Kein Stress mit dem Atom: RWE und Eon sind wieder Börsenlieblinge

Eine wahrhaft zentnerschwere Last ist heute den größten deutschen Versorgern abgefallen – und beschert ihren Aktionären zweistellige Gewinne. (Foto: 360b / shutterstock.com)

Eine wahrhaft zentnerschwere Last ist heute den größten deutschen Versorgern abgefallen – und beschert ihren Aktionären zweistellige Gewinne. Auch für die kommenden Tage ist mit steigenden Aktienkursen bei RWE und Eon zu rechnen.

Beide Versorger-Papiere stiegen heute in der Spitze um über zehn Prozent und setzten ihren seit gut zehn Tagen anhaltenden Erholungskurs auf hohem Tempo weiter fort.

Grund für die Börseneuphorie ist der positiv ausgefallene „Atom-Stresstest“. Nach Einschätzung der Bundesregierung können die vier großen Stromkonzerne in Deutschland – neben RWE und Eon zählen hierzu noch EnBW und Vattenfall – die Milliardenkosten des Atomausstiegs gemeinsam bewältigen.

Im Sommer hatten die Aktien von RWE und Eon aufgrund der Sorgen über die Kosten des Atomausstiegs gut die Hälfte ihres Wertes verloren.

Vermögenswerte decken Kosten ab

„Die Vermögenswerte der Unternehmen decken in Summe die Finanzierung des Rückbaus der Kernkraftwerke und der Entsorgung der radioaktiven Abfälle ab“, sagte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Er hatte im Juni bei Wirtschaftsprüfern den Stresstest in Auftrag gegeben.

Laut diesem Gutachten wird das Ende der Kernenergie in Deutschland mit Abriss der Kernkraftwerke und Endlagerung des Atommülls rund 47,5 Mrd. Euro kosten. Davon fallen etwa 20 Mrd. Euro für den Abriss an, weitere 8 Mrd. Euro für die Endlagerung. Die restlichen Kosten sind für Zwischenlagerung, Transport etc. vorgesehen. Die Rücklagen der Konzerne belaufen sich derzeit auf 38,3 Mrd. Euro.

Die Wirtschaftsprüfer rechneten insgesamt sechs verschiedene Modelle mit sich langfristig unterschiedlich entwickelnden Kosten und Renditen durch. Ihr Fazit: Im besten Fall reichen Rückstellungen von 25 Mrd. Euro aus, im schlimmsten Szenario werden über 77 Mrd. Euro benötigt.

„Worst case“ ist extrem unwahrscheinlich

Dieser „Worst Case“ bedeutet zwar einen Fehlbetrag von knapp 39 Mrd. Euro – doch sowohl Bundesregierung als auch die Konzerne selbst halten diesen Extremfall für extrem unwahrscheinlich.

Hierbei gehen die Prüfer nämlich davon aus, dass in den kommenden 85 Jahren die Konzerne jedes Jahr nur wirtschaftliche Verluste einfahren würden – bei gleichzeitig extrem hohen Kosten und einem negativen Zinssatz von durchschnittlich 1,6 Prozent.

Mitte September waren erste Zahlen zu den „Worst Case“-Annahmen durchgesickert – ohne diese aber in den richtigen Zusammenhang zu stellen. Infolgedessen waren die Aktien von Eon und RWE auf historische Tiefstände gestürzt. Nun ist diesen extrem pessimistischen Szenarien, die zuletzt die Kursverläufe der beiden Versorger bestimmt haben, die Grundlage entzogen.

Entsprechend optimistisch sind heute Investoren und Analysten. Zum Teil sehen sie für die RWE- und Eon-Aktie ein Kurspotenzial von 40 Prozent. Angesichts der sehr niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 7 (RWE) bzw. 10 (Eon) sind diese optimistischen Szenarien gar nicht so unwahrscheinlich.

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Philipp Ley
Von: Philipp Ley. Über den Autor

Philipp Ley ist ausgebildeter Wirtschaftsjournalist mit Stationen u. a. bei n-tv, Financial Times Deutschland, Rheinischen Post und der Aktien-Analyse. In den vergangenen zwölf Jahren hat er zudem als Kommunikations- und Investor-Relations-Berater zahlreiche Geschäftsberichte erstellt: für kleinere aufstrebende Unternehmen ebenso wie für Börsenschwergewichte.