Tesla-Aktie: Wo ist der gesunde Menschenverstand!?

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Grotesker Tesla-Kursanstieg. Absurde Bewertung für Apple. Ist uns der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen? (Foto: Hadrian / Shutterstock.com)

Wir sind nahezu alle Spezialisten. Der eine auf diesem, der andere auf jenem Gebiet.

Das mangelnde Wissen auf anderen Gebieten kompensieren wir in aller Regel mit „gesundem Menschenverstand“. Wikipedia definiert dies wie folgt:

„Der Ausdruck gesunder Menschenverstand bedeutet den einfachen, erfahrungsbezogenen und allgemein geteilten Verstand des Menschen bzw. dessen natürliches Urteilsvermögen.“

In den letzten Wochen stelle ich – rein subjektiv – einen zunehmenden Verlust an diesem gesunden Menschenverstand fest. Dazu schauen wir uns einmal 2 Beispiele an.

Was passiert bei einem Aktien-Split?

In aller Regel wird eine solche Maßnahme von einer Aktiengesellschaft vorgenommen, um den Preis der eigenen Anteile attraktiver zu gestalten.

Dazu erhalten Aktionäre eine oder mehrere neue Anteile ins Depot gebucht. Zugleich wird der Kurs der Aktie im selben Verhältnis verringert:

Wenn Sie beispielsweise 10 Aktien im Wert von 1.000 USD im Depot halten und bekommen 10 neue Anteile dazu gebucht, dann sinkt der Wert der Aktie auf 500 USD.

Sie besitzen nach einem Split also nur mehr Aktien, aber nicht mehr Wert im Depot! Und wenn der Kurs im Anschluss an einen Split um +10% steigt, haben Sie auch nicht mehr Wert im Depot, als vor dem Split!

Tesla und Apple: Grotesk, absurd und irrational

In den vergangenen Wochen haben Apple und Tesla jeweils einen solchen Split angekündigt. Die Tesla-Aktie gewann im Anschluss in der Spitze +40%, die Apple-Notierung kletterte um fast +22%!?

Diese Kursanstiege basieren auf einer falschen Wahrnehmung was den Split angeht und eben nicht auf einer exzellenten Gewinnentwicklung dieser Unternehmen: Apple berichtete einen Umsatzanstieg von +7,0% im 9-Monatsvergleich 2020 zu 2019 und ein Plus im Nettoergebnis von +7,6%.

Gestern stieg die Marktkapitalisierung von Apple auf mehr als 2 Billionen USD. Rechnen wir einmal, um Ihnen die Dimensionen dieses Betrages deutlich zu machen:

Angenommen, Sie verdienten pro Minute 100 USD, dann sind das pro Stunde 6.000 USD. Bei einem 8-Stundentag wären das 48.000 USD pro Tag. Bei 5 Arbeitstagen verdienen Sie 240.000 USD pro Woche. Das entspräche einem Jahressalär von 12,48 Mio. USD.

Folglich müssten Sie für einen Betrag von 2.000.000.000.000 USD etwas mehr als 160 ¼  (!) Jahre ohne Unterbrechung arbeiten!

Mit dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) können Sie halbwegs messen, ob eine Aktie eher teuer oder preiswert vom Markt bewertet wird. Dazu wird der Kurs durch den jährlichen Gewinn pro Aktie dividiert.

Laut finance.yahoo.com erwarten die Analysten im Konsens für Tesla einen Gewinn pro Aktie von 1,93 USD. Dementsprechend errechnet sich für die Aktie (Kurs gestern: 1.887 USD) ein KGV von 972,5. Das Apple-KGV liegt übrigens bei 35,1.

Und nun schauen Sie einmal, wie die Anleger der US-Brokers Robinhood in der Tesla-Aktie investiert sind:

Tesla in USD: So sind die Robinhood-Anleger investiert

Der Chart zeigt Ihnen die Entwicklung des Aktienkurses (pinkfarbene Kurve) sowie der Zahl der Robinhood-Depots, in denen die Tesla-Aktie vertreten ist (grünblaue Linie) über die vergangenen 12 Monate per 14. August 2020.

Ich denke, die Grafik brauche ich nicht weiter zu kommentieren.

Repräsentative Corona-Umfrage

Kennen Sie die aktuellen Zahlen der Corona-Infizierten und der Corona-Todesfälle Ihres Heimatlandes?

Machen Sie doch einmal ein Experiment und schreiben Sie Ihre persönliche Schätzung auf einen Zettel. Dann gleichen Sie diese Daten mit den tatsächlichen ab – das geht beispielsweise wunderbar über die Internetseite worldometer oder dem täglichen Situationsbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI).

Die Internetseite KEKST CNC hat im Juli eine repräsentative Umfrage unter jeweils 1.000 Erwachsenen aus 6 Ländern (Großbritannien = UK, Schweden = SE, Deutschland = DE, Frankreich = FR, USA = US und Japan = JP durchgeführt.

Die letzten beiden Fragen aus insgesamt 12 Themenbereichen lauteten wie oben: Wie viele Menschen Ihres Landes (in Prozent der Bevölkerung) waren mit dem Coronavirus infiziert (nicht zwingend auch erkrankt)? Wie viele Menschen Ihres Landes sind am Coronavirus verstorben?

Nachfolgend die Ergebnisse, die mich am gesunden Menschenverstand zweifeln lassen:

Grafik: Anteil der Bevölkerung Ihres Landes an Coronavirus-Infektion / -Todesfälle?

Die großen Prozentzahlen stellen die Umfrageergebnisse dar. Rechts daneben in kleiner Schrift können Sie nachvollziehen, um das Wievielfache die „realen“ Zahlen von den Befragten überschätzt wurden.

Beispiel Deutschland: Die Befragten glauben, dass 11% der deutschen Bevölkerung mit dem Coronavirus infiziert worden seien. Bei rund 83 Mio. Bundesbürgern wären das 9,13 Millionen. Das sind 46x mehr, als tatsächlich vom RKI ausgewiesen wurden (Stand gestern übrigens  226.914).

Die Befragten glauben, dass 3% der deutschen Bevölkerung dem Coronavirus zum Opfer gefallen seien. Das entspräche dann 2,49 Mio. Menschen.

Stand gestern waren laut RKI 9.243 Menschen in Deutschland an oder mit dem Coronavirus – das wird leider nicht genau spezifiziert – verstorben. Das entspricht einem realen Anteil von 0,011% der deutschen Einwohner.

Übrigens sind auch die Umfrageergebnisse der anderen 11 Punkte sehr interessant.

Fazit

William J. O’Neill ist nicht nur Gründer und Betreiber der Börsenzeitung „Investors Business Daily“ sowie der gleichnamigen Internet-Plattform. Aus seiner Feder stammen auch zahlreiche, höchst lesenswerte Bücher zum Handel mit Aktien.

Er hat in Studien nachgewiesen, dass sich das KGV von Mega-Kursgewinnern während ihres Anstieges im Durchschnitt mehr als verdoppeln kann:

Zwischen 1953 und 1985 lag das durchschnittliche KGV der Aktien mit der besten Performance zu Beginn ihres Aufstiegs bei rund 20. Während ihres Aufstiegs erhöhte sich das KGV dieser Top-Aktien im Mittel um +125% auf etwa 45.

Zwischen 1990 und 1995 lag das durchschnittliche KGV der Aktien mit der besten Performance zu Beginn ihres Aufstiegs bei rund 36. Während ihrer Aufwärtsbewegung erhöhte sich das KGV dieser Top-Aktien im Schnitt um +122% auf etwa 80.

Zu Beginn ihres Aufstiegs bewegte sich das KGV dieser Mega-Kursgewinner in einer Spanne von 25 bis 50 und dehnte sich auf 60 bis 115 aus.

In meinem Börsendienst „Die Wachstumsaktien-Strategie“ setze ich auf Unternehmen mit einem kräftigen Gewinnwachstum.

Sowohl Tesla, als auch Apple sind in meiner Strategie definitiv KEINE Wachstumsaktien! Auch wenn ich selbst dem KGV der von mir als Wachstumsaktien identifizierten Titeln recht wenig Bedeutung beimesse:

Ein KGV von 972 (Tesla) oder eine Marktkapitalisierung von 2 Billionen USD (Apple) sind völlig absurd.

Kehren wir wieder zu einem gesunden Menschenverstand zurück!

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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