Ist Ihre Kommune pleite? Milliarden-Crash durch Zinswetten

Wohnen Sie zufällig in Hagen oder Pforzheim? Dann hat Ihre Kommune in den vergangenen Jahren extrem hohe Verluste gemacht.

Sie hat „Millionen versenkt“, wie es in der Szene heißt. Durch einfache Wetten verspielte sie Ihre Steuergelder in der Hoffnung, irgendetwas „absichern“ zu können. Jetzt werden die Gegenspieler verklagt: Banken.

Die Deutsche Bank musste in einem Fall schon zahlen. Vorwurf der Kommunen: sie wussten nicht, wie das Geschäft funktioniert. Mein Vorwurf und die Warnung an Sie: wenn das die Finanzpolitik Ihrer Kommune vor Ort ist, zahlen Sie noch viel schneller neue Gebühren und Abgaben als je gedacht. Ein Milliarden-Risiko, ein Crash durch die Zinswetten, rollt auf uns alle zu.

Hintergrund: Zinsgeschäfte zwischen Bank und Kommune

Es geht um so genannte „Spread-Ladder-Swaps“. Stellen Sie sich vor, Sie seien Kämmerer Ihrer Kommune und müssten entscheiden: gehen Sie ein solches Geschäft zur „Absicherung“ von Zinsen – oder zum sicheren Mehrgewinn – ein oder lassen Sie es bleiben?

Ich meine: Sie lassen es bleiben. Wenn Sie nicht zufällig eine Diplomarbeit zum Thema verfasst haben, werden Sie das Geschäft nicht kennen und als solider Kaufmann die Finger davon lassen. Sie verwalten Steuergelder.

Leider haben etliche Kämmerer und Finanzmanager sich an diesem Konstrukt trotzdem verhoben. Zumindest 1.000 Kommunen und Unternehmen sollen nach Schätzungen solche Geschäfte zur „Zinsoptimierung“ abgeschlossen haben. Das kann teuer werden: auch für Sie. Die Kommunen stehen vor einem Milliarden-Loch.

Für Interessierte: so geht’s

Wenn ich aber den Begriff hier schon aufführe, bin ich Ihnen natürlich eine kurze Beschreibung schuldig. Die „Spread-Ladder-Swaps“ gelten als „komplex“. Und das sind sie.

Ich beschränke mich hier auf den Kern der Wetten. Auf der einen Seite steht die Bank (A). Auf der anderen Seite eine Kommune oder ein Unternehmen (B). A zahlt an B einen festen Zins. B zahlt an A nach einer Formel, die A selbst festgelegt hat, einen variablen Zins zurück: je nach Höhe des Unterschieds zwischen lang- und kurzfristigen Zinssätzen. Damit pflanzt sich ein Unterschied im ersten Jahr in die Folgejahre fort. Deshalb heißt die Strategie „Ladder“, Leiter.

B gewinnt in der Regel dann, wenn die langfristigen Zinsen  höher sind als die kurzfristigen Zinsen, da der Rückzahlungsbetrag dann „niedrig“ ist. Je geringer aber der Abstanz zwischen langfristigen Zinsen und kurzfristigen Zinsen – ist, oder übersteigt der kurzfristige Zins sogar den langfristigen Zins, muss B mehr zahlen. A aber hat einen „Hebel“ in die Formel eingebaut, der dann zuschlägt. Bei diesem geringen Abstand zwischen kurz- und langfristigen Zinsen, der als „unnormal“ gilt, drohen schnell gehebelte Großverluste, die „B“ trägt.

Mit anderen Worten: wenn Sie in der falschen Kommune wohnen oder Ihren Unternehmenssitz haben, hat Ihre Verwaltung mit Ihrem Geld Hebelprodukte auf die Wette gekauft, dass die Zinsstruktur „normal“ bleibt.

Mutiges Investment

Das ist mutig – zu Ihren Lasten. Menschen auf Behörden entscheiden darüber, wie die Zins“struktur“kurve der nächsten Jahre aussieht. Damit beschäftigen sich übrigens Spezialisen in Unternehmen mit hohem Dollar- oder Exportanteil auch, etwa bei Luftfahrtgesellschaften.

Die versuchen dann, optimale Sicherungsgeschäfte für Währungen abzuschließen. Im Unterschied zur Finanzverwaltung jedoch haben die kaum andere Aufgaben.

Bemerkenswert allerdings finde ich, dass jetzt die Banken schuld sein sollen. Die Produkte sind brandgefährlich, aber ich erinnere Sie an meine Eingangsfrage: „Spread-Ladder-Swaps“ – investieren Sie oder lassen Sie es bleiben. Wer so etwas kauft und nicht weiß, was er tut, kann den Gegenspieler kaum verantwortlich machen.

Milliarden-Loch: mehrere Milliarden in Gefahr

Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen. Die Zinsstrukturkurve blieb leider nicht „normal“. Und damit wuchsen die Verluste. Das Geschäft insgesamt, also nicht die Verluste, umfasst einen Betrag von 63,7 Milliarden Euro, teilten die Banken nunmehr mit.

1.556 Verträge sowie 1.104 Verträge mit weiteren kommunalen Organisationen – Unternehmen oder den berühmten Zweckverbänden – stehen auf dem Spiel. Laut einem Bericht vom „Handelsblatt“ rechnet ein Insider damit, dass zumindest 2/3tel der Geschäfte solche komplexen Zinswetten gewesen sind. Die Hälfte davon brachte demnach „wohl“ Verluste.

Einmal kurz nachgerecht: 40 Milliarden Euro werden die Geschäfte damit mindestens groß sein. Die Hälfte davon sind 20 Milliarden Euro Verlust. Das alles in unseren Kommunen – das wird teuer.

Risiko meiner Schätzung nach: 15 Milliarden Euro

Das Bundesland Sachsen-Anhalt hat ermittelt, dass dort etwa jedes fünfte Geschäft einen Verlust bringen kann. Stimmt diese Schätzung, sind von gut 60 Milliarden Euro „nur“ 12 Milliarden ein Verlust. Ich rechne mit 15 Milliarden Euro.

Ordnen Sie die Summe ein, ergibt sich ein erschreckendes Bild: Dies entspricht der Hälfte der Neuverschuldung vom Bund – innerhalb von nur einem Jahr. Verzockt und weg.

Viele dieser Geschäfte sind weder aufgeflogen noch schon verarbeitet. Es rollen daher riesige Verlustwellen auf diverse Kommunen zu. Die Politik empfiehlt nunmehr, gegen die jeweiligen Banken zu klagen. Aus meiner Sicht ist das schon fast peinlich. Um  überhaupt eine Chance auf einen Gewinn zu haben, müsste eine Kommune eingestehen, dass sie das Geschäft nicht verstanden hat.

Ahnungslose Kommune

Wenn eine Kommune so argumentiert, dann fürchte ich für die nächsten Jahre aber Schlimmstes. Aus den angekündigten Sparprogrammen kann ich dann keine Erfolgschancen herauslesen. Besser wäre es dann, gut ausgebildete Volkswirte einzusetzen, die das Handwerk gründlich und in jeder Dimension beherrschen.

Sind Sie „Opfer“ einer solchen Kommune, werden Sie auf die eine oder andere Weise mitfinanzieren müssen. Höhere lokale Steuern oder Abgaben sind die Folge, Gebührenerhöhungen müssen Sie zudem auf jeden Fall einkalkulieren. Dies betrifft alles, wonach Kommunen greifen können.

Weniger zwingend belastendes wie Schwimmbad-Gebühren oder Bücherei-Gebühren bis hin zu Dienstleistungen, gegen die Sie sich kaum wehren können. Also: die Müllabfuhr oder Gebühren auf dem Amt.

Für Nicht-Betroffene: kaum Entwarnung

Wenn Sie aber in keiner der ahnungslosen Kommunen wohnen oder „sitzen“ sollten, deuten diese Vorfälle trotzdem nicht auf einen positiven Verlauf der nächsten Jahre. Bei weitem nicht jede Kommune ist mit fähigen Erbsenzählern gesegnet. Machen Sie sich vielmehr darauf gefasst, dass die zahlreichen staatlichen Fehlentscheidungen dann in anderer Form auftauchen.

Alles zu Ihren Lasten. Gebühren, Steuern und Abgaben steigen. Schuld sind die „Anderen“ oder die Umstände. Ich verspreche es Ihnen jetzt schon. Daher:

sparen Sie Steuern wo Sie nur können. Gerade wenn Sie Betroffener in einer der Skandalkommunen sein sollten. Aktiv können Sie sparen, wenn Sie Immobilien kaufen. Die Grunderwerbsteuer steigt in verschiedenen Bundesländern (!), die ebenfalls kräftigen Finanzierungsbedarf haben.

Rechnen Sie das Geschäft auseinander. Kaufen Sie möglichst viel mit einer „Abstand“gebühr, also etwa eine Küche oder andere Möbel. Dafür zahlen Sie keine Grunderwerbsteuer. Achtung: Bei einem späteren Verkauf müssten Sie höhere Steuern zahlen, wenn dadurch die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis zu hoch wird.

Dies vermeiden Sie auf zweierlei Weise:

– halten Sie die Immobilie über 10 Jahre oder

– denken Sie auch beim Verkauf daran, möglichst viel „Ausstattung“ zu verkaufen.

So reduzieren Sie Ihre Mithaftung für staatliche Crash-Leistungen wie jetzt bei Kommunen. Die Zinswetten sind nur ein Beispiel für die Milliarden-Fehlentscheidungen, für die wir alle noch zahlen müssen.

PS: Sparen Sie zudem Steuern als Investor in Geldanlagen: meiden Sie zu viel „Hin und Her“. Steuern zahlen Sie nur auf tatsächlich realisierte Gewinne. Auch der kleine „Crash“ bei Aktien geht auf die staatlichen Aktivitäten zurück. Angefangen in den USA, wo der Staat die Zinsen künstlich niedrig hielt. Mit allen Folgen. Daher widmen wir uns besonders den langfristigen Geldanlagen mit außergewöhnlichen Chancen – siehe etwa den Link unten.

7. September 2011

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Von: Janne Joerg Kipp. Über den Autor

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