Größte wirtschaftspolitische Herausforderung für Österreich

Österreich Symbolbild – Composer ado

Um 8% sank im 1 Halbjahr die Wirtschaftsleistung der Alpenrepublik und auch das Exportgeschäft musste ordentlich Federn lassen. (Foto: Composer / Adobe Stock)

Die Covid-19-Krise stellt sich als größte wirtschaftspolitische Herausforderung in der Alpenrepublik dar. Im 1. Halbjahr sank die österreichische Wirtschaftsleistung um fast 8%. Die Wirtschaft brach insbesondere im 2. Quartal ein. In dieser Periode betrug das BIP rund 87,1 Mrd. €. Zum Vergleich im 2. Quartal 2019 betrug das BIP 98,33 Mrd. €, im 4. Quartal 2019 103,7 Mrd. €.

Auch das Exportgeschäft litt unter der Pandemie und dem damit verbundenen Lockdown. Österreich verzeichnete einen Rückgang der Gütertransporte um 23% im April und 18% im Mai. Im Juli und August erholte sich der Export, mittlerweile befindet sich das Defizit nur noch im einstelligen Prozentbereich. Experten erwarten, dass die Wirtschaftsleistung erst Mitte 2022 das Vorkrisenniveau erreicht.

Staatsdefizit steigt und steigt

Der im Mai vom Parlament verabschiedete Haushaltsentwurf für 2020 beinhaltete ein Defizit von 20,6 Mrd. €, das sind rund 5,5% des BIP. Die Regierung hatte aber bei der EU-Kommission ein voraussichtliches Defizit von 30,5 Mrd. € – rund 8% des BIP gemeldet. Das teure Covid-19-Maßnahmenpaket und die Einnahmeausfälle führten zu einem immer höheren Budgetdefizit.

Der Lockdown verursachte einen Wirtschaftseinbruch, der staatliche Einnahmequellen zusätzlich reduzierte. Statistiker der Bank Austria rechnen mit einem Budgetdefizit von rund 10% des BIP. Damit steigt die Staatsverschuldung nach vier Jahren erstmals wieder an. Auch für das Jahr 2021 muss mit einem Budgetdefizit gerechnet werden.

Hier sehen Wirtschaftsanalysten aber eine geringere Quote von rund 2%. Die Arbeitslosigkeit könnte den Staatshaushalt länger als geplant belasten. Die krisenbedingte Arbeitslosigkeit konnte erst zu einem Drittel wieder abgebaut werden. Wirtschaftsfachleute befürchten, dass sich die Arbeitslosigkeit verfestigt und die Zahl der Langzeitarbeitslosen ansteigt. Am Anfang der zweiten Jahreshälfte war die Langzeitarbeitslosigkeit schon um ein Viertel höher und hatte fast den Höchstwert aus dem Jahr 2016 erreicht.

Musterland von zweiter Corona-Welle stark getroffen

Gerade anfangs galt Österreich als Musterland, was Corona-Maßnahmen betraf. Mit niedrigen Infektionszahlen konnte Österreich kurz nach Ostern erste Lockerungen einführen. Doch bis zum Frühsommer kehrte Normalität ein, vermutlich zu viel Normalität. Dann stiegen in Österreich die Infektionszahlen schneller als in anderen Ländern. Viele Covid-19-Infektionen konnten auf Urlaubsreisen im Ausland zurückgeführt werden. Anfangs konnten die Cluster noch gut ausfindig gemacht werden.

Dann kamen die zuständigen Stellen mit dem Testen und Contact-Tracing nicht mehr nach. Es fehlte an Personal. Bei Teststationen kam es zu langen Wartezeiten, und Testergebnisse lagen erst Tage später vor. Das machte die Nachverfolgung von Kontakten immer schwieriger. Um regional zu differenzieren wurde die Corona-Ampel eingeführt. Die Ampel sollte die vier Stufen Rot, Orange, Gelb und Grün veranschaulichen und auf wissenschaftlichen Kriterien automatisch die aktuelle Lage aufzeigen.

Die Regierung sorgte mit dieser Maßnahme für große Verwirrung, denn es war nicht klar, mit welchen Maßnahmen die einzelnen Farben verbunden waren. Dagegen führte die Regierung immer mehr bundesweite Maßnahmen ein, unabhängig von der Corona- Ampel. Der Regierung wurde unterstellt, dieses Instrument weniger nach medizinischen und Epidemie-Kriterien zu nutzen, als politisch.

Außerdem war das Komitee überwiegend von der Politik anstatt von Experten besetzt. Auch die Corona-App versank in einer politischen Debatte. Die ursprünglich geplante Verpflichtung zur Nutzung der App dämpfte den Enthusiasmus. Die App des Roten Kreuzes sollte das Contact-Tracing erleichtern. Österreich war eigentlich Vorreiter mit dieser App, doch die politische und rechtliche Debatte nahm dem Projekt den Aufwind. Nur rund 1 Mio. Nutzer registrierten sich. In Deutschland waren Mitte Juni bereits 15 Mio. Nutzer registriert.

Ein weiteres Problem waren erlaubte Privatveranstaltungen. Not machte die Nachtgastronomie erfinderisch. Diese Branche suchte ein Schlupfloch für Einnahmequellen. Infolgedessen wurden viele erlaubte Privatveranstaltungen in Clubs durchgeführt, um die anhaltende Schließung und Sperrstunde zu umgehen. Das führte erneut zu höheren Infektionszahlen. Aus diesen Gründen stuften mehrere Länder Österreich oder einzelne Bundesländer als Corona-Risikogebiet ein.

Kündigungswelle und wirtschaftlich nicht tragbare Unternehmen

Die Liste mit österreichischen Firmen, die eine Großzahl von Stellen abbauen, wurde immer länger. Der Spezialist im Bereich Luftfahrtkomponenten FACC kündigte den Abbau von 650 Arbeitsplätzen an. Mayr-Melnhof plant den Abbau von rund 130 Jobs in Niederösterreich. Der Stahlkonzern voestalpine muss sich von 500 oder mehr Mitarbeitern in der Steiermark trennen.

Agrana kämpft um das Werk in Niederösterreich, bei Schließung des Werks droht 150 Mitarbeitern die Arbeitslosigkeit. Vermutlich halten Staatshilfen rund 50.000 Unternehmen über Wasser. Unternehmen werden durch die Unterstützungen wie Fixkostenzuschläge, Steuerstundungen, staatlich garantierte Kredite und Kurzarbeit künstlich am Leben gehalten.

Doch was ist nach der Covid-19-Krise? Es stellt sich die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, alle Unternehmen zu retten. Gerade im Hotel- und der Airlinebranche ist es fraglich, ob weiterhin viele ausländische Gäste und geschäftlich Reisende kommen. Kritiker machen darauf aufmerksam, dass Unternehmen, die eigentlich schon insolvent wären, der Wirtschaft auch schaden können. Diese Unternehmen bieten oft Waren und Dienstleistungen zu Dumping-Preisen an. Sie drücken den Preis und verkaufen zu Preisen, mit denen gesunde Unternehmen nicht überleben können. Damit schadet man wirtschaftlich soliden Unternehmen.

Die Covid-19-Maßnahmen haben die Gewohnheiten der Bevölkerung geprägt. Wie sich das auswirkt, wird sich zeigen: Es könnte zu deutlich weniger Flugreisen sowie mehr Einkäufen im Onlinehandel führen.

Aktienkurse – Jirapong Manustrong – shutterstock_573121573

Voestalpine: Üppige Dividende und AktienrückkäufeDer österreichische Industriekonzern Voestalpine schüttet eine üppige Dividende aus und will weitere Aktien zurückkaufen. Hier die Details: › mehr lesen


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Volker Gelfarth
Von: Volker Gelfarth. Über den Autor

Der Diplom-Ingenieur lernte die Schwächen und Stärken eines Unternehmens selbst als Manager kennen, bevor er sich voll und ganz der Value-Analyse widmete. Er ist Chefredakteur für die Dienste Aktien-Analyse, Gelfarths Dividenden-Letter, Gelfarths Premium-Depot und High Performance Depot.

Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig den kostenlosen E-Mail-Newsletter von Volker Gelfarth. Herausgeber: GeVestor Verlag | VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG. Sie können sich jederzeit wieder abmelden.

Hinweis zum Datenschutz