Gerry Weber: Wenn aus einer Ertragskrise eine Liquiditätskrise wird

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Führungswechsel bei Gerry Weber lässt Aktienkurs explodieren. Warum Sie dennoch die Finger von der Aktie lassen sollten. (Foto: r.classen / shutterstock.com)

Wenn ein Aktienkurs steigt, nachdem sich der Vorstandschef von seinem Posten zurückzieht, ist das für ihn in der Regel wenig schmeichelhaft. So geschehen bei Gerry Weber am vergangenen Donnerstag, als die Aktie nicht nur stieg, sondern mit einem Kursplus von bis zu 34 % regelrecht explodierte.

Zwar sind damit die massiven Kursverluste, die die Aktie in den vergangenen Monaten erlitt, noch längst nicht aufgeholt. Aber immerhin scheint der Kapitalmarkt dem neuen Vorstandsvorsitzenden das Vertrauen zuzugestehen, das dem alten nach Beauftragung des Sanierungsgutachtens abhandengekommen war.

Ertragskrise wird zu Liquiditätskrise

Dabei war das jüngste Restrukturierungsprogramm nur ein weiterer Schritt in einer ganzen Reihe von Umbaumaßnahmen, die der ostwestfälische Modekonzern in den letzten Jahren durchlaufen hat. Gleich nach seinem Amtsantritt im Jahr 2015 rief Ralf Weber, Sohn der Unternehmensgründers, ein „Jahr der Konsolidierung“ aus. Dieses wurde abgelöst vom „Fit4Growth“-Programm, mit dem das Unternehmen endgültig auf die Erfolgsspur zurückfinden sollte.

Ursächlich für die ganze Misere ist der ungestüme Expansionsdrang, den der Einzelhändler in der Zeit unter seinem Firmengründer und Namensgeber Gerhard Weber durchschritten hat. Doch die angestrebte Bereinigung des Ladennetzes ist einfacher gesagt als getan. Denn üblicherweise kommt es während dieses Schrumpfungsprozesses zwar zu einer Verbesserung der Ertragslage – die geschlossenen Filialen haben sich schließlich vor allem dadurch disqualifiziert, dass sie defizitär waren –, gleichzeitig kommt es durch den schlagartigen Rückgang des Working Capitals zu einer enormen Belastung der Liquiditätssituation des Unternehmens.

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An diesem Umbauprozess sind schon einige textile Einzelhändler gescheitert. Praktiker, Woolworth, Schlecker, Butlers: Die Liste der zwischenzeitlich insolventen Einzelhändler ist lang und liest sich wie ein Who is Who der deutschen Fußgängerzonen.

High Noon schon in wenigen Wochen

Da für einen derartigen Umbau Spezialkenntnisse erforderlich sind, hat der Aufsichtsrat von Gerry Weber mit Florian Frank einen ausgewiesenen Restrukturierungsexperten in den Vorstand berufen. Die namensgebende Familie wird zukünftig nur noch im Aufsichtsrat vertreten sein, was für viele bereits als Begründung für ein Engagement in dem Krisenunternehmen ausgereich hat.

Allerdings steht Frank eine arbeitsreiche Zeit bevor, denn bereits im November kommt es zum Schwur. Dann nämlich steht ein Schuldscheindarlehen im Volumen von insgesamt 31 Mio. Euro zur Tilgung an. Ob dies tatsächlich gelingt, ist aus heutiger Sicht eine 50-50-Wette mit unsicherem Ausgang. Keine gute Ausgangslage, um an der Börse erfolgreich zu sein.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.