Interessante Charttechnik beim Ölpreis

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Während der Goldpreis von der jüngsten Handelsstreit-Eskalation profitierte, geriet der Öl-preis noch einmal unter Druck. (Foto: William Potter / shutterstock.com)

Der Goldpreis konnte  – wie ich Ihnen gestern schrieb – von der jüngsten Eskalation im Handelsstreit zwischen China und den USA profitieren. Für einen anderen Rohstoff galt indes das exakte Gegenteil:

Der Ölpreis knickte – aufgrund der sich dadurch eintrübenden Weltkonjunktur-Aussichten – in nur 5 Handelstagen um heftige -13% ein.

Dennoch ist gerade diese jüngste Bewegung eine charttechnisch hoch interessante: Schauen wir gemeinsam auf meine Analyse des Ölpreises.

Warum der Ölpreis zuletzt abbaute

Die von Trump ab dem 1. September zusätzlich erhobenen Strafzölle in Höhe von 10% auf bislang noch nicht betroffene chinesische Importwaren und -produkte im Volumen von 300 Mrd. USD sind – auch wenn der US-Präsident da seine eigene Sichtweise hat – schlecht für die US-Wirtschaft.

Denn es werden ja nicht ausschließlich identische heimische Waren dadurch geschützt: Nicht in jedem Fall lassen sich Importe mal eben durch andere (heimische oder nicht-chinesische) Produkte ersetzen.

Zudem verteuerten sich durch sämtliche inzwischen verhängten Strafzölle auch wichtige Materialien oder Komponenten, die von (Schlüssel)-Industrien der USA zur Fertigung eigener Produkte benötigt werden.

Und die so entstehenden Mehrkosten müssen zunächst vom importierenden Unternehmen bezahlt werden. Die betroffenen Konzerne können dann entscheiden, ob und in welcher Höhe sie diesen Mehraufwand an ihre Kunden weiterreichen.

So bleibt unter dem Strich den von den Strafzöllen betroffenen Unternehmen wie auch dem US-Endverbraucher weniger Geld im Portemonnaie. Und als ob das nicht schon genug wäre, verteuert die jüngste Aufwertung der chinesischen Währung nun auch noch die Exporte anderer Nationen ins Reich der Mitte.

Kein Wunder also, dass der Ölpreis bei solchen Aussichten kräftig einknickt.

Bemerkenswerte Charttechnik

Wir schauen uns die aktuelle Charttechnik einmal in der folgenden Grafik gemeinsam an:

Ölpreis: Bemerkenswerte Widerstands- und Unterstützungslinien

Seit dem Bruch des Aufwärtstrends aus 2016 im Oktober des vergangenen Jahres nahm der Ölpreis eine charttechnisch ungewöhnliche Entwicklung: Es wurden nämlich keine – sonst üblichen – horizontal verlaufenden Widerstände und Unterstützungen ausgebildet, sondern leicht ansteigende und dazu noch zueinander parallele (pinkfarbene Linien).

Wie Sie im Chart sehr schön nachvollziehen können, wurden die bei der Ölpreis-Rallye bis Ende April generierten Widerstände und Unterstützungen im sich anschließenden Abstieg in den meisten Fällen punktgenau anvisiert.

Und darum ist nun die jüngste Entwicklung so interessant: Denn der gestrige Kurseinbruch um in der Spitze -4,7% endete exakt auf der ansteigenden Unterstützung, die sich aus der Parallele durch den Tiefpunkt im Dezember 2018 ergibt.

Bemerkenswert ist dies auch deshalb, weil die Art der gestrigen Kursbewegung auf einen letzten Ausverkauf in der Abwärtsbewegung seit Ende April deutet: Der Ölpreis hat nach dem Tiefpunkt fast die Hälfte des Tagesverlustes wieder aufholen können.

Fibonacci lässt grüßen

Last not least bestätigt auch das Fibonacci-Retracement, das wir gestern das Ende vorläufigen Ende der Abwärtsbewegung im Ölpreis gesehen haben könnten.

Die Methodik des Retracements (=Korrekturziele) geht zurück auf den um 1170 geborenen italienischen Mathematiker Leonardo da Pisa, genannt Fibonacci. Dieser Rechenmeister gilt als der bedeutendste Mathematiker des Mittelalters.

Fibonacci entdeckte unter anderem eine nach ihm benannte Zahlenfolge. Die daraus abgeleiteten Proportionen sind die Basis für die in der Charttechnik gebräuchlichsten Verhältnisse, um die Auf- und Abwärtsbewegungen häufig korrigiert werden: 23,6%, 38,2%, 50,0%, 61,8% und 76,4%.

Wie Sie im Chart sehen, passen die genannten Retracements nahezu perfekt zu den von mir eingezeichneten Widerstands- und Unterstützungslinien.

Fazit

Rohstoff ist nicht gleich Rohstoff.

Das hat die jüngste Entwicklung nach der Eskalation im Handelsstreit zwischen China und den USA gezeigt: Während Gold deutlich profitierte, sackte der Ölpreis noch einmal kräftig weg.

Die gestrige Kursbewegung „riecht“ allerdings stark nach einem finalen Ausverkauf. Diese Einschätzung wird bestätigt durch die in diesem Jahr ausgebildeten ungewöhnlichen (weil leicht aufwärts weisenden) Widerstände und Unterstützungen sowie durch die Fibonacci-Retracements.

Eine Garantie ist das natürlich nicht: Charttechnik kann Ihnen lediglich erhöhte Wahrscheinlichkeiten für mögliche Kursentwicklungen vermitteln. Doch hier sprechen einige Argumente für ein solches Szenario.

Wir werden dies in den kommenden Tagen und Wochen erfahren.

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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