Gibt es eine gerechte Marktwirtschaft?

Wolfgang Kersting geht in seinem neuen Buch der Frage nach, inwieweit sich Marktwirtschaft und Gerechtigkeit überhaupt vereinen lassen. (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

In seinem neuen Buch „Wie gerecht ist der Markt?“ behandelt Wolfgang Kersting eine philosophische Herangehensweise an ein Thema, das uns in den letzten Jahren mehr als alles andere beschäftigt hat.

Seit 2008 die Wellen der globalen Finanzkrise über uns zusammengebrochen sind, schwimmen wir in den Fragen, wie eine gerechtere Welt aussehen könnte, wie ethische Standards mit Marktwirtschaft zu vereinen sind und wie eine faire Finanzpolitik praktisch anwendbar ist.

Ohne dass es Kersting explizit macht, denkt der zeitgenössische Leser schnell an die Occupy-Bewegung, an die Bezahlungspraktiken von Leiharbeitern, an die Ungleichbehandlung von Frauen in der Arbeitswelt und an das scheinbar veraltete Leitbild des Homo Oeconomicus.

Der kulturelle Markt

Das Buch ist in zwei Teile geteilt. Der erste Teil gibt einen Überblick über unterschiedliche Konzeptionen von Markt, Marktwirtschaft, Liberalismus, Neoliberalismus und sozialer Marktwirtschaft.

Kersting konstatiert bereits zu Beginn, dass der Markt nicht um seiner Selbst willen existiert, sondern stets in einen kulturellen, politischen Kontext eingebunden ist.

Der Markt an sich kenne keine Diskriminierungen: er handle einfach nur nach dem Preis-Leistungs-Prinzip und ist aus diesem Grund ein gerechtes System.

Markt + Sozialstaat = soziale Marktwirtschaft

Er mag zwar ein gerechtes System sein, aber eins, das Ungerechtigkeiten hervorruft. Kersting benennt die Instanz, die hier eingreift: den Sozialstaat.

Erst aus dieser Kombination tritt die uns bekannte soziale Marktwirtschaft hervor.

Der Autor zeichnet die Entwicklungen des Marktes seit Ende des 19. Jahrhunderts nach und nennt die wichtigsten Vertreter marktwirtschaftlicher Thesen und Konzepte wie Bernard Medeville, Adam Smith oder auch Alexander Rüstow und Wilhelm Röpke, um nur ein paar zu nennen.

Der ewig neue Markt

Kersting zeigt dem Leser, dass “der Markt” immer der Interpretation der Marktteilnehmer unterliegt.

So verweilt er einige Zeit auf den Konzepten der Neoliberalen Rüstow und Röpke, unterstreicht ihre besonderen Merkmale und definiert dem Leser ausführlich die Bedeutung des Neoliberalismus, der seinen Ursprung in den jeweiligen Realitäten (der Nachkriegszeit) hat.

Der Begriff der sozialen Marktwirtschaft von Müller-Armack wird von Kersting als ein Anstoß gesehen, die Rollen von Markt und Staat neu zu überdenken.

Der Markt ist demnach ein Instrument, das zur Nutzbarmachung in einen individuellen, gesellschaftlichen Kontext gesetzt werden muss.

Die Marktwirtschaft, die “sozial” ist, ist stark abhängig von dem, was als “sozial” oder “gerecht” angesehen wird.

Doch der Begriff der “Gerechtigkeit” ist verhandelbar, individuell und uneindeutig.

Daher widmet sich Kersting im zweiten Teil seines Buchs dem Begriff der “Sozialen Gerechtigkeit”, wobei er die Beschäftigung mit dem Thema nicht ohne eine gewisse Selbstironie als einen “ökonomischen Dilettantismus der Philosophen” bezeichnet (er zieht dies jedoch einem “philosophischen Dilettantismus der Ökonomen” vor).

Kersting seziert die Gerechtigkeit

Kersting dividiert den Gerechtigkeitsbegriff auseinander, betrachtet ihn von verschiedenen Perspektiven und Ebenen und zeigt uns Gerechtigkeitsparadoxa auf, die sich erst nach näherer Betrachtung ergeben.

Somit kann eine als ungerecht empfundene Sache häufig durch einen Perspektivwechel auf eine Metaebene argumentatorisch unterwandert werden.

In diesem zweiten Teil zeigt der Autor, dass seine Heimat in der Philosophie liegt. Der Gerechtigkeitsbegriff wird verteidigt, diskutiert, der Egalitarismus wird auf die Spitze getrieben und verurteilt.

Egalität philosophisch betrachtet

Komplette Egalität, so Kersting, führe zur Ausschaltung des Individuellen, dessen was den einzelnen ausmacht, ihn definiert und einzigartig macht.

Wirtschaftlich würde daraus eine andauernde Transferleistung resultieren, die den Sozialstaat zu einer “Gleichmachungsmaschine” transformiert.

Aus diesem Grund ist “die genetische Ausstattung der Menschen außerhalb des Bereichs moralischer Beurteilung” (S. 175).

Das verwirrende Potpourri der KrisenDie globale Schuldenkrise schlägt zurück. OECD-Mitgliedsstaaten sind so hoch verschuldet wie nie. Die Katastrophenuhr tickt. › mehr lesen

Im GeVestor-Interview führt der ehemalige Philosophie-Professor aus:

„Ich richte mich gegen eine Gerechtigkeitsauffassung, die Menschen in Bevorzugte und Benachteiligte einteilt, in Mehrmenschen und Mindermenschen und mit dieser Einteilung eine Umverteilung von den Bevorzugten zu den Benachteiligten begründen will.“

Eine solche Aussage kann aber allenfalls als Ideal moralischen Handelns gelten, denn wie alle Ideale, ist auch dieses nur selten mit der Realität zu vereinbaren.

Wie findet man Gerechtigkeit?

Aber muss ein Buch, das sich dem Begriff der “Gerechtigkeit” verschrieben hat, zwangsläufig nur mit Idealen jonglieren?

Kersting sucht nach der idealen Gerechtigkeit, indem er sie positiv durch Humboldtsche Rethorik definiert und auch durch Negativbeispiele, wie dem Egalitarismus, abgrenzt.

Auf der anderen Seite aber macht Kersting klar, dass das Ideal der Chancengleichheit eine Utopie ist, da nicht jeder “seines Glückes Schmied ist” (S. 223) sein kann, und somit auch die Chancengleichheit Ungerechtigkeiten hervorruft.

Das, was Kersting nun schließlich fordert, ist eine Politik, die den Menschen nicht gängelt, für natürliche Ungleichheit materiell kompensiert, sondern ihm Anreize zur eigenen Entfaltung und Entwicklung gibt.

Ironischerweise ganz nach dem Credo der Piratenpartei “Bildung macht frei”.

Kersting findet keine Gerechtigkeit

Er kann den Begriff der Gerechtigkeit nicht fassen. Er ist lediglich einzukreisen. Und hier findet sich auch ein Problem in der Lektüre.

Kersting befindet sich in seiner Analyse auf einer ständigen Metaebene, die davon ausgeht, dass es etwas gibt, das “gerecht” sei.

“Gerechtigkeit” lässt sich deshalb nicht fassen, weil mit jeder Gerechtigkeit eine andere Ungerechtigkeit entsteht.

Das Selbe gilt für die Begriffe der Freiheit oder Selbstbestimmung. Fast schon ernüchternd wirkt es, wenn der Autor zugeben muss, dass es komplette Gerechtigkeit nicht geben kann, gemäß dem Motto “Man kann’s halt nicht jedem recht machen”.

„Es wird immer gerechtere und ungerechtere Gesellschaften geben, nie aber eine gerechte Gesellschaft.“ lautet Kerstings Resümee im Gespräch mit GeVestor.

So ist Kerstings Ausweg aus dieser Misere der mündige Bürger, der für sich selbst erkennt, dass Politik so unvollkommen ist wie die dahinter stehenden Politiker:

Erwarte nicht zu viel, dann kannst Du auch nicht enttäuscht werden. Ein eher bedrückendes Fazit.

Über den Autor:

Wolfgang Kersting wurde 1946 in Osnabrück geboren und zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen Philosophen Deutschlands.

Nach seinem Studium der Philosophie, der Germanistik und Geschichte in Göttingen promovierte er im Jahre 1974. 1982 habilitierte über Kantsche Rechtsphilosophie.

Kersting lehrte viele Jahre an den Universitäten in Hamburg, Marburg, Göttingen, Lüneburg und München bevor er das Amt des Direktors des Philosophischen Seminars der Universität Kiel antrat.

Sein Forschungsschwerpunkt ist die Politische Philosophie, dabei beschäftigt er sich vor allem mit den Themen Sozialstaat, Gerechtigkeit und Gesellschaftsordnung. Bekannt ist er auch für seine intensive Auseinandersetzung mit der modernen Vertragstheorie von John Rawls.

Wolfgang Kersting ist Autor zahlreicher Fachpublikationen. Für sein Buch „Verteidigung des Liberalismus“ erhielt er 2010 den CORINE-Preis.

Das Buch ist im Murmann Verlag erschienen und kostet 24,90€.


Der Gold-Report 2018
So machen Sie die besten Gold-Geschäfte

Sichern Sie sich jetzt gratis den Sonder-Report: “Der Gold-Report 2018” und erfahren Sie exklusiv, welche Aktien in Ihrem Depot nicht fehlen sollten!

Massive Gewinne voraus: So machen Sie 2018 zu Ihrem Goldjahr ➜ hier klicken!


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt