Haben Sie Angst vor dem Brexit?

Wir Menschen sind schon eine merkwürdige Spezies.

Immerzu machen wir uns Sorgen über das, was geschehen könnte. An den Börsen ist dies besonders schlimm, wenn „entscheidende“ Termine anstehen:

Dann wird im Vorfeld in den Medien Wochen- oder gar monatelang darüber parliert, welche Folgen es haben könnte, wenn die Entscheidung so oder so ausfällt. Am 23. Juni steht wieder einmal so ein „entscheidender“ Termin an: Der Brexit.

Sie kennen das schon vom Grexit: Dieser künstliche Begriff ist entstanden durch die Zusammenziehung des englischen Wortes „Exit“ (=Ausgang oder hier: Austritt) mit den Anfangsbuchstaben von Griechenland.

Diesmal geht es um den möglichen Austritt Großbritanniens (englisch: Britain), aus der Europäischen Gemeinschaft EU. Dazu stimmt die britische Bevölkerung am 23. Juni in einem Referendum über den Verbleib oder den Austritt ab.

Immer das Gleiche: Investoren und politische Termine

Ich möchte hier und heute gar nicht über die möglichen Folgen eines Austritts spekulieren. Das tun andere Experten wie beispielsweise die Bertelsmann-Stiftung in ihrer Studie vom 27. April 2015 viel besser, als ich es je könnte.

Mir geht es heute mehr um unseren Umgang mit derartigen Terminen. Dazu gebe ich Ihnen ein Zitat aus meinem Börsendienst „Die Wachstumsaktien-Strategie“ weiter, der bis Anfang März 2016 unter dem Titel „Momentum-Trader“ firmierte:

„Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Seit rund 13 Monaten werden die Börsen von immer neuen wichtigen politischen Terminen in eine Warteposition versetzt. Ob die Entscheidung des US-Kongresses über die Anhebung der Schuldengrenze, Zustimmungen der Europäischen Union über Hilfspakete für Griechenland oder spanische Banken, Neuwahlen in Griechenland und Frankreich oder die anstehende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes über den Europäischen Stabilitätsmechanismus… . Dabei habe ich nur die wichtigsten Termine aufgeführt, die mir ganz spontan ins Gedächtnis kamen.

Natürlich: Auch früher hat es immer wieder einmal wichtige politische Termine gegeben – nicht jedoch in dieser geballten Form. Ich empfinde sie mittlerweile als extrem lästig und nervig, weil sie an den Märkten fast immer zu einer regelrechten Lethargie führen.

Überdies ist der Ausgang dieser politischen Entscheidungen in aller Regel unkalkulierbar, was uns Analysten die Arbeit ungemein erschwert.“

Dieses Zitat stammt aus der Momentum-Trader-Ausgabe vom 2. September 2012. Ich hätte es indes auch zu allen anderen Terminen bringen können, weil die Kernaussagen daraus zu jeder Zeit gültig sind.

Die Börsen-Formel für (politische) Entscheidungstermine

Wenn wir nicht wissen, was uns die Zukunft, sprich: eine anstehende Entscheidung bringt, dann neigen wir dazu, in Lethargie zu verfallen. Auf die Börse bezogen bedeutet das:

Wir stellen Investment-Entscheidungen über Käufe zurück. Wenn wir in Aktien positioniert sind, verkaufen wir lieber vorsichtshalber, für den Fall, dass aufgrund der Entscheidung die Welt untergeht.

Die daraus resultierende Formel für die Aktienmärkte lautet: Im Vorfeld anstehender (politischer) Entscheidungen von Tragweite ist das Angebot fast immer höher als die Nachfrage. Die Folge sind in der Regel sinkende Notierungen.

Das Fatale daran ist jedoch: Wenn der Termin dann tatsächlich eine Entscheidung im negativen Sinne bringt, dann ist die Zahl derer, die noch verkaufen wollen, eher gering: Die Verkäufe beschränken sich auf die Investoren, die optimistisch ihre Positionen durchgehalten haben, nun aber resignieren.

Bringt der Termin indes einen positiven Ausgang, dann wollen alle wieder Aktien kaufen, da die Zukunft nun ja wieder rosig ausschaut. Dann übersteigt die Nachfrage bei weitem das Angebot: Die Aktienkurse explodieren regelrecht.

Denn Sie wissen nicht, was DIE tun!

Wenn Sie einmal in Ruhe darüber nachdenken, dann werden Sie zu der Erkenntnis gelangen, dass Sie als Einzelperson völlig außerstande sind, die Entscheidungen so oder so „entscheidend“ zu beeinflussen. Das heißt:

Der DAX und politische Termine: Fast immer ein Non-Event

Sie können ohnehin nichts am Ausgang eines solchen Termins ändern. Und weil das so ist, fahren Sie immer am besten, wenn Sie auf derartige politische Termine überhaupt nicht reagieren!

In der nachfolgenden Grafik habe ich einmal eine Auswahl solcher politischen Termine (die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt) der jüngeren Vergangenheit in einen DAX-Chart eingetragen:

dax und politische termine-09-06-2016

DAX und politische Termine: Fast immer ein Non-Event

Sie sehen es selbst: In den weit überwiegenden Fällen ging es nach derart politischen Entscheidungs-Terminen allenfalls noch kurz abwärts, dann jedoch, teils sogar massiv, aufwärts.

Rühmliche Ausnahme: der 31. Juli 2011

Bemerkenswert ist in dieser Grafik die Einigung des US-Kongresses über die Anhebung der Schuldenobergrenze für die USA am 31. Juli 2011: Hierbei handelte es sich ja eigentlich um einen letztlich positiven Ausgang, über den sich die Investoren hätten freuen sollen.

Tatsächlich stürzten die Aktienkurse weltweit postwendend nach der Einigung ab. Ich habe seinerzeit umgehend gehandelt und den Lesers meines Börsendienstes den sofortigen Verkauf des gesamten Depots empfohlen. So haben meine Leser den Herbst-Crash 2011 fast komplett vermieden!

Auch nicht-politische Entscheidungen können Sie nicht ändern!

Kein politischer Termin, aber für die Börsen dennoch entscheidender Moment, waren die Tage nach dem 15. März 2011: Ausgelöst durch das Erdbeben in Japan und den daraus resultierenden Tsunami kam es zur Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima.

In jenen Tagen drohte eine dadurch entstandene radioaktive Wolke Tokio und Umgebung zu kontaminieren: Die Folgen wären vermutlich verheerend für die Bevölkerung in der Region, für Japan und auch für das globale Finanzsystem gewesen.

Nun, Sie wissen, was dann geschah: Die radioaktive Wolke drehte (gottseidank) ab und nicht nur die Finanzwelt atmete auf. Danach rasten die Aktienkurse regelrecht nach oben.

Fazit

Ich vertraue auf die Vernunft der Briten, dass sie die „richtige“ Entscheidung treffen und in der EU verbleiben. Und wenn nicht, kann ich es halt auch nicht ändern.

Dann werde ich, falls notwendig, reagieren und den Lesern der Wachstumsaktien-Strategie meine Empfehlung weitergeben.

Eines ist jedoch auch klar: Während die meisten Anleger ängstlich auf den Ausgang des Referendums warten und nichts tun, verdienen meine Leser richtig Geld:

Unser Wachstumsaktien-Depot liegt aktuell mit +3,8% seit Jahresanfang im Gewinn, das ETF-Depot gar mit +20,0%. Zum Vergleich:

Der DAX bringt es im selben Zeitraum auf ein Minus von -4,9%, der S&P 500 liegt mit -1,2% (währungsbereinigt) im Hintertreffen.

9. Juni 2016

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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