Ist Chinas Aktienmarkt jetzt reif für Investments?

Chinesische Aktien haben seit Februar im Schnitt über ein Viertel ihres Wertes verloren. Zeit für die Schnäppchenjagd? (Foto: aphotostory / Shutterstock.com)

Handelsstreit – Handelsstreit – Handelsstreit.

Es scheint in den Börsenmedien derzeit kein anderes Thema mehr zu geben.

Und wenn die Protagonisten, die Regierungen in Washington und Peking, nicht selbst „Stoff“ in Gestalt neuer Drohungen liefern, dann wird in den Marktkommentaren mit dem Begriff eben andersherum argumentiert:

Dann „ignorieren“ die Finanzmärkte den Handelsstreit eben oder „trotzen“ ihm. Was indes wichtiger zu wissen wäre, als die Kenntnis, warum sich die Aktienkurse gestern so und heute so bewegt haben:

Sind chinesische Aktien inzwischen ein Investment wert? Schließlich hat der Shanghai Composite vom Jahreshoch inzwischen mehr als -26% verloren. Solche Einbußen rufen regelmäßig die „Schnäppchenjäger“ auf den Plan.

Wir suchen heute gemeinsam nach Antworten mit Unterstützung der Charttechnik.

Langfristige Analyse des Shanghai Composite

Der Name Shanghai Composite ist eigentlich eine Verkürzung: Die komplette Bezeichnung lautet Shanghai Stock Exchange Composite. Es ist der bedeutendste Index in China exklusive Hongkong:

Shanghai Composite: Extrem negativ – Aufwärtstrend seit 1994 wurde verlassen.

Der Monats-Chart vermittelt Ihnen einen Überblick über die langfristige Entwicklung des Shanghai Composite. Folgende Erkenntnisse können Sie daraus ziehen:

  • Das im Oktober 2007 markierte Allzeithoch konnte im Juni 2015 (blauer Kreis) nicht annähernd erreicht werden: Ein klares Warnsignal, dass in diesem Markt etwas nicht stimmt.
  • Folgerichtig stürzte der Index daraufhin ab. Nach einer Stabilisierung entlang des seit 1994 bestehenden Aufwärtstrends rutschte der Shanghai Composite mit Beginn der Handelsstreitigkeiten seit Februar dieses Jahres ab und bewegt sich nunmehr komplett außerhalb der Trendlinie (gelber Kreis).
  • Der Relative Stärke Index (RSI) vermittelt Ihnen Aufschluss über die Trend-Intensität eines Marktes. Da der Indikator ebenfalls Trends ausbildet, lässt er sich prima mittels Trendlinien analysieren. In einem Monats-Chart werden entsprechend langfristige Kauf- und Verkaufssignale generiert.

Zum einen finden Sie das oben erwähnte Schwächesignal im Sommer 2015 durch den RSI bestätigt. Zum anderen hat sich auch das Verkaufssignal im Februar dieses Jahres (grauer Kreis) als zutreffend erwiesen.

Die Charttechnik hätte mithin zu diesem Zeitpunkt definitiv zum Ausstieg geraten!

Schauen wir nun noch gemeinsam auf einen Tages-Chart. Zusätzlich habe ich hier das On-Balance-Volumen (OBV) und das 50-Tage-Momentum eingeblendet. Beginnen wir mit dem Kurs-Chart:

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Shanghai Composite: Keine Anzeichen für einen Trendwechsel!

Abwärtstrends definieren sich über immer tiefere Tiefs und tiefere Hochs. Beide Faktoren sind hier in Kraft (pinkfarbene Linien, violette Bögen).

Falls Sie den nachstehend beschriebenen Indikator schon kennen, können Sie den folgenden Abschnitt überspringen.

Exkurs On-Balance-Volumen

Das On-Balance-Volumen verknüpft die börsentäglichen Kursänderungen mit den dazugehörigen Umsätzen. Dadurch enthüllt Ihnen dieser Indikator, wie sich die Großinvestoren verhalten.

Zu dieser Anlegergruppe gehören Investmentfonds, Hedgefonds, Pensionsfonds, Eigenhandel oder Vermögensverwaltung betreibende Banken und Versicherungen, Vermögensverwaltungen und wohlhabende Einzelpersonen.

Mit den ihnen zur Verfügung stehenden, gigantischen Geldmitteln kreieren diese Institutionen nicht nur Trends, sie befeuern und beenden sie auch. Zu wissen, wie sich die Großinvestoren verhalten, ist mithin ein enorm wichtiger Schlüssel zu ihrem persönlichen Investment-Erfolg.

Analyse der Indikatoren

Der Verlauf des On-Balance-Volumens ist unmissverständlich: Der Trend zeigt nicht nur seit Jahresbeginn abwärts – er hat sich seit Mai sogar noch beschleunigt. Es ist derzeit nicht einmal ein Ansatz für ein Ende der Großinvestoren-Verkäufe erkennbar.

Das Momentum offenbart Ihnen, wie es um Schwung und Dynamik einer Kursbewegung bestellt ist. Der betrachtete 50-Tage-Zeitraum (10 Wochen = 10 x 5 Handelstage) liefert Ihnen Aufschluss über die mittelfristige Kursdynamik.

Sie sehen es selbst: Mit wenigen Ausnahmen bewegt sich der Indikator seit Februar unterhalb der Nulllinie. Es wird mithin negative Kursdynamik aufgebaut.

Auch hier ist kein Anzeichen für einen Wechsel zum Besseren erkennbar.

Fazit

Im Handelsstreit zwischen den USA und China ist derzeit noch kein Ende absehbar. Und solange sich beide Parteien nicht an den Verhandlungstisch setzen, wird der chinesische Aktienmarkt unter Druck bleiben.

Darauf deutet auch die Charttechnik hin. Langfristig sind Verkaufssignale – in Gestalt des Relative Stärke Index – in Kraft. Und mittelfristig signalisieren Ihnen OBV und Momentum nicht einmal einen Ansatz für ein Ende der seit Februar bestehenden Abwärtsbewegung.

Es gibt derzeit wahrlich attraktivere Regionen für Aktien-Investments. Ich behalte die Entwicklung in China aber für Sie weiter im Auge!


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.