Impfgipfel: Die große Verständigung

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Bis Ende September sollen alle Deutschen ein Impfangebot bekommen haben, alles Weitere ist auch nach dem Impfgipfel unklar. (Foto: Roland Magnusson / shutterstock.com)

Man habe „ein besseres Verständnis“ füreinander entwickelt, sagte die Kanzlerin bei der Pressekonferenz im Anschluss an den Impfgipfel am gestrigen Montag.

Zuvor hatten die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder ihre Runde um EU-Vertreter und Impfstoffhersteller erweitert, um den aktuellen Stand der Impfkampagne, die bekannten Schwierigkeiten in der Anlaufphase und mögliche Lösungsansätze zu diskutieren.

Wenn Wunsch und Wirklichkeit nicht zusammenpassen

Das Ergebnis war – neben besagtem besserem Verständnis – vor allem Ernüchterung, denn das, was die Politik fordert und das, was die Impfhersteller versprechen können, will auch nach dem fast sechs Stunden andauernden Gespräch nicht so recht zusammenpassen.

Was die Politik gerne hätte, ist möglichst viel Impfstoff in möglichst kurzer Zeit, und am liebsten ganz konkrete Zahlen, zu welchem Stichtag wie viele Impfdosen genau zur Verfügung stehen.

Was die Hersteller deutlich gemacht haben, ist, dass sie bereits alles daran setzen, ihre Produktionskapazitäten auszuweiten und so schnell wie möglich so viel wie möglich zu liefern, dass aber exakte Mengenprognosen schlichtweg schwierig sind zum aktuellen Zeitpunkt.

Impfkampagne: Merkels letztes großes Projekt

Was sich nach dem Gipfel abzeichnet, ist, dass es noch dauern wird, bis ganz Deutschland durchgeimpft ist. Immerhin wiederholte die Kanzlerin ihr Versprechen, bis Ende September jedem erwachsenen Bürger hierzulande ein Impfangebot unterbreiten zu können. Ende September, das ist das Ende des Sommers, das Ende des dritten Quartals – und der Termin der Bundestagswahl, mit dem Angela Merkel nach 16 Jahren aus dem Kanzleramt ausscheiden wird. Die Impfkampagne ist innenpolitisch ihr letztes großes Projekt, Erfolg oder Misserfolg dürften eine Weile nachhallen und Merkels historisches Vermächtnis mitprägen.

Die Zusagen der Impfhersteller beziehen sich auf Quartale. Im ersten Quartal werden die verfügbaren Impfdosen knapp bleiben, im zweiten Quartal deutlich mehr verfügbar sein und ab dem dritten Quartal sollen Engpässe kein Thema mehr sein, so die Botschaft. Für die Planungen der Landesregierungen ist das zu unkonkret. Wann kommen denn nun die großen Mengen – im April oder doch erst im Juni? Das ist wichtig zu wissen, um die Kapazitäten in den Impfzentren entsprechend zu organisieren und verlässliche Termine an die Impflinge zu vergeben. Stand heute muss man festhalten: Man weiß es schlichtweg noch nicht.

Hohe Kooperationsbereitschaft zwischen Pharmaunternehmen

An finanziellen Anreizen jedenfalls liegt es nicht, wie auch Vertreter von Biotech- und Pharmaunternehmen zuletzt öffentlich betonten. Im Gegenteil, die Finanzierungsbereitschaft von Seiten der öffentlichen Hand ist hoch, die Kooperationsbereitschaft unter den Pharmafirmen ebenfalls.

So wird der Impfstoff von Biontech und Pfizer künftig auch in einem leerstehenden Novartis-Werk hergestellt, zudem hat der Leverkusener Pharmariese Bayer verkündet, Produktion und Vertrieb des Präparats von Curevac zu unterstützen, sollte dieses eine Zulassung erhalten. Bislang sind lediglich die Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca am europäischen Markt zugelassen.

Russischer Impfstoff wohl wirksam

Gegenüber dem in Russland verabreichten Vakzin Sputnik V herrscht hingegen Skepsis. Moskau hatte angeboten, die hiesigen Engpässe durch Lieferungen des russischen Mittels abzufedern, doch darauf wurde nicht weiter eingegangen. Das Präparat wurde in Russland schon massenhaft verabreicht, noch bevor die klinischen Studien zu Wirksamkeit und Nebenwirkungen abgeschlossen waren. Heute nun wird vermeldet, dass das Vakzin offenbar tatsächlich wirkt – es soll zu über 90 Prozent vor einer Infektion schützen und wäre damit sogar effektiver als das Präparat von AstraZeneca, dem eine Wirksamkeit von gut 70 Prozent zugesprochen wird.

Eine wichtige Erkenntnis nach einem Jahr Pandemie: Weltweit gibt es Forscherteams, die in der Lage sind, binnen weniger Monate wirksame Impfstoffe gegen neuartige Viren zu entwickeln – und mit entsprechendem politischem Willen sind auch die Zulassungsverfahren weitaus schneller durchführbar als üblich.

Happy End im September – vielleicht

Die Erkenntnis nach dem gestrigen Impfgipfel bleibt hingegen überschaubar, viel Neues gab es nicht zu vermelden, stattdessen die üblichen Durchhalteappelle an die Bevölkerung: Es werden harte Wochen bis Ende März, danach ist Entspannung in Sicht und pünktlich zur Bundestagswahl im September ist dann alles gut. Hoffentlich.

Denn noch weiß niemand, wie viele Mutationen bis dahin noch auftreten und wie sie sich verbreiten werden, ob sie aggressiver, ansteckender, tödlicher sein werden, ob die Impfstoffe auch vor ihnen schützen und dergleichen mehr. Aktuell ist nicht einmal sicher, ob Geimpfte lediglich selbst vor Infektion und schwerem Krankheitsverlauf geschützt sind oder ob sie auch als Überträger des Virus ausfallen. Letzteres soll in den kommenden Wochen geklärt werden.

Sollte sich herausstellen, dass die Impfung tatsächlich auch die Virusübertragung unterdrücken kann, dürfte spätestens dann die Debatte hochkochen, welche Freiheiten den bereits Geimpften wieder zugesprochen werden sollten. Diese Diskussion verspricht weitaus intensiver und kontroverser zu werden als der Impfgipfel, der im Wesentlichen lediglich bereits Bekanntes noch einmal untermauert hat.

Aber immerhin hat man nun Verständnis füreinander.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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