Hollywood in einer schwäbischen Kleinstadt

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Wie sich Aufsichtsräte, Vorstände, Bürgermeister und Staatsanwälte in die Haare kriegen. (Foto: Zadorozhnyi Viktor / Shutterstock.com)

Aus dem scheinbar unerschöpflichen Reservoir an kuriosen Unternehmensmeldungen stachen in den letzten Wochen einige Schlagzeilen heraus, die gut und gerne auch als Drehbuchvorlage für einen neuen Hollywoodstreifen verwendet werden könnten. Anstelle des ansonsten eher sachlichen Tonfalls, den Ad-hoc-Meldungen ansonsten aufweisen, ging es in ihnen um Firmendurchsuchungen und Beschlagnahmen, um faule bzw. unfähige Aufsichtsräte, um Bürgermeister, denen vorsätzlich falsche Verleumdungen und um Staatsanwälte, denen Kompetenzüberschreitungen vorgeworfen werden.

Begonnen hat alles in einer schwäbischen Kleinstadt mit gerade einmal 50.000 Einwohnern: Heidenheim an der Brenz. Sie ist der Firmensitz gleich mehrerer Kleinstunternehmen, die trotz ihrer Größe in den letzten Wochen geradezu ein Stakkato an Pressemeldungen abgesondert haben.

Bis vor kurzem nur Insidern ein Begriff

Eine von ihnen ist die Kremlin AG, eine mit einem Aktienkurs von 8 Cent eher drittrangige Gesellschaft, deren Geschäftsmodell auch nach eingehendem Studium der Jahresabschlüsse unklar bleibt. Und damit nur Insidern ein Begriff geblieben wäre, wenn nicht vor kurzem deren Geschäftsräume durchsucht worden wären, ohne dass hierfür ein entsprechender Beschluss vorgelegen hat. Das zumindest behauptet der Alleinvorstand der Kremlin AG. Da gleichzeitig Akten beschlagnahmt wurden, für die nach seiner Ansicht ebenfalls keine Beschlagnahmebeschlüsse vorlagen, soll nun der Freistaat Bayern auf Herausgabe der konfiszierten Unterlagen verklagt werden.

Die geographisch Bewanderten unter Ihnen werden sich vielleicht wundern, warum Bayern und nicht Baden-Württemberg verklagt werden soll. Dies wiederum liegt daran, dass die bayerischen Kriminalbeamten zeitgleich auch an Firmensitzen anderer Gesellschaften aktiv geworden sind. Zum Beispiel bei der Karwendelbahn AG, einer bayerischen Institution und seit Jahrzehnten bekannt nicht nur bei Skifahrern. Sie bringt im Jahr rund 65.000 Gäste von Mittenwald in das nördliche Karwendelgebirge, das größte zusammenhängende Naturschutzgebiet der Ostalpen.

Tatvorwurf: Untreue zum Nachteil der Karwendelbahn AG

Hier erfolgte die Durchsuchung der Räumlichkeiten – bemerkenswerterweise ebenfalls in Heidenheim und damit 250 Kilometer von Mittenwald entfernt – aufgrund der Anzeige eines Aufsichtsratsmitglieds der Karwendelbahn AG gegen sein eigenes Unternehmen. Seiner Ansicht nach besteht der Verdacht der Untreue. Was nun die Karwendelbahn AG dazu veranlasst hat, ihrerseits Strafanzeige gegen diesen Aufsichtsrat wegen Verleumdung, übler Nachrede, Kreditgefährdung und „allen sonstigen in Betracht kommenden Straftatbeständen“ zu erstatten.

Denn nach Ansicht der Gesellschaft ist die Staatsanwaltschaft München auf die „Lügen und Verleumdungen“ des Aufsichtsrats, der auch zugleich Vizebürgermeister von Mittenwald ist, „hereingefallen“. Doch damit nicht genug: Denn dass die Staatsanwaltschaft München in so „dilettantischer Art und Weise“ eine Hausdurchsuchung veranlasst hat, macht nach Ansicht des Vorstands deutlich, dass sie lediglich ein „Erfüllungsgehilfe des Mittenwalder Bürgermeisters“ ist, um die verantwortlichen Organmitglieder dazu zu nötigen, die Aktien an der Karwendelbahn AG unter Wert an den Markt Mittenwald zu veräußern.

In Doppelfunktion tätig

Diese ungewohnt heftigen Vorwürfe stammen übrigens aus der Feder eines Aufsichtsratsmitglieds der Karwendelbahn AG, der, und damit schließt sich der Kreis, zugleich Aufsichtsratsmitglied der Kremlin AG ist. In seiner Doppelfunktion hält er es nämlich für bezeichnend, dass Hausdurchsuchungen vorgenommen werden, ohne zuvor die vom ehemaligen Vorstand der Karwendelbahn unterschlagenen Kassenbeträge in Höhe von etwa 100.000 Euro beschlagnahmen zu lassen.

Davon unbeeindruckt hat sich inzwischen auch die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Garmisch-Partenkirchen gemeldet und klargestellt, dass nicht nur bei allen Objekten Durchsuchungsbeschlüsse vorgelegen haben, sondern dass auch bei dem in Baden-Württemberg ansässigen Firmengeflecht Vermögensarreste vollzogen wurden.

Sie sehen, Börse kann ganz schön unterhaltsam sein.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.