Google übernimmt kanadisches Startup North

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Google hat den kanadischen Smart-Glasses-Spezialisten North übernommen. Der Konzern will dadurch seine eigenen Aktivitäten im Bereich smarter Brillen stärken. (Foto: Denis Linine / shutterstock.com)

Schon wieder hat einer der großen US-Technologiekonzerne zugeschlagen: Google hat das kanadische Startup North Inc. mit Sitz in Kitchener-Waterloo/Ontario übernommen. Dies gaben beide Unternehmen in der letzten Woche auf ihren Internetseiten bekannt.

Über den Kaufpreis machte keines der Unternehmen nähere Angaben. Laut Presseinformationen soll Google (bzw. dessen Mutterkonzern Alphabet) etwa 180 Mio. US-Dollar (USD) für die Akquisition auf den Tisch geblättert haben. Auch wenn Google diese Summe wohl aus der Portokasse bezahlen konnte, hat der Deal eine wichtige strategische Bedeutung.

Doch bevor ich auf die Hintergründe der Übernahme eingehe, möchte ich Ihnen das in Deutschland nur in Insiderkreisen bekannte Startup North Inc. näher vorstellen: Das Unternehmen wurde 2012 unter dem Namen Thalmic Labs in Ontario gegründet und ist spezialisiert auf die Entwicklung und den Vertrieb smarter Brillen bzw. Smart Glasses.

North ist Entwickler smarter Brillen

Bei diesen Smart Glasses handelt es sich um Brillen, in denen per eingebautem Chip oder über WLAN-Schnittstellen nützliche Informationen in das Sichtfeld des Trägers eingeblendet werden können. So kann der Nutzer einer smarten Brille z. B. Informationen zu einem historischen Gebäude, das er gerade betrachtet, in das Brillenglas eingeblendet bekommen.

Bedient bzw. gesteuert werden die Smart Glasses z. B. durch Kopfbewegungen. Je nach Brillenmodell sind auch andere Steuerungssysteme, wie z. B. Touchpad- und Fingerring-Steuerungen, integrierbar. Über ein eingebautes Mikrofon ist darüber hinaus eine Sprachsteuerung möglich.

North mit wirtschaftlichen Problemen

Anfang 2019 brachte North unter der Bezeichnung Focals seine Smart Glasses in zwei eigenen Läden (Stores) in Toronto und New York auf den Markt. Die 999 USD teuren Brillen wurden aber schnell zu Ladenhütern, sodass North sich schon nach einem guten Monat für einen radikalen Preisnachlass entschied.

Im Rahmen dieser Preisoffensive waren die Focals ab Ende Februar 2019 dann für nur noch 599 USD zu haben. Parallel dazu eröffnete North weitere Stores in Seattle und an der Westküste der USA. Ende 2019 stoppte North den Verkauf seiner Smart Glasses und kündigte gleichzeitig den Verkauf einer zweiten Generation seiner Brille für 2020 an.

Parallel zu dem Verkaufsstopp wurden 150 der insgesamt 400 North-Mitarbeiter entlassen, um die laufenden Ausgaben zu halbieren und auf monatliche 3 Mio. USD zu drücken. Das Unternehmen stand zur Jahreswende vermutlich schon kurz vor der Pleite.

Laut Insiderinformationen soll North nicht einmal 1.000 Focals an den Mann bzw. die Frau gebracht haben. So gab es Tage, in denen keine einzige Brille in den Geschäften in Toronto und Brooklyn verkauft werden konnten.

Google als Retter in der Not

In dieser misslichen Lage zeigte sich Google als Retter und erwarb das kanadische Startup zu einem wohl sehr günstigen Preis. Entsprechend euphorisch äußerten sich die Gründer von North auf ihrer Internetseite über den Kauf durch Google:

„Wir könnten nicht begeisterter sein, Google beizutreten und einen aufregenden nächsten Schritt in die Zukunft zu tun, auf die wir uns in den letzten acht Jahren konzentriert haben.“

Google verspricht sich von der Übernahme eine starke Unterstützung bei der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen. „Norths technisches Fachwissen wird uns helfen, wenn wir weiterhin in unsere Hardware-Bemühungen und in die Zukunft des Ambient Computing investieren.

Sie werden sich dem Google-Team mit Sitz in Kitchener-Waterloo anschließen, der Heimatstadt von North in Kanada, einer Region mit beeindruckenden technischen Talenten“, so Rick Osterloh, Senior Vice President der Abteilung Geräte und Dienstleistungen bei Google.

Inwiefern diese Aussage bedeutet, dass die Brillen-Spezialisten in anderen Bereichen des Google-Konzerns eingesetzt werden sollen, ist offen. Sie müssen wissen: Google hat schon vor einigen Jahren eigene Smart Glasses entwickelt.

Ursprünglich sollten diese unter der Bezeichnung Google Glas vertriebenen Brillen vor allem an Endverbraucher verkauft werden. Als das nicht funktionierte, wurde Google Glas nur noch an Geschäftskunden vertrieben.

Die Übernahme von North Inc. lässt zumindest vermuten, dass Google mithilfe der North-Technologie wieder eine Datenbrille für den wesentlich größeren Endverbrauchermarkt entwickeln will. Der Deal bedarf noch der Zustimmung der Aufsichtsbehörden.

Übernahmen als Erfolgsfaktor

Die großen US-Technologiekonzerne wie z. B. Google/Alphabet, Amazon und Apple kaufen seit Jahren systematisch Startups auf. Durch diese Übernahmestrategie werden sowohl bestehende Geschäftsfelder gestärkt als auch neue Sektoren erschlossen.

Gezielte Übernahmen sind somit ein wichtiger Erfolgsbestandteil der Technologieriesen. So hat z. B. der Kurs der Alphabet-Aktie seit Jahresbeginn trotz Corona-Krise gut +9% zulegen können. Die Aktien von Amazon (+52%) und Apple (+21%) erzielten im laufenden Jahr sogar noch deutlich höhere Kursgewinne.

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Von: Tobias Schöneich. Über den Autor

Tobias Schöneich, Jahrgang 1982, begeistert sich seit der Jahrtausendwende und somit seit den Zeiten des New-Economy Booms für das Thema Börse und alles unmittelbar damit Verbundene.

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