Ist Value-Investing veraltet oder immer noch zeitgemäß?

Value-Investing oder doch lieber auf Wachstums-Aktien setzen? Der Champ ist angezählt. Sind die Zeiten von Warren Buffet und des Value-Investings vorbei? (Foto: Rawpixel.com / Shutterstock.com)

Warren Buffet schwört darauf. Andere Trader auch. Was sie alle gemeinsam haben, sind Dekaden an Börsenerfahrung. Und genau das ist der Knackpunkt. Denn Value-Investing hat früher einmal richtig gut funktioniert, doch ist es heute immer noch sinnvoll?

Was ist Value-Investing?

Kurz zum Auffrischen: Beim Value-Investing suchen Sie sich Aktien heraus, die unterbewertet sind.  Dafür gibt es zwei Indikatoren, mit denen Sie relativ schnell analysieren können, ob eine Aktie günstig ist: KBV und KGV.

KBV steht für Kurs-Buch-Verhältnis und berechnet das Eigenkapital pro Aktie. KGV bedeutet Kurs-Gewinn-Verhältnis und verrät Ihnen, wie viele Jahre das Unternehmen die aktuellen Gewinne erwirtschaften müsste, um den Aktienkurs zu rechtfertigen.

Als kleines Beispiel am Rande: Amazon hat derzeit ein KGV von über 180. DAX-Werte bewegen sich im Durchschnitt dagegen bei einem KGV zwischen 10 und 30. 10 gilt dabei als interessanter Wert. Je niedriger die Zahl, desto günstiger ist die Aktie im Verhältnis zum Gewinn, den das Unternehmen macht.

Amazon ist damit genau das Gegenteil einer Value-Aktie. Hier wird nur der Trend oder Hype gespielt – wie immer Sie es nennen möchten. Die Aktie von Jeff Besos hatte im Jahr 2013 sogar ein KGV von 664! Wir kehren also schon fast zur Normalität zurück. Auch wenn das noch sehr lange dauert wird.

Warum lohnt sich Value-Investing?

Der Gedanke ist dabei wie folgt: Ich kaufe ein unterbewertetes Unternehmen günstig ein und erwarte, dass der Markt in den darauffolgenden Jahren diesen Schiefstand ausgleicht und die Kurse nach oben ziehen werden. Gleichzeitig achten auch viele Value-Investoren darauf, dass die Aktien bereits eine solide Dividende ausschütten.

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Das hat den zusätzlichen Effekt: Wenn die Kurse sich irgendwann vervielfachen, fällt die Dividende auch entsprechende höher aus. Und solange die Kurse noch nicht durchgestartet sind, kann der Investor sich über die jährlichen Ausschüttungen freuen und muss sich nicht nur an die Hoffnung der bald steigenden Kurse klammern.

Veraltet und überholt

Natürlich können wir nicht grundsätzlich sagen, dass Value-Investing nie wieder profitabel ist. Allerdings haben die letzten zehn Jahr gezeigt: Diese Strategie lohnt sich im momentanen Börsenumfeld nicht mehr.

Wer auf Trends à la Amazon setzt und die Welle mit nach oben reitet, hat mit Wachstums-Aktien deutlich die Nase vorn. Hier kommt dann auch wieder die Charttechnik zum Tragen. Wer einen starken Trend erkennt und einen günstigen Einstieg – eventuell nach einer Korrektur – findet, der kann auch an überbewerteten Aktien noch seine Freude haben.

Und genau das hindert aber viele „Old School Trader“, denn für sie funktioniert Börse anders. Da werden sich Unternehmensbewertungen angeschaut und analysiert wer das richtige Umfeld inklusive KBV und KGV hat, kommt ins Depot. Heute ist die Zeit schnelllebiger geworden. Viele gute DAX-Aktien verharren schon lange eher im unterbewerten Bereich und haben den Turbo immer noch nicht gezündet. Das kann durchaus frustrierend sein.

The Trend is your Friend

Wenn der Trend also unser Freund ist, sollten wir wohl zumindest diesem Trend folgen und aktuell eher die Finger vom Value-Investing lassen. Es wird sicherlich auch wieder eine Phase geben, in der diese Strategie ertragreicher ist. Doch unter Umständen brauchen wir davor erst noch einen kleineren Crash.


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Von: Michael Berkholz. Über den Autor

Michael Berkholz entdeckte vor einigen Jahren seine Leidenschaft fürs Trading und gibt sein Wissen heute mit großer Leidenschaft an seine Leser weiter.