Hat die Bodenbildung schon begonnen?

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Wer zu früh kauft, den bestrafen Kursverluste. Strenge Auswahl ist der Schlüssel zum Erfolg. (Foto: SergeyP / Shutterstock.com)

Vielen von Ihnen werden sich momentan die Frage stellen, ob die Märkte nach ihrer überraschenden Korrektur in den vergangenen beiden Monaten inzwischen einen Boden gefunden haben. Und wenn dem so wäre, ob Sie als langfristig orientierter Anleger wieder an den Aktien-, Anleihen- und Rohstoffmärkten aktiv werden sollten?

Mehr als 1 Billion Euro

Als Indiz für eine Bodenbildung könnte angesehen werden, dass Notenbanken und Regierungen inzwischen Gelder in einem Ausmaß ins System pumpen, wie es die Menschheit zuvor noch nicht gesehen hat. Ganz im Stile ihres Vorgängers Mario Draghi, der einst sein Handeln mit „whatever it takes“ zusammenfasste, beschreibt die jetzige EZB-Präsidentin Christine Lagarde das Pandemie-Notfall-Kaufprogramm (PEPP) in Höhe von 750 Milliarden Euro auf Twitter mit den Worten: “Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliches Handeln”. Beendet werde es erst, sobald der EZB-Rat die Corona-Krise für bewältigt erklärt, keinesfalls aber vor Jahresende.

Geplant ist, Wertpapiere aus der Privatwirtschaft und aus der öffentlichen Hand aufzukaufen, und zwar “so viel wie nötig und so lange wie nötig”. Zusammen mit dem bereits laufenden Anleihekaufprogramm wird daher bis Ende dieses Jahres ein Kaufvolumen von 100 Milliarden Euro pro Monat in Aussicht gestellt. In Summe dürfte die 1-Billion-Euro-Grenze locker überschritten werden.

Ans Eingemachte

Ob das aber ausreicht, weiß niemand. Keiner kann mit Sicherheit sagen, wie schnell die Pandemie sich ausbreitet und wann sie besiegt sein wird. Sicher aber sind die wirtschaftlichen Folgen des Shutdowns oder Lockdowns. Nahezu alle Industrieländer sind davon betroffen und bei vielen Unternehmen und selbst Industriesektoren geht es allmählich ans Eingemachte.

Die Strategen der Schweizer UBS etwa rechnen damit, dass die aggregierten Gewinne europäischer Unternehmen in diesem Jahr um 33 % zurückgehen werden. Die US-Investmentbank Goldman Sachs befürchtet für den EuroStoxx 600 sogar einen Gewinneinbruch um satte 45 %. So recht haben sich diese Index-Erwartungen jedoch noch nicht in den Gewinnschätzungen der Unternehmensanalysten, die derzeit noch von einem Gewinnanstieg um 2 % ausgehen.

Analysten hinken hinterher

Das ist beileibe nichts Ungewöhnliches. Gewinnerwartungen von Einzelwerteanalysten hinken häufig den Gewinnerwartungen der Strategieanalysten hinterher. Vergleichbare Divergenzen hat man schon in früheren Krisenzeiten beobachten können. Wenn man es also weiß, wie kann oder soll man dann als Anleger damit umgehen?

Auf jeden Fall mit einer gehörigen Portion Vorsicht. Denn aller Erfahrung nach haben die Herabstufungen von Einzelwerteanalysten am Kapitalmarkt eine andere Wirkung als die Einschätzungen von Strategieanalysten. Sie argumentieren von einer sogenannten Top-Down-Warte aus, also einer gesamtwirtschaftlichen Perspektive, während Einzelwerteanalysten die Cashflows von Unternehmen analysieren und bewerten.

Wer zu früh kauft, den bestrafen Kursverluste

Mit der Folge, dass wer zu früh kauft, möglicherweise von weiteren Kursverluste bestraft werden wird. Wer kann schon genau vorhersagen, ob das Unternehmen, dessen Aktie man sich angesichts gedrückter Kurse ins Depot legen will, nicht doch noch von der Krise gepackt werden wird?

Dabei geht es noch nicht einmal um die inzwischen insolvente Vapiano, deren Geschäftsmodell, mal ganz ehrlich, doch von Anfang an fragwürdig war: Wer stellt sich schon freiwillig in eine Warteschlange, wenn er auch gemütlich am Tisch sitzend eine Bedienung für sich arbeiten lassen kann? Und das zum selben Preis? Nur um entscheiden zu dürfen – oder zu müssen –, ob er als Nudelvariante zarte Capellini, dicke Makkaroni oder doch lieber Spaghetti Nr. 5 auswählen soll?

Nein, es geht um die im Grunde gesunden Unternehmen, von denen viele dennoch derzeit ihre Gewinnerwartungen kappen. Schließlich ist gerade jetzt ein idealer Zeitpunkt, die Restrukturierungen durchzuführen, die man als Vorstand vielleicht erst im kommenden Jahr geplant hatte. Und Gewinnwarnungen haben bekanntlich immer negative Konsequenzen auf den Aktienkurs.

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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.

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