Gerry Weber schlittert immer tiefer in die Krise

Ist eine Aktie ein Schnäppchen, nur weil sie in einem Jahr mehr als 70 %verloren hat? Warum Sie von Gerry Weber besser die Finger lassen (Foto: r.classen / shutterstock.com)

Wenn ein Unternehmen ein Sanierungsgutachten in Auftrag gibt, verheißt das für gewöhnlich nichts Gutes. So war es wenig verwunderlich, dass die Aktie des Modekonzerns Gerry Weber Anfang der Woche mehr als ein Viertel ihres Wertes verlor, nachdem genau dieser Fall eingetreten war.

Klares Anzeichen einer Krise

Dazu aufgefordert, ein Sanierungsgutachten gemäß dem S6-Standard des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW) zu erstellen, wird ein Vorstand meist von seiner Hausbank. Die tut dies aus Gründen des Selbstschutzes: Denn zum einen muss die Bank eigene Haftungsrisiken vermeiden, wie sie bei der Vergabe von Sanierungskrediten auftreten können. Zum anderen kann über das Sanierungsgutachten der Straftatbestand der Insolvenzverschleppung vermieden werden, falls die Bank einem defizitären Unternehmen weitere finanzielle Mittel zur Verfügung stellt.

Überprüft wird die grundsätzliche Sanierungsfähigkeit eines Unternehmens anhand eines zweistufigen Modells: Im ersten Schritt wird festgestellt, ob das Unternehmen überhaupt eine positive Fortführungsprognose hat. Im zweiten Schritt müssen die Sanierungsmaßnahmen definiert werden, mit denen der Sanierungskandidat die Wettbewerbsfähigkeit und Rückkehr in die Gewinnzone zurückerlangen kann. Bei einem Sanierungsgutachten geht es also um die Überlebensfähigkeit eines Unternehmens. Auf gut Deutsch: Es geht ans Eingemachte.

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Fällige Schuldscheindarlehen

Dass gerade jetzt die Banken den westfälischen Modekonzern zu einem solchen Schritt auffordern, liegt an den im November fälligen Schuldscheindarlehen: Insgesamt 31 Mio. Euro stehen zur Rückzahlung an und dass Gerry Weber gerade nicht besonders flüssig sein dürfte, sollte für die meisten keine Überraschung sein. Für die Tilgung der Schuldscheine ist also die neuerliche Aufnahme von Fremdkapital notwendig, für die wiederum die Banken gefragt sind. Denn über den Kapitalmarkt dürfte sich Gerry Weber derzeit kaum die nötigen Mittel beschaffen können.

Da kam es den Banken gerade recht, dass der Vorstandsvorsitzende Ralf Weber in seinem jüngsten Quartalsbericht nicht gerade euphorisch in die Zukunft geblickt hat. Die bisherige Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr wurde als „äußerst ambitioniert“ bezeichnet. Eine neuerliche Gewinnwarnung ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Kurs unter massivem Druck

Der Aktienkurs spiegelt diese desolate Lage wider. Nicht weniger als 70 % ihres Wertes hat die Aktie von Gerry Weber im vergangenen Jahr eingebüßt, von denen ehemaligen Allzeithöchstständen im April 2014 ist die Aktie mehr als 90 % entfernt. Eingepreist wird damit aktuell nicht die Sanierung des Unternehmens, sondern Schlimmeres. Mit einer Marktkapitalisierung von gerade einmal 137 Mio. Euro gehört die Aktie inzwischen auch keinem Auswahlindex der Deutschen Börse mehr an. Derzeit gibt es nur wenig Anzeichen, dass sich die Stimmung dreht.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.