Kauft Vodafone jetzt Liberty Global?

Der Deal scheint perfekt, Verizon und Vodafone lassen sich scheiden. Die Briten gehen mit 100 Mrd. Dollar nach Hause und haben genug Spielgeld für neue Unternehmenskäufe. (Foto: M DOGAN / Shutterstock.com)

Was für eine monströse Summe. Mit einem Betrag von 100.000.000.000 Mrd. US-$ zahlt nach den aktuellen Pressestimmen der US-Mobilfunkkonzern Verizon seinen britischen Mitgesellschafter Vodafone aus und hat damit wieder das alleinige Sagen im Gemeinschaftsunternehmen Verizon Wireless.

Mit dem Rückkauf beenden die beiden Geschäftspartner einen jahrelang geführten Rosenkrieg um die strategische  Ausrichtung der gemeinsamen Tochter, und, wie in vielen Ehen, ums liebe Geld.

Kommt das Geschäft so zustande, wäre dies die größte Unternehmensübernahme der letzten Jahre, wenn auch kein rekordverdächtiger Deal.

Wir erinnern uns noch gut an den Kauf des Mobilfunkers Mannesmann durch Vodafone für 200 Mrd. Dollar in den Zeiten der New-Economy im Jahr 2000.

Doch damals wie heute nehmen die Konzentrationsbestrebungen in der Branche zu, die großen Spieler im Markt drängen ins Kabelnetz.

Nur hier sehen sie ausreichendes Potential, die anfallenden Datenmengen in der Geschwindigkeit zu ihren Kunden zu transportieren, die diese von ihnen erwarten.

Liegt damit die Zukunft des Mobilfunks in leitungsgebundenen Kabelnetzen?

Schaut man sich die aktuellen Bestrebungen der Branche an, verstärkt sich zumindest in Sachen Vodafone dieser Eindruck.

Konzernchef Vittorio Colao übernahm im vergangen Jahr bereits den britischen Telefon- und Internetanbieter Cable&Wireless Worldwide, baut derzeit zusammen mit Orange in Spanien ein landesweites Glasfasernetz auf und unterbreitete in Deutschland jüngst ein Übernahmeangebot in Höhe von 11 Mrd. Euro für den Netzbetreiber Kabel Deutschland.

Und nun erhält Vodafone 100 Mrd. US-Dollar an frischen Finanzmitteln. Klar, dass die bisherigen Aktionäre des britischen Mobilfunkunternehmens auf eine möglichst hohe Sonderausschüttung drängen, doch macht das wirklich Sinn?

Sollte Vodafone die 100 Milliarden, oder zumindest wesentliche Teile davon, nicht sinnvoller verwenden und sich nach neuen Kaufgelegenheiten umschauen?

Kleinere Festnetz- und Kabelnetzbetreiber wie die spanische ONO oder die italienische Fastweb rücken dabei ebenso ins Blickfeld der Überlegungen, wie die ganz großen der Branche.

Heiß gehandelt als mögliches Übernahmeziel wird derzeit die britische Liberty Global plc, die als größter Breitbandanbieter außerhalb des amerikanischen Kontinents gilt.

Das in London beheimatete Unternehmen betreut mit 22.000 Mitarbeitern und seinen 14 Landesgesellschaften  etwa 25 Millionen Kunden und versorgt diese mit Festnetztelefonie, Kabelfernsehen und schnellen Internetanbindungen.

In Deutschland ist Liberty Global seit November 2009 vertreten, damals wurde für 3,5 Mrd. Euro Unitymedia übernommen.

Mit seinem gigantischen Leitungsnetz und dem Zugang zu 22 Millionen Endverbrauchern scheint Liberty Global geradezu ein ideales Übernahmeziel für ambitionierte Mobilfunkunternehmen wie Vodafone zu sein.

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Auch die Marktkapitalisierung von Liberty Global passt ins Gefüge, aktuell wird das Unternehmen mit seinen drei Aktienkategorien (Stammaktien mit einfachem Stimmrecht, Stämme mit 10-fachem Stimmrecht und Vorzugsaktien) gesamt mit 91,64 Mrd. US-Dollar bewertet.

Wesentliche Aktienpakete liegen bei institutionellen Anlegern und Pensionsfond, die sich bei passendem Preis sicher von ihren Paketen trennen würden.

Die Spekulation ist heiß, würde doch mit einer Übernahme oder einem wie auch immer gearteten Zusammengehen, ein neuer, globaler Telekommunikationsgigant entstehen.

Auch wenn dies kartellrechtlich sicher die einen oder anderen Bedenken oder Probleme verursachen würde.

Doch solche Überlegungen sind den frühen Vögeln fremd, die den „Wurm“ Liberty Global bereits auf Basis der puren Gerüchte und reiner Spekulationen jagen.

Die Trennung von Verizon und Vodafone ist noch nicht in trockenen Tüchern, der milliardenschwere  Ausgleichsbetrag noch nicht geflossen, da treiben sie den Kurs des potentiellen „Opfers“ bereits in die Höhe.

Die Stammaktien mit einfachem Stimmrecht stiegen in der vergangenen Woche unter hohen Umsätzen in der Spitze um 4,6% und konnten sich damit dem schwachen Trend der Leitbörsen entziehen.

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Dass es sich hier um einen rein spekulativ begründeten Kursanstieg handelt, ist klar. Weder Vodafone noch Liberty Global bestätigen, das beiderseitige Gespräche geführt werden.

Und dass wir uns als Point&Figure-Trader an solchen spekulativen Aktiengeschäften nicht beteiligen, versteht sich auch von selbst.

Allerdings verkneifen wir uns aber auch nicht grundsätzlich einen Blick auf die Point&Figure-Charts von Werten, die gerade im Blickpunkt des allgemeinen Interesses stehen.

Der Blick auf den Chart zeigt, sind die Gerüchte auch noch so heiß, charttechnisch betrachtete „heiß“ ist die Liberty Global-Aktie nicht.

Zwar notiert die Aktie in einem intakten Point&Figure-Kaufsignal (grüner Kreis) mit einem Kursziel von 109,00 US-Dollar, doch die vorletzte Säulen im Chart, die rote O-Säule, zeigt bereits das nachlassende Kaufinteresse der Anleger und hält uns damit von Käufen ab.

Gelingt es dem Kurs jedoch, mit oder ohne die Vodafone-Gerüchte, die aktuelle X-Säule fortzusetzen und das letzte Hoch bei 82,00 US-$ zu übertreffen, hätten wir ein weiteres Point&Figure-Kaufsignal. Und damit rückt Liberty Global dann doch ins Interesse von uns Point&Figure-Anlegern.


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Von: René Neukirch. Über den Autor

René Neukirch, Jahrgang 1963, ist Händler. Parketthändler. Zumindest nannte man es damals, vor über 26 Jahre so. Mit nur 22 Jahren hatte er sich schon vom einfachen Bankkaufmann hochgearbeitet zum Parketthändler und ist seitdem der Leidenschaft Börse verfallen.