Jetzt offiziell: Gefälschte Zahlen bei Tesco

Der deutsche Leitindex DAX nähert sich wieder der 9.000-Punkte-Marke. Heute legte der DAX um 0,6% auf 8.940 Punkte zu.

Von einer positiven Kursentwicklung können die Tesco-Aktionäre aktuell nur träumen. Denn jetzt ist es offiziell: Die Gewinnzahlen von Tesco, einem der größten Lebensmitteleinzelhändler in Europa, wurden von Managern des Unternehmens ganz bewusst manipuliert. Das ergaben interne Untersuchungen des börsennotierten britischen Konzerns.

Das im Norden von London ansässige Unternehmen musste vor einem Monat eingestehen, dass es den Halbjahresgewinn für die Monate März bis August um 320 Mio. Euro zu hoch angesetzt hatte.

Bei der Bekanntgabe dieser Korrektur sprach das Unternehmen noch von einem Rechenfehler. Der „Schlussgong“ berichtete damals von diesem Fall und hielt diese Begründung bereits zu diesem Zeitpunkt für äußerst unglaubwürdig.

Denn: Dass einem Milliardenkonzern, der weltweit über 500.000 Mitarbeiter beschäftigt, derart schwerwiegende Rechenfehler passieren, die zufällig genau zu den Wunschvorstellungen des Managements passen, ist nicht unbedingt  realistisch. Daher überraschte mich die jetzt offizielle Bestätigung des Bilanzskandals nicht sonderlich.

Die Hintergründe und Auswirkungen der Zahlen-Manipulation

Tesco hat bislang acht Manager entlassen, darunter den Chef des wichtigen Großbritannien-Geschäfts, welches für rund zwei Drittel der Tesco-Umsätze verantwortlich ist. Der frühere Vorstandsvorsitzende Philip Clarke musste bereits im Juli, also noch bevor Tesco den Fehler entdeckte, gehen.

Das Unternehmen prüft derzeit, ob die Enthüllungen möglicherweise dazu führen könnten, dass Tesco sich einen Teil der 13-Millionen-Euro-Abfindung, die man Clarke bei seinem Abgang zahlte, zurückholen kann.

Da ein interner Tippgeber den Vorstand unter dem Ex-Chef Clarke auf die Unstimmigkeiten hingewiesen haben soll, dann allerdings ignoriert wurde, dürften die Chancen für Tesco nicht unbedingt schlecht stehen, zumindest einen Teil der Abfindung zurückfordern zu können.

Diejenigen Manager, die die Zahlen manipuliert haben, sollen durch ihre Pfuschereien keine finanziellen Vorteile wie etwa höhere Boni erlangt haben.

Es ging ihnen scheinbar nur darum, das Ausmaß der Misere bei Tesco zu verschleiern, um ihre Posten zu retten. Diese Ansicht vertreten zumindest die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte und die Anwälte von Freshfields nach Abschluss der internen Ermittlungen.

Tesco steckt in einer schweren Krise

Die Misere beziehungsweise die Krise bei Tesco ist groß – und das auch unabhängig von der Manipulation der Gewinnzahlen.

Der Konzern, der lange als Branchen-Vorbild in Europa galt, hatte die Bedrohung durch die deutsche Billig-Konkurrenz von Lidl und Aldi auf dem britischen Heimatmarkt lange unterschätzt. Ein folgenschwerer Fehler, wie sich dann herausstellte.

Denn Aldi und Lidl sorgen von Quartal zu Quartal dafür, dass Teso immer größere Marktanteile einbüßt. Daneben schwächelt auch noch das Geschäft der Tesco-Töchter im europäischen Ausland.

Unterm Strich führte dies alles dazu, dass der korrigierte Betriebsgewinn von Tesco im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2014/2015, das Ende August endete, nur noch bei 1,1 Mrd. Euro lag. Im Vorjahreszeitraum fiel der Gewinn noch fast doppelt so hoch aus.

Schutz vor derartigen Manipulationen unmöglich

Das Fazit dieses traurigen Falles lautet: Ein 100%iger Schutz vor Bilanz-Manipulationen ist für uns als Anleger unmöglich. Wir Anleger sind darauf angewiesen, dass die Zahlen, die die Unternehmen veröffentlichen, auch der Realität entsprechen.

Auch der berühmteste und erfolgreichste Investor aller Zeiten, Warren Buffett, ist auf Tesco „hereingefallen“. Er kündigte kürzlich seinen Ausstieg bei Tesco an und bezeichnete diese Investition als „Riesenfehler“. Sie sehen also: Nicht einmal ein Genie wie Warren Buffett ist vor solchen Manipulationen gefeit.

22. Oktober 2014

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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