Griechenland und der Grexit: Eine aktuelle Bestandsaufnahme

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat heute wieder zugeschlagen. Aus EZB-Kreisen kam die Meldung, dass die Notenbank noch mehr Geld in das System pumpen will. Die Reaktionen an den Märkten: Der Euro-Kurs gab deutlich nach und im Gegenzug legten die Aktienkurse kräftig zu. Der deutsche Leitindex DAX gewann gut 2% und sprang auf 11.853 Punkte.

Die Notenbank überdeckte damit wieder einmal die wichtigen politischen Diskussionen. Griechenland steht finanziell mit dem Rücken zur Wand und viele Beobachter rechnen mittlerweile damit, dass es zum sogenannten Grexit (also zu einem Austritt Griechenlands aus dem Euro) kommt.

Die Bundesbank sieht Griechenland aktuell kurz vor der Pleite. Ohne ein Einlenken im Schuldenstreit droht Griechenland nach Ansicht der Bundesbank die Staatspleite. Das bis Ende Juni laufende Hilfsprogramm könne unter den aktuellen Bedingungen nicht fortgesetzt werden, heißt es im kürzlich veröffentlichten Monatsbericht der Bundesbank.

Die Zahlungsfähigkeit Griechenlands ist akut bedroht

Daher könnten Hilfskredite und Transfers nicht mehr gezahlt werden. „Die Zahlungsfähigkeit Griechenlands ist akut bedroht“, mahnte die Bundesbank. Eine nachhaltige Lösung sei nicht ohne substanzielle Reformen und Maßnahmen in Athen möglich. Und zu denen habe sich Griechenland schließlich verpflichtet.

„Dabei steht die derzeitige griechische Regierung in der Verantwortung, angemessene Vorschläge zu unterbreiten, getroffene Vereinbarungen umzusetzen und so das ihre beizutragen, eine Insolvenz des Staates mit starken Verwerfungen in Griechenland zu vermeiden.“ Eine Einigung in den entscheidenden Fragen ist derzeit allerdings nicht absehbar.

Nach Ansicht von Michael Heliassos, einem griechischen Finanzwissenschaftler, der an der Universität Frankfurt lehrt, haben die Probleme in Griechenland tiefergehende politische Ursachen. Daher seien die Probleme auch nicht durch ein Einlenken der griechischen Regierung im aktuellen Schuldenstreit lösbar.

Dies geht aus einer Problemanalyse von Heliassos vor, die in Auszügen in der heutigen Ausgabe der „Börsen-Zeitung“ veröffentlicht wurde. Erfahren Sie jetzt weitere Details zu seinen Ausführungen.

Eine Problemanalyse von Michael Heliassos

Seit dem Ende des Bürgerkrieges sei nach Ansicht von Heliassos das ganze Land quasi politisiert und auf den Staat hin ausgerichtet worden. Die Parteien hätten sich selbst des Staates bemächtigt und die Privatwirtschaft gegängelt.

Entsprechend habe sich kein wirklich freier Privatsektor bilden können. Selbst die verbliebenen Bereiche seien entweder auf öffentliche Subventionen angewiesen gewesen oder hätten unter dem Einfluss politischer Gruppierungen gestanden.

Daher war die Rettungspolitik des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) nach Ansicht von Heliassos auch von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen.

So hätten die erzwungenen Lohnsenkungen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit zwar die Kennzahlen verbessert, doch wegen der fehlenden industriellen Exportbasis seien daraus kaum Wachstumsimpulse hervorgegangen. Zudem habe sich die Bevölkerung gegen die Reformen gestellt.

Der erfolgversprechendere Weg

Nach Einschätzung von Heliassos wäre es erfolgversprechender gewesen, wenn man von Anfang an stärker gegen die Korruption vorgegangen wäre. Dies ist übrigens auch heute noch die Ansicht des griechischen Finanzwissenschaftlers.

Zudem hätte man stärker die zu langen Genehmigungszeiten bei Investitionen kappen, Investoren ins Land holen, Forschung und Entwicklung stärken und vor allem den Bildungssektor verbessern sollen.

Anders gesagt: Der Fokus auf eine Wachstumsstrategie hat gefehlt. Damit wäre es unter Umständen auch gelungen, die Bevölkerung mit ins Reformboot zu holen. Doch stattdessen wurde in der Vergangenheit genau das Gegenteil getan und leider sieht es heute nicht anders aus.

Daher wäre ein Ende mit Schrecken wohl immer noch besser als ein Schrecken ohne Ende. Soll heißen: Ein sogenannter Grexit wäre mittelfristig eher ein Segen als ein Fluch für die übrigen Beteiligten.

19. Mai 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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