Im Prinzip, ja. Aber …

Die Hypo-Vereinsbank streicht als erste der großen deutschen Filialbanken den Zins für Überziehungskredite. Das ist doch mal eine tolle Sache, oder?

Um die Frage mit „Radio Eriwan“ zu beantworten: „Im Prinzip, ja. Aber …“

Mir persönlich liegt seit Jahren etwas im Magen, das ganz nah mit diesem Thema verbunden ist. Und das schauen wir uns heute einmal gemeinsam an. Allerdings erfordert das zunächst ein klein wenig Theorie. Ich fasse mich jedoch so kurz wie möglich.

Unterschiedliche Zinsen für unterschiedliche Parteien

Der Begriff Zins leitet sich ab aus dem lateinischen Wort „census“, was mit „Vermögensschätzung“ übersetzt wird. Er bezeichnet das Entgelt, welches der Gläubiger seinem Schuldner für die Überlassung von Kapital in Rechnung stellt.

Wenn Sie ein Girokonto besitzen und sich nicht zu den wenigen Glücklichen zählen können, die dieses stetig auf Guthabenbasis führen, dann haben Sie schon einmal Zinsen für die Inanspruchnahme Ihres Dispo-Kredits zahlen müssen.

Vielleicht haben Sie Ihr Girokonto bzw. Ihren Dispo-Kreditrahmen auch schon einmal überzogen. Dann haben Sie dafür sogenannte Überziehungszinsen an Ihre Hausbank zahlen dürfen.

Es ist indes wenig empfehlenswert, dies dauerhaft zu praktizieren: Der Zinssatz für derartige Konto-Überziehungen liegt gemeinhin rund 3,5% bis 5,0% über dem Satz für Ihren Dispo-Kredit.

Natürlich gibt es noch zahlreiche andere Zinssätze. Banken stellen beispielsweise nicht nur ihren Privatkunden Geld gegen Entgelt zur Verfügung, sondern leihen sich auch untereinander Kapital aus. Die Höhe der dafür in Rechnung gestellten Zinsen richtet sich dabei nach dem sogenannten 3-Monats-Euribor (Euro InterBank Offered Rate).

Und selbstverständlich funktioniert das Geldausleihen auch andersherum: Sie können beispielsweise dem Staat Teile Ihre Geldvermögens überlassen, indem Sie Bundesanleihen kaufen. Dann kassieren Sie 10 Jahre lang vom Staat Zinsen dafür.

Zinsen bilden sich aufgrund von Angebot und Nachfrage: Haben wir gelacht!

In einer Marktwirtschaft, wie die, in der wir leben, bilden sich die Zinssätze aufgrund von Angebot und Nachfrage. Naja, jedenfalls lautet so die Theorie. Die Wirklichkeit sieht leider etwas anders aus:

Die Europäische Zentralbank (EZB) gibt mit den Leitzinsen die grobe Richtung für die tendenzielle Zinsentwicklung vor. Und die wurden seit der Finanzkrise 2007 / 2008 drastisch abgesenkt, um wenigstens die Zinslast bei der Neuverschuldung der EU-Staaten zu reduzieren.

Die Banken beuten Sie aus!

Die wirklichen Nutznießer dieser Zinspolitik sind indes die Banken, also diejenigen, denen wir überhaupt die Finanzkrise zu verdanken haben: Sie leihen sich Geld von der EZB nahezu zum Nulltarif aus und stellen wiederum ihren Schuldnern, also Ihnen, dafür gesalzene Zinsen in Rechnung.

Genau diesen Zusammenhang stellt die folgende Grafik her: Sie zeigt, welche Zinsen die unterschiedlichen Parteien für ausgeliehenes Geld seit dem Jahr 2008 erhalten. Die Unterschiede sind krass!

vergleich dispozinsen, euribor und rendite 10-jähriger staatsanleihen-16-02-2015

Vergleich Dispo-Zinsen, Euribor und Rendite 10-jähriger deutscher Staatsanleihen von 2008 bis 2014 – Am Zins verdienen nur die Banken!

Sie sehen: Wenn Sie dem Staat Geld leihen, bekamen Sie dafür in den Jahren 2008 bis 2010 schon nur etwa ein Drittel dessen, was Banken ihren Kunden für die Inanspruchnahme eines Dispo-Kredits in Rechnung stellen. Heute ist dies mit 0,31% nur noch ein Bruchteil dessen.

Während die Zinsen, die sich die Banken untereinander berechnen, von knapp 5,0% im Top des Jahres 2008 auf aktuell 0,048% (kein Witz!) gesunken sind, wurden die Dispo-Zinsen im selben Zeitraum von rund 12,25% auf gerade einmal 10,5% im vergangenen Jahr reduziert.

Also ich nenne das „ABZOCKE“!

Keine Überziehungszinsen mehr: Im Prinzip gut, aber …

Deshalb: Ja, auch ich freue mich darüber, dass die Hypo-Vereinsbank die Überziehungszinsen abschafft. Denn es war seit jeher ein Unding, auf diejenigen mit einem Aufschlag von bis zu 5,0% einzuknüppeln, die in eine finanzielle Notlage geraten sind.

Allerdings zeigen die Wettbewerber bislang noch keine Avancen, der Hypo-Vereinsbank nachzueifern. Von einer generellen Abschaffung kann also keine Rede sein.

Was indes zum „Himmel stinkt“, ist, wie sich die Banken mit Hilfe der Dispo-Kosten an uns Normalbürgern bereichern. Im Vergleich zu den Banken-Kollegen sind wir Girokonten-Inhaber eben nur „Menschen zweiter Klasse“.

Und was richtig übel ist: Die Politiker, die doch die Rechte der Bürger vertreten sollen, begehren dagegen so gut wie gar nicht auf. Und selbst wir, die Opfer dieses unverschämten Geschäftsgebarens, nehmen dies hin wie „Lämmer auf der Weide“. Deshalb:

Die Abschaffung der Überziehungszinsen ist im Prinzip gut, aber …

16. Februar 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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