Kein Befreiungsschlag für Wirecard – im Gegenteil

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

Es hätte ein Befreiungsschlag werden sollen, hat jedoch das genaue Gegenteil bewirkt. Die Aktie von Wirecard bricht um mehr als 26% ein. (Foto: obs/Wirecard AG/Paul Blind)

Wenn ein Mitglied des deutsches Leitindizes DAX an einem Tag um 26% einbricht, sollte das etwas Besonderes sein. Etwas das den Kapitalmarkt erschüttert. Nicht so bei dem Zahlungsdienstleister Wirecard, dessen Aktionäre an Tagesverluste vergleichbarer Größenordnungen mittlerweile gewöhnt sind. Und doch war das, was gestern passiert ist, eine Zäsur.

Eine Zäsur deshalb, weil die von Wirecard initiierte Sonderuntersuchung der Bilanzen für die Jahre 2016 bis 2018 entgegen den allgemeinen Erwartungen und den Beteuerungen des Vorstands zu keiner Entlastung geführt hat. In ihrem 74-seitigen forensisch-geprägten Gutachten kritisieren die Wirtschaftsprüfer von KPMG nicht nur einen mangelnden Kooperationswillen Wirecards, auch sieht sich KMPG trotz monatelanger Prüfung nicht in der Lage zu bestätigen, dass ausgewiesene Umsätze im sogenannten Third Party-Geschäft tatsächlich existieren, dem Hauptkritikpunkt der Wirecard-Gegner.

Ungewöhnlich offene Kritik

Dafür, dass KPMG von Wirecard mandatiert wurde, werden die Wirtschaftsprüfer ungewohnt deutlich. Im Zusammenhang mit den Third-Party-Geschäften ist davon die Rede, dass Wirecard die angeforderte Dokumente „teilweise nicht bzw. erst mehrere Monate nach Anforderung“ geliefert hat, dass Wirecard einzelne vereinbarte Interview-Termine mit „wesentlichen Wirecard-internen Ansprechpartnern mehrfach verschoben“ hat oder dass zahlreiche Unterlagen nur in Form einer Kopie oder als Scan vorliegen, so dass nicht beurteilet werden kann, ob diese Versionen überhaupt den Originalen entsprechen.

Ein richtiggehendes Untersuchungshemmnis, so der verwendete Begriff, sehen die Experten von KPMG darin, dass sie noch nicht einmal in der Lage sind zu beurteilen, ob die verbuchten Umsatzerlöse existieren oder in ihrer Höhe nach korrekt sind. Um Ihnen die Größenordnungen zu verdeutlichen, um die es hier geht: Es handelt sich um nicht hinreichend nachgewiesenen Einzahlungen auf Treuhandkonten im Umfang von rund 1 Milliarde Euro.

Vorstand sieht sich im Recht

Geradezu skurril ist, dass sich der Vorstand mit dem Gutachten von den Manipulationsvorwürfen, die Journalisten der Financial Times (FT) in den vergangenen Monaten wiederholt vorgebracht haben, entlastet sieht. Nur selten dürfte es in den deutschen Führungsetagen eine ausgeprägtere Realitätsverleugnung gegeben haben. Weder will der Vorstand substanzielle Feststellungen eingestehen, die Korrekturen erfordern würden, noch will er in seiner gestern veröffentlichten Ad-hoc-Meldung „belastende Belege“ gesehen haben, die die Behauptungen der FT gestützt haben.

Zwar ist es richtig, wie Wirecard es vorbringt, dass die von der FT erhobenen Vorwürfe der Manipulation nicht belegt werden konnten. Richtig ist aber auch, dass die entsandten Wirtschaftsprüfer in Ermangelung eines aussagekräftigen Datenmaterials zu einer Gesamtbeurteilung des strittigen Third-Party-Transaktionen gar nicht in der Lage waren. Würde Wirecard vor Gericht stehen, wäre das Verfahren mangels Beweise eingestellt worden.

Für einen DAX-Konzern aber ist ein Freispruch zweiter Klasse nicht ausreichend. Nein, es ist für Wirecard kein Tag der Klarheit geworden. Wo das KPMG-Gutachten Wirecard von den Bilanzierungsvorwürfen hätte entkräften sollen, wurde das genaue Gegenteil bewirkt. Ausgelöst wurde ein Kurssturz, den Wirecard noch nicht einmal in den härtesten Tagen seiner Auseinandersetzung mit der Financial Times erlebt hatte. Solidität sieht anders aus.

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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.

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