HelloFresh verwirrt einmal mehr den Kapitalmarkt

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Der Halbjahresbericht von HelloFresh ist übersät von seltsamen Begrifflichkeiten, die mehr für Verwirrung als für Aufklärung sorgen. (Foto: FOOTAGE VECTOR PHOTO / shutterstock.com)

Der Preis für die verwirrendste Kapitalmarktberichterstattung dürfte in diesem Jahr einmal mehr HelloFresh verliehen werden. Dies macht die Durchsicht des Halbjahresberichts, den der Konzern am vergangenen Montag veröffentlicht hat, einmal mehr deutlich.

Größter Anbieter von Kochboxen der Welt

Doch zunächst möchte ich Ihnen das Geschäftsmodell des Unternehmens vorstellen. HelloFresh ist in Deutschland, nach eigenen Angaben aber auch weltweit, der größte Lieferdienst für Lebensmittel nach Rezept. Das Berliner Unternehmen entwickelt Kochrezepte und stellt dazu passende Lebensmittel zusammen, mit denen sich die Rezepte nachkochen lassen. Diese Pakete nennt das Unternehmen Kochbox. Kunden können die Kochboxen abonnieren und erhalten dann einmal pro Woche eine Lieferung. Dabei kann der Kunde zwischen drei Varianten wählen: einer Classic Box, einer Veggie Box mit vegetarischen Rezepten und einer Obst Box.

Seltsame Begrifflichkeiten

So weit, so gut. Wenn das Unternehmen seine Investoren nur informieren würde, wie alle anderen auch. Tut es aber nicht. Öffnet man den Halbjahresbericht, finden sich an prominenter Stelle, sprich auf der ersten Textseite, Leistungsindikatoren wie die Anzahl aktiver Kunden oder die Gesamtzahl ausgelieferter Mahlzeiten, grundsätzlich sinnvolle Informationen also, nur um dann auf den „durchschnittlichen Bestellwert“ und dem „durchschnittlichen Bestellwert bei konstanten Wechselkursen“ hingewiesen zu werden, obwohl sich die beiden Daten nur in der Nachkommastelle unterscheiden. Dieselbe Systematik wird dann auf den US-Markt und „International“ angewendet.

Damit aber nicht genug. Endgültig verwirrend wird es, wenn es um die Darstellung der Ertragslage geht – die ja nicht ganz unwichtig für die Bewertung einer Aktie ist. Dass das „Umsatzwachstum bei konstanten Wechselkursen“ mit den erwirtschaften Umsätzen verwechselt wird: Geschenkt, denkt man sich bei der Lektüre, aber dann kommen – in der deutschen Ausgabe des Halbjahresberichts wohlbemerkt – Begrifflichkeiten wie die „Contribution Marge“, die dann auch noch in Euro angegeben wird, was an sich schon ein Widerspruch in sich ist.

Ein kleines Sternchen verweist schließlich auf eine Fußnote und teilt dem bereits überforderten Leser mit, dass die Angaben ohne „die Aufwendungen für die anteilsbasierten Vergütungen“ zu verstehen sind. Was darunter zu verstehen ist oder wie hoch diese ausfallen, wird leider nicht näher erläutert.

Ein Buchstabe, der da nicht hingehört

Dafür wird nun erstmals ein Begriff genannt, den der geneigte Kapitalmarktanleger zumindest schon einmal gehört zu haben scheint, wäre da nicht noch ein Buchstabe, der da nicht hingehört: Das „A“ nämlich vor dem EBITDA, was aus dem Ergebnis vor Zinsen, Abschreibungen, Amortisationen und Steuern einen um Sondereffekte adjustiertes Ergebnis macht. Womit das „AEBITDA“ hier adjustiert wurde, erfährt der Leser erst viele Seiten später, aber nur, wenn er sich durch viele Seiten verwirrender Zahlenkolonnen gequält hat.

In einer vierzeiligen Fußnote erfährt er dann immerhin, dass das EBITDA um sogenannte Sonderposten bereinigt wurde. Darunter versteht das Unternehmen unter anderem Ausgaben im Zusammenhang mit der Rechtsberatung zu Unternehmenskäufen und -zusammenschlüssen, Aufwendungen aus der Reorganisation und Umstrukturierung und Kosten, die sich ganz allgemein „auf frühere Perioden“ beziehen.

Derartige Ausweise sind für ein kapitalmarktorientiertes Unternehmen, das ernsthaft mit seinen Anteilseignern kommunizieren möchte, ein Unding. Die Älteren unter Ihnen werden sich noch an die Jahre 1999 und 2000 erinnern, als hochdefizitäre Technologieunternehmen durch die Umwidmung gewöhnlicher Aufwendungen zu außerordentlichen Aufwendungen ihre Ertragslage beschönigen wollten. Geholfen hat es ihnen nichts, denn früher oder später durchschaut der Kapitalmarkt für gewöhnlich derartige Manöver.

Dabei hat es HelloFresh, ein Konzern mit einer Marktkapitalisierung von 7,6 Milliarden Euro, gar nicht nötig, seinen ansonsten passablen Halbjahresbericht durch solche „Halb-Informationen“ auf mehr als 40 Seiten aufzublähen. Oder vielleicht doch, denn nach der Veröffentlichung des Halbjahresberichts kam die Aktie unter deutlichen Kursdruck. Offenbar kommen zu viele und lediglich verwirrende Informationen an der Börse nicht gut an. Denn wie heißt die Goldene Regel der Kapitalanlage? Kaufe nichts, was du nicht verstehst. Das gilt wohl auch für HelloFresh.

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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.

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