Hochtief AG Übernahme: „Giftpillen“ und „Pac-Man-Strategie“

Zu den wichtigsten Kurstreibern in den USA zählten erneut die Übernahmen in der Software- und Biotechbranche.

Auch in Europa bricht langsam das Übernahme-Fieber aus.

Der Übernahme-Versuch des Baukonzerns Hochtief durch den spanischen Konkurrenten ACS sorgte dabei im September für die größten Schlagzeilen und wird uns auch im weiteren Jahresverlauf noch beschäftigen.

Der große Erfolg wird Hochtief zum Verhängnis

Das Hochtief-Management wurde von dem Übernahme-Angebot überrumpelt. Noch vor wenigen Monaten hieß es aus dem spanischen Lager, dass eine Übernahme nicht angestrebt werde und das Aktienpaket von knapp 30% nur eine strategische Beteiligung sei.

Angesichts einer Schuldenlast von 10 Milliarden Euro schien ACS zudem auch nicht die finanzielle Stärke zu besitzen, den deutschen Konkurrenten zu übernehmen.

Hochtief hat im Gegensatz dazu kaum Schulden und ist deswegen so lukrativ für ACS.

Gelingt die Übernahme per Aktientausch (also ohne Einsatz von Geld), könnte ACS die eigene Bilanz aufpolieren und das Verhältnis von Verschuldung und Wirtschaftskraft wieder in Ordnung bringen.

Eine entscheidende Rolle für den Vorstoß spielt aber auch, dass Hochtief weltweit sehr lukrative Beteiligungen besitzt, die hohe Gewinne erwirtschaften und sich theoretisch schnell „versilbern“ ließen.

Leighton als Schlüssel

Besonders die australische Hochtief-Tochter Leighton ist dabei von großer Bedeutung. Hochtief hält ein Aktienpaket von 55% an dem börsennotierten Konzern.

Wenn ACS durch die Hochtief-Übernahme Zugriff auf diese Beteiligung bekommt und anschließend verkauft, ist der Erlös – auf dem aktuellen Kursniveau von Hochtief und Leighton – genau so groß wie die kompletten Übernahme-Kosten.

Dann schlägt ACS gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.

Auf der einen Seite wird die Bilanz aufpoliert und auf der anderen Seite kann praktisch kostenfrei der größte deutsche Baudienstleister eingesammelt werden. Daher ist es verständlich, dass der Hochtief-Konzern von dem Mini-Übernahme-Angebot nicht begeistert ist und Abwehrmaßnahmen plant.

Der Preis bestimmt den Übernahme-Ausgang

Übernahmen gehören zu den spannendsten Börsen-Geschichten. Die Übernahmeschlachten bieten regelmäßig den Stoff für einen Hollywood-Blockbuster.

Auch bei der geplanten Hochtief-Übernahme kommen mit der „Giftpille“, der „Pac-Man-Strategie“, der „Stachdraht-Verteidigung“ und den „weißen Rittern“ eine ganze Reihe von Drehbüchern in Frage.

Ziel ist bei allen Strategien, die Übernahme zum derzeitigen Mini-Angebot zu verhindern. Am einfachsten gelingt das über einen steigenden Aktienkurs.

Denn: Das verteuert die Übernahme und kann den Angreifer ACS in die finanziellen Schranken verweisen. Die Ankündigung eines Aktienrückkauf-Programms könnte dem Aktienkurs einen ersten Schub geben.

Übernahme-Szenario „weißer Ritter“ wäre ideal

Eine andere Möglichkeit ist die Giftpille. Wenn Hochtief eine teure Übernahme im Ausland ankündigt und dafür Schulden aufnimmt, wird das Interesse von ACS deutlich schwinden.

Richtig spannend wird es, wenn sich ein „weißer Ritter“ in die Übernahmeschlacht einschaltet. Das ist ein „freundlicher“ Bieter, der in Abstimmung mit dem Hochtief-Management bereit ist, einen höheren Preis zu zahlen als ACS.

„Pac-Man-Strategie“

Eine ganz scharfe Abwehrvariante ist die „Pac-Man-Strategie“.

Bei der Pac-Man-Strategie – die vom Helden des gleichnamigen Computerspiels abgeleitet ist – wird der Jäger zum Gejagten. Denn verwendet ein Übernahme-Kandidat diese Strategie, erfolgt ein Übernahme-Angebot an die Aktionäre des Unternehmens, das zuerst ein Angebot vorgelegt hat (Bieter).

Ob aber Hochtief große Lust darauf hat, die Schulden von ACS zu übernehmen, darf bezweifelt werden.

Geld entscheidet, wer wen übernimmt

Die Pac-Man-Strategie setzt allerdings voraus, dass der Übernahme-Kandidat eine Reihe von Geldgebern besitzt, die das Gegenangebot auch finanzieren würden.

Im Normalfall ist nämlich der erste Bieter das größere Unternehmen und dadurch finanzstärker.

Auch wenn die Methode bisher nur selten zum Einsatz kam, haben sich schon einige Unternehmen erfolgreich mit Hilfe der Pac-Man-Strategie gewehrt.

Allein die bloße Androhung kann bei zwei ungefähr gleich großen Unternehmen ausreichend sein, um eine Übernahme zu verhindern.

Erfolgreicher Einsatz der Pac-Man-Strategie

Das bekannteste Beispiel einer erfolgreichen Abwehr mit Hilfe der Pac-Man-Strategie ist das US-Unternehmen Martin Marietta. 1982 erfolgte ein feindliches Übernahme-Angebot vom Konkurrenten Bendix.

Daraufhin verkaufte Marietta alle Geschäftsbereiche, die nicht zum Kern des Unternehmens gehörten, nahm sich die Unterstützung von Banken und machte seinerseits ein Übernahme-Angebot.

Martin Marietta überstand diese Übernahmeschlacht und blieb ein eigenständiges Unternehmen.

Bendix dagegen wurde von der Allied Corporation übernommen.

Auch in jüngster Zeit drohten Unternehmen, die mit einer feindlichen Übernahme konfrontiert wurden, mit der Pac-Man-Strategie. 2007 versuchte der australische Rohstoff-Gigant BHP Billliton, den Konkurrenten Rio Tinto feindlich zu übernehmen.

Als das Angebot auf wenig Gegenliebe stieß und Rio Tinto drohte, ein Gegenangebot erstellen zu wollen, zog sich BHP zurück.

Deutsche Gesetzeslage verhindert viele Abwehrmaßnahmen

Wenn Unternehmen nicht aufgekauft werden möchten, bieten sich gerade im anglo-amerikanischen Raum eine Reihe von Abwehrmaßnahmen an, die einen Bieter „verjagen“ können.

In Deutschland dagegen ist die Gesetzlage anders. Viele Strategien, die in Amerika angewendet werden dürfen, sind hier verboten.

In den meisten Fällen mündet eine einst feindliche Übernahme nach Verhandlungen in eine freundliche. Voraussetzung dafür ist lediglich ein angemessener Preis.

4. Oktober 2010

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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