HNA Group: Hochgeschwindigkeits-Übernahme-Kurs sorgt für Probleme

Die HNA-Group leidet unter dem Übernahme-Kurs der Vorjahre. Nehmen die Finanzprobleme zu? (Foto: NicoEINino / shutterstock.com)

Die Renditen für Anleihen des chinesischen Konglomerats HNA standen zuletzt erheblich unter Druck. Die bis Oktober 2021 laufende 6,25%-Anleihe notiert heute Mittag nur noch bei 78%.

Grund für den Kursverfall ist, dass sich die Investoren vermehrt Sorgen um die Finanzkraft des Konzerns machen, der hierzulande als Großaktionär der Deutschen Bank bekannt ist.

Es heißt, dass von Tochtergesellschaften fällige Zahlungen an verschiedene chinesische Banken in den vergangenen Wochen offen geblieben sind.

Darüberhinaus wurde heute der Handel mit einer weiteren HNA-Tochtergesellschaft ausgesetzt. Insgesamt wurde seit Anfang vergangener Woche der Handel mit 4 Tochtergesellschaften eingestellt.

Wie aber kommt es, dass HNA womöglich die finanzielle Puste ausgeht?

Kleine Airline will zu den Top50 der Welt aufsteigen

Der Grund könnte sein, dass sich das Konglomerat bei seinem Übernahme-Kurs in den vergangenen Jahren übernommen hat. Über 50 Mrd. Dollar hat der chinesische Konzern seit 2015  für Beteiligungen und Komplett-Übernahmen ausgegeben.

Als unbekannte Luftfahrtgesellschaft gestartet, schaffte es HNA durch die Einkaufstour rund um den Globus 2017 zu einem der weltweit 150 größten Konzerne. Bis 2030 wird ein Platz unter den Top50 angestrebt.

Kreditfinanzierte Übernahmen sind risikoreich

Finanziert wurden die HNA-Beteiligungskäufe und Übernahmen in erster Linie durch Kredite. Mit steigendem Zins und einer strengeren Kreditvergabe in China sind die (Re-)Finanzierungsbedingungen heute allerdings schwieriger als zu Beginn der Einkaufstour.

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Verlaufen die Integrationen der Zukäufe reibungslos und lassen sich die erwarteten Synergien heben, ist das nicht weiter dramatisch sein. Doch vielleicht ist es genau das, was nicht klappt.

Und stellt sich der Erfolg eines Zukaufs nicht wie erwartet ein, kann die ursprüngliche Kalkulation schnell Makulatur werden. Wenn dann finanzieller Spielraum fehlt, wird der Druck groß und je mehr Übernahmen getätigt wurden, umso größer das Risiko eines Fehltritts.

Während die Investoren die Finanzkraft des Konglomerats in den vergangenen Tagen stärker anzweifelten, zeigt sich das HNA-Management jedoch gelassen.  Schon bald soll neues Geld zur Verfügung stehen, um die ausstehenden Raten zu begleichen. Das verschafft dem Konglomerat Zeit, um die Integrationen voran zu treiben.

Im Übernahme-Geschäft ist weniger manchmal mehr

Sollten die Finanzprobleme bei der HNA zunehmen, wäre das sicherlich nicht das erste Mal, dass ein Konzern nach einer Einkaufstour in Schieflage gerät.

Es kann sich zwar lohnen in steigenden Marktphasen und bei gutem konjunkturellen Umfeld schnell zuzugreifen, doch was aus Sicht des Übernahme-Sensors bei HNA ein wenig fehlte, war eine klare Strategie.

Es ist keine Strategie, bis 2030 zu den Top50 der Welt gehören zu wollen und auf dem Weg dahin zu kaufen, was einem gerade über den Weg läuft.

Die HNA Group hat von Immobilien über Tourismus und Flugbetrieb bis hin zu Finanzdienstleistungen und Medien alles im Angebot. Vielleicht wären die Probleme vermeidbar gewesen, wenn man nicht alles auf einmal gewollt hätte, sondern langsam und zielgerichtet gewachsen wäre.

Warum das Konglomerat so in Eile war, ist genauso mysteriös wie die HNA-Eigentümerstruktur.


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Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Ein gewiefter Börsen-Profi leitet die Recherche beim "Übernahme-Gewinner". Jens Gravenkötter ist Chefredakteur bei dem erfolgreichen neuen Service.