte Waffenruhe ist in den letzten Wochen immer wieder gebrochen worden, es gab Gefechte und zahlreiche Todesopfer.

Die politische und wirtschaftliche Krise ist also längst nicht ausgestanden und wird die Finanzmärkte auch 2015 – und womöglich darüber hinaus – weiterhin beschäftigen. Verhärten sich die Fronten weiter, dürften die Auswirkungen nicht nur an der Moskauer Börse zu spüren sein. Es stehen ungemütliche Zeiten bevor.

23. Januar 2015

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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