Goldman Sachs: Der Fall bleibt ein Rätsel

An den Aktienmärkten wird über 2 Themen diskutiert: Zum einen hält der isländische Vulkan Eyjafjallajökull die internationalen Reise- und Transportgesellschaften in Schach. Unternehmen wie Lufthansa, Air Berlin und TUI werden an der Börse abgestraft, der Autovermieter Sixt kann sich dagegen über ein nettes Extra-Geschäft freuen.

Zum anderen wirkt immer noch die Schockwelle aus New York nach. Die Klage der US-Börsenaufsicht SEC gegen die „Vorzeige-Bank“ Goldman Sachs beschäftigt die Gemüter. Viele Bank-Aktien tendierten heute erneut schwächer. Der Fall bleibt aber unklar.

Vorwurf: Fehlerhafte Risikohinweise

Im Zentrum des Skandals steht das von Goldman Sachs konstruierte und verkaufte Finanzmarktprodukt „Abacus 2007-AC1“. Anfang 2007 wurde das Finanzmarktprodukt gegründet, nur 9 Monate später war es mit einem Verlust von 99% quasi wertlos.

Die Abacus-Investoren verloren rund 1 Mrd. USD. Gleichzeitig gewannen Hedgefonds, die genau gegen dieses Produkt „gewettet“ hatten, rund 1 Mrd. USD. Das Kapital wurde also nur „umverteilt“.

Dieser Vorgang steht jetzt im Zentrum der Anklage: Die Börsenaufsicht wirft Goldman Sachs nicht vor, Abacus konstruiert und verkauft zu haben, der Kritikpunkt ist der fehlende Risikohinweis (Anlegertäuschung). Goldman Sachs hätte die Kunden darauf hinweisen müssen, dass einige Marktteilnehmer von der ersten Stunde an auf den wertlosen Verfall von Abacus spekuliert haben.

Goldman Sachs mit klarer Verteidigungsstrategie

Die angeklagte US-Bank Goldman Sachs wehrt sich natürlich gegen die Vorwürfe. Der erste Eindruck ist, dass die Bank in dieser juristischen Angelegenheit durchaus Chancen auf ein relativ mildes Urteil hat – sich im Extremfall sogar als „Opfer“ aufspielen kann.

Goldman Sachs will beweisen, dass jeder Kunde darüber informiert wurde, dass am Finanzmarkt auf steigende und fallende Kurse von Abacus spekuliert werden kann. Liegt dieser Hinweis schriftlich vor, wird es schwer, Goldman in die Enge zu treiben.

Ein wichtiger Punkt der Verteidigungsstrategie ist der eigene Schaden. Goldman Sachs veröffentlichte eine Rechnung, dass die Bank durch den Kursabsturz von Abacus als Mitbesitzer 90 Mio. USD verloren hat, aber gleichzeitig nur 15 Mio. USD Gebühren kassiert hat. Unter dem Strich blieb ein Verlust von 75 Mio. USD.

Es gibt jetzt 2 Möglichkeiten: Entweder wusste die Bank tatsächlich nicht, dass sie Miteigentümer von Schrott-Produkten ist (die ihr ein einzelner Mitarbeiter untergejubelt hat), oder aber es gibt in diesem Zusammenhang noch versteckte Zahlungen (zum Beispiel von den Hedgefonds), so dass Goldman an dem Deal doch verdient hat.

Bank oder Einzeltäter?

Goldman Sachs wird also voraussichtlich auf die „Opfer-Rolle“ bestehen. Der Schuldige wäre in dieser Variante der Goldman-Banker Fabrice Tourre, der Abacus fehlerhaft konstruiert hat. Die US-Börsenaufsicht will dagegen beweisen, dass Tourre Rückendeckung von seinen Vorgesetzten hatte.

Das Spiel ist aber heiß: Wenn die Börsenaufsicht nicht beweisen kann, dass Tourre auf Anweisung der Bank gehandelt hat, sondern still und heimlich den gefährlichen Milliarden-Deal vorbereitet hat, um sich 2007 einen fetten Extra-Bonus zu erschleichen, könnte Goldman Sachs am Ende tatsächlich das Opfer spielen.

Aber Goldman Sachs ist auf jeden Fall (mit-)schuldig: Die gigantischen Bonus-Zahlungen führen fast zwangsläufig dazu, dass junge Banker alles tun, um das große Los zu ziehen. Es geht um das schnelle Geld, nicht um den langfristigen Erfolg.

Das Anreizsystem ist eine Einladung zum „Zocken“. Daher ist Goldman auf keinen Fall das arme Opfer. Es geht nur darum, wer mehr Schuld auf sich geladen hat: Hat Goldman Sachs den jungen Banker angestiftet, oder hat dieser eigenmächtig den großen Spielraum ausgereizt?

Der Strippenzieher bleibt (noch) unbelästigt

Das größte Rätsel in diesem Banken-Skandal ist für mich aber, warum der angebliche Strippenzieher des Abacus-Deals, der milliardenschwere Hedgefondsmanager John Paulson, nicht ebenfalls im Zentrum der Ermittlungen steht (zumindest nicht offiziell).

Wenn die Hintergründe der Geschichte stimmen, lief der Abacus-Deal wie folgt ab: Der Hedgefondsmanager John Paulson sprach die Bank Goldman Sachs an, ob sie das Finanzmarktprodukt Abacus gründen und vertreiben könne. Goldman hat den Auftrag angenommen.

In der Gründungsphase soll Paulson mehrfach darauf eingewirkt haben, dass möglichst riskante und schwach abgesicherte verbriefte Hypothekenkredite in das Abacus-Portfolio fließen.

Zeitgleich hat Paulson riesige Wetten auf den Kursabsturz von Abacus platziert. Das Ergebnis habe ich bereits geschildert: Die Abacus-Käufer haben rund 1 Mrd. USD verloren, Paulson und Co. haben dagegen das Geld gewonnen.

Geboren, um zu sterben

Das muss man sich vorstellen: Ein Hedgefondsmanager gibt ein Finanzprodukt in Auftrag, sorgt als Berater dafür, dass möglichst viel Schrott ins Portfolio wandert und kassiert anschließend nach nur wenigen Monaten eine gigantische Summe am Zusammenbruch.

Von der ersten Sekunde an ging es Paulson nur darum, ein Schrott-Produkt von einer prestigeträchtigen Bank verpacken zu lassen, möglichst leichtgläubige Käufer zu finden (die deutsche Mittelstandsbank (!) IKB war ein dankbarer Abnehmer und hat gleich 150 Mio. Euro investiert) und dann nur noch auf den schnellen Untergang zu warten.

Kommentar der Börsenaufsicht: Paulson habe immer offen mitgeteilt, dass er auf einen Crash setzt, daher könne ihm keine Täuschung vorgeworfen werden. Was für eine absurde Begründung!

Welche Rolle spielt Paulson?

Wenn ich als Bauherr einen Architekten beauftrage, in einem Erdbebengebiet ein möglichst instabiles Haus zu bauen, um dann die Lebensversicherungen der Hauskäufer zu kassieren, trage ich eine Mitschuld. Natürlich hat der Bauherr niemanden direkt getötet – und vielleicht hat er sogar die Bewohner vor Erdbeben gewarnt, aber ich darf kein Haus in Auftrag geben und bewusst alle Stützpfeiler entfernen lassen.

Es ist mir völlig schleierhaft, warum Paulson von der Börsenaufsicht nicht in die Zange genommen wird. Eine Möglichkeit: Er hat einen Deal mit der Börsenaufsicht gemacht und soll Goldman Sachs ans Messer liefern. Für die Staatsanwälte ist Goldman Sachs natürlich ein wesentlich prominenteres Opfer als ein Hedgefondsmanager, der nur in Finanzkreisen bekannt ist.

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19. April 2010

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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