Grexit: Ich habe da eine ganz andere Theorie

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Die Angst vor einem Crash infolge eines Grexits wächst. Wie ich meine, etwas spät. Oft kommt es anders, als wir glauben. (Foto: imagentle / shutterstock.com)

Seit April begleitet uns die Griechenlandkrise wieder intensiver. Und seit einigen Wochen wird auch wieder verstärkt das Thema „Grexit“, also der Ausstieg (engl. exit) der Hellenen aus dem Euro-Verbund, in der Politik und natürlich in den Medien diskutiert.

Und weil eine Entscheidung darüber näher zu rücken scheint, werden viele Privatanleger immer nervöser. Tatsächlich ist eine Entscheidung aufgrund von erweiterten Verhandlungen allerdings ja schon mehrfach verschoben worden.

Dabei finde ich eines immer wieder kurios, weil ich ähnliche Börsenphasen in den vergangenen 35 Jahren meiner professionellen Beschäftigung mit den Märkten, schon zigmal erlebt habe:

Vernunft ist der bessere Börsenratgeber

Die Privatanleger, die jetzt so nervös werden, sind in der Regel diejenigen, die im März und April in der Nähe der Jahres- und Allzeithochs in den Aktienmarkt eingestiegen sind.

Diese Investoren hätten zu jener Zeit besser darüber nachgedacht, ob es nach einer Kursrallye von mehr als +40% noch Sinn macht, deutsche Aktien zu kaufen. Doch die Gier nach Gewinnen und die Angst, noch mehr von der Rallye zu verpassen, waren größer als jegliche Vernunft.

Ich darf an dieser Stelle daran erinnern, dass ich am 16. März in meinem Beitrag „Tag der Aktie: Wenn Milchmädchen kaufen“ genau davor gewarnt hatte:

„Die 200-Tagelinie bildet den Durchschnitt der letzten 200 Schlusskurse ab und verkörpert damit den langfristigen Trend eines Marktes. Stand Freitag (DAX: 11.901) notierte diese Linie bei 9.856, womit der DAX 30 einen Abstand von +20,75% aufgebaut hatte. Gemessen am heutigen bisherigen Tageshoch beträgt dieser Abstand etwa +22,3%.

Seit dem Jahr 1976 hat es lediglich 5 Phasen gegeben, in denen der DAX 30 nachhaltig über einen Abstand von +20% hinausgegangen ist.

Gewiss: Es ist durchaus möglich, dass der DAX 30 erneut in eine Phase eintritt, die es erst 5x in den vergangenen 40 Jahren gegeben hat. Dann dürfen Sie mit einem Abstand von +27% bis +38% zur 200-Tagelinie rechnen.

Beantworten Sie sich nach Betrachtung dieser Fakten ruhig selbst die Frage, ob es Sinn macht, auf dem aktuellen Niveau noch DAX 30-Aktien zu kaufen.“

Die jetzigen Bedenken wären im Februar angemessen gewesen

Jetzt, nachdem der DAX 30 inzwischen knapp -13% von seinem historischen Hoch im April verloren hat, werden diese Privatanleger plötzlich nervös. Etwas spät, finden Sie nicht auch?

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Schließlich hat das gleiche Thema Grexit, das jetzt die Sorgen der Investoren vor einem (weiteren) Kursabsturz umtreibt, den deutschen Leitindex schon seit Wochen absinken lassen.

Ich habe eine ganz andere Theorie

Erinnern Sie sich noch an den zweiten Golfkrieg? Falls nein, fasse ich noch einmal kurz zusammen, worum es damals ging und was geschah.

Am 2. August 1990 eroberte der Irak gewaltsam Kuwait und setzte zahlreiche Ölquellen in Flammen. Die Empörung der Völkergemeinschaft war riesig, dennoch dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis Einigkeit darüber erzielt wurde, in welcher Form auf diesen Akt der Aggressivität reagiert werden soll.

Am 16. Januar 1991 startete die militärische Offensive „Desert Storm“ (Wüstensturm): Eine Koalition mehrerer Staaten, angeführt von den USA (unter dem amtierenden US-Präsidenten George Bush), war durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrates (Vereinte Nationen) zu Kampfhandlungen legitimiert worden.

Der nachfolgende Chart des DAX 30 zeigt, wie der deutsche Aktienmarkt damals auf den Ablauf der Ereignisse reagiert hatte:

dax 30 von 1989 bis 1991-17-06-2015

Mit Kriegsbeginn startete der DAX 30 seine eigene „Offensive“

Fazit

Solange die Unsicherheit herrschte, ob es tatsächlich zu einem von der Völkergemeinschaft geführten Krieg um Kuwait kommt, gab der deutsche Leitindex immer weiter nach – insgesamt -30,1%. Es grassierte die Angst vor einem Flächenbrand, der durch ein militärisches Eingreifen initiiert werden könnte.

Doch ab dem Moment, als die Kriegsoffensive startete, begann der DAX 30 eine unwiderstehliche Rallye von +21,1% innerhalb von 6 Wochen. Und das, obwohl der Ausgang der Kampfhandlungen ja zu Beginn noch völlig offen war.

Ähnliche Entwicklungen in Krisenphasen gab es immer wieder in der Börsenhistorie. Es ist stets die Unsicherheit vor einem möglichen Ereignis, welches die Kurse sinken lässt. Sobald eine Entscheidung gefallen ist, ist diese Unsicherheit wie weggeblasen.

Mich würde es daher überhaupt nicht wundern, wenn das von vielen als „undenkbar“ bezeichnete Ereignis „Grexit“ letztlich zwar doch eintritt, aber der Aktienmarkt darauf komplett anders reagiert, als viele heute glauben. Wie heißt es so schön:

Die Börse tut selten das, was die Mehrheit der Investoren erwartet!


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.