HBO vom Thron gestoßen

Zeitenwende im der TV-Unterhaltung: Netflix erhielt die meisten Emmy-Nominierungen. Warum Sie dennoch vorsichtig mit der Aktie sein sollten (Foto: Harry Wedzinga / shutterstock.com)

Plötzlich ging alles ganz schnell: Nach einer 17-jährigen Regierungszeit als Content-König hat der Premium-Produzent HBO, bekannt für den Jahrhundertbestseller „Game of Thrones“, seine Führungsposition an Netflix abgeben müssen. Am vergangenen Freitag wurde bekannt, dass Netflix 112 Emmy-Nominierungen erhalten hat, 14 mehr als die bisherige Nummer 1, HBO, die es auf 108 Nominierungen brachte. Abgeschlagen auf den Plätzen lagen NBC (78) und FX (50).

Der Emmy Award wird seit 1949 jährlich vergeben und ist der bedeutendste Fernsehpreis der USA. Zumeist wird von ihm als „Fernseh-Oscar“ gesprochen. Ausgezeichnet werden die besten US-Fernsehproduktionen eines Jahres in mittlerweile mehr als 90 Kategorien.

Traditionelle TV-Sender verlieren an Bedeutung

Das Besondere an der Wachablösung ist, dass erstmals in der Geschichte des Emmy Awards mit Netflix ein Internetportal mehr Nominierungen als die konventionellen Sender bzw. TV-Kanäle erhielt. Daher vermuten manche bereits eine Zeitenwende in der Fernseh-Unterhaltung.

1997 gegründet ist Netflix, dessen Firma sich aus dem Internet und dem umgangssprachlichen Ausdruck für Filme („flicks“) ableitet, mit 125 Mio. Abonnenten der weltweit größte Anbieter von Video-on-Demand-Dienstleistungen, in denen Spielfilme und Serien per Streaming für Abonnenten zugänglich gemacht werden.

In der Tat zeigen die 112 Nominierungen des Streaming-Giganten ein beeindruckendes Wachstum der Qualität der von Netflix produzierten Inhalte: Seit 2015 hat sich die Zahl der Emmys von 34 über 54 und 91 in den folgenden zwei Jahren auf zuletzt 112 mehr als verdreifacht.

Die Hälfte des DAX für Netflix?

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte ist es wenig verwunderlich, dass der Aktienkurs von Netflix in den vergangenen Jahren eine wohl einzigartige Entwicklung genommen hat. Seit Juli 2008 hat der Aktienkurs um rund 7.500 % zugelegt. Im Durchschnitt der letzten zehn Jahr lag das Kursanstieg damit bei über 50 % pro Jahr.

Warum Netflix seine Content-Strategie ändern willNetflix will in 2017 rund 6 Mrd. US-$ für Content ausgeben und setzt verstärkt auf Eigenproduktionen. Original-Filme könnten daher bald seltener werden. › mehr lesen

Doch mittlerweile wird viel von dem in der Zukunft Erwarteten vorweggenommen. So wird die Netflix-Aktie aktuell mit dem 85-fachen des 2019er Consensus-Schätzungen gehandelt. Die Marktkapitalisierung von 172 Mrd. US-Dollar ist eineinhalbmal so hoch wie die des schwersten DAX-Mitglieds, SAP. Mit anderen Worten: Derzeit ist Netflix so viel wert wie knapp die Hälfte aller DAX-Titel zusammen. Kann eine so hohe Bewertung weiter gut gehen?

Immer mehr kritische Stimmen

Nicht alle scheinen dem Frieden zu trauen. Risiken finden sich insbesondere in der internationale Expansion, die notwendig ist, um die aktuelle Bewertung zu rechtfertigen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich Netflix trotz des inflationierten Aktienkurses aktuell vor allem über die Aufnahme von Verbindlichkeiten finanziert. Per Ende des letzten Geschäftsjahres lag der adjustierte Verschuldungsgrad des Unternehmens bei rund 330 %. Trotz dieser enormen Verschuldung hat das Unternehmen angekündigt, auch in Zukunft Schulden zur Finanzierung des Wachstums aufzunehmen und nicht über Kapitalerhöhungen.

Einem Analysten zufolge könnte sich auch die “Überschwemmung mit Originalen” zu einem Problem für den Streaming-Dienstleister ausarten. Dann nämlich, wenn Kunden nicht mehr das fänden, wonach sie suchten.

Ausgereizter Aktienkurs

Gefahr droht auch vom entthronten Marktführer. Denn AT&T, der neue Besitzer der HBO-Mutter WarnerMedia, hat bereits angekündigt, dass man es für sehr unwahrscheinlich halte, dass Netflix’ Erfolg unbeantwortet bliebe. Angekündigt wurden insbesondere Änderungen in der Abonnementstruktur- mit möglicherweise weitreichenden Folgen auch auf Netflix.

So oder so: Für Netflix drohen Risiken von mehreren Seiten. Fürs erste kann sich Netflix noch der Emmy-Nominierungen erfreuen. Doch mit zunehmender Wettbewerbsintensität dürfte es immer schwieriger werden, die hoch gesteckten Erwartungen des Kapitalmarktes zu erfüllen.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.