Griechenland: Darum müssen Sie den Grexit nicht fürchten

Die neue griechische Regierung pokert weiterhin mit einem sehr hohen Einsatz. Heute erklärte sie die Gespräche mit der Eurogruppe für gescheitert. In einer ersten Reaktion geraten die Aktienkurse und der Euro-Kurs an den Finanzmärkten unter Druck. Auf diese Druckmittel setzt offensichtlich die griechische Regierung.

Doch wie stark ist diese Drohung? Blicken wir kurz zurück: Vor rund drei Jahren eskalierte die Staatsschuldenkrise in der Eurozone und das Szenario eines Austritts Griechenlands aus der Europäischen Währungsunion erschütterte sowohl die Politik als auch die Finanzmärkte.

Heute ist die Ausgangslage anders: Der DAX notierte kürzlich – wenn auch nur kurzzeitig – erstmals über der 11.000-Punkte-Marke und die Renditen der Staatsanleihen aus den meisten Eurozonenländern bewegen sich auch aufgrund der erwarteten Staatsanleihekäufe durch die EZB weiter in Richtung Süden.

In Griechenland sieht es dagegen anders aus. Während der neue Ministerpräsident Alexis Tsipras im Wahlkampf noch versuchte, mit einem Grexit (Austritt Griechenlands aus der Währungsunion) zu drohen, hat sich seine Rhetorik inzwischen deutlich geändert. Aktuell wechselt fast täglich die griechische Verhandlungsstrategie: Mal gibt es Kompromissvorschläge, dann wieder Drohungen.

Die Länder der Eurozone fürchten den Grexit nicht mehr

Der Grund für die Verhandlungsbereitschaft an einigen Tagen: Es wurde klar, dass andere Eurozonenländer sich vor dem ersten möglichen Euro-Austritt nicht mehr fürchten. Einige namhafte Volkswirte hatten bereits im Jahr 2012 erklärt, dass ein Grexit nicht das Ende des Euro bedeuten würde.

Hinzu kommt, dass Tsipras den Grexit selbst nicht will und die Mehrheit der Griechen wollen ebenfalls in der Eurozone bleiben.

Auf der anderen Seite muss die Regierung Härte zeigen, da ansonsten schon nach wenigen Tagen deutlich wird, dass es im Wahlkampf nur haltlose Versprechungen gab. Die neue griechische Regierung versucht jetzt verzweifelt, irgendwie diesen Spagat zwischen Kompromiss und Härte zu schaffen.

Wie sich ein Grexit auswirken könnte

Die wohl wichtigste Frage in diesem Zusammenhang ist, ob nach einem möglichen Grexit mit einem Übergreifen auf andere Länder gerechnet werden muss. Ich denke nicht, dass dies geschehen würde.

Dafür gibt es aus meiner Sicht zwei gute Gründe. Zum einen ist der Wille zur Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit und zur Verbesserung von strukturellen Rahmenbedingungen (die dafür zwingend notwendig sind) in den anderen Euro-Ländern, die Probleme haben, deutlich ausgeprägter als in Griechenland.

Der zweite Grund ist, dass die Ausgangslage in den anderen Ländern nicht unmittelbar vergleichbar ist. Irland beispielsweise erzielt seit geraumer Zeit wieder Außenhandelsüberschüsse.

Das bedeutet, dass Irland wieder mehr Waren exportiert als aus dem Ausland einkauft. Das gilt übrigens auch für Spanien, wo zusätzlich eine steigende Investitionsdynamik zu beobachten ist.

Grexit würde eher helfen als destabilisieren

Daher gilt: Sollte Griechenland den Euroraum tatsächlich verlassen, dürfte dies auf den Rest der Eurozone keine destabilisierende Wirkung haben, sondern vielmehr eine disziplinierende Wirkung. Und dadurch könnte sich die wirtschaftliche Situation in der gesamten Eurozone mittelfristig eher verbessern als verschlechtern.

Für mich geht die größere Gefahr einer Destabilisierung von zu großen Zugeständnissen an die Griechen aus. Denn diese würden mit großer Sicherheit den Reformwillen in den anderen „Problemländern“ schwächen.

Umfrage unter Investoren: Grexit-Wahrscheinlichkeit steigt

Die Nachrichtenagentur Reuters meldete heute die Ergebnisse einer zum Thema passenden Umfrage unter Anlegern, bei der 1.000 private und institutionelle Investoren aus 20 Ländern befragt wurden.

Das Ergebnis: 32% der Befragten erwarten den sogenannten Grexit innerhalb der nächsten 12 Monate. Noch eine Woche zuvor lag dieser Wert bei 29,6%. Somit rechnen immer mehr Investoren mit dem Euro-Austritt Griechenlands.

Da immer mehr Investoren die neue Situation in ihre Anlageentscheidungen einfließen lassen, erwarte ich keinen großen Überraschungseffekt, wenn das oben beschriebene Szenario eintritt.

Fazit: Rechnen Sie auf jeden Fall mit einigen stürmischen Tagen, wenn Griechenland die harte Linie fährt, aber für schlaflose Nächte sollten die Ereignisse nicht sorgen. Im Gegenteil: Eine dauerhafte Lösung der Griechenland-Krise würde die Märkte sogar stabilisieren.

16. Februar 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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