Knorr-Bremse wird der größte Börsengang des Jahres

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Mit Knorr-Bremse geht ein weiterer Traditionskonzern an die Börse. (Foto: Eisenhans - Adobe.com)

Wer darauf gewettet hatte, dass es nach Siemens Healthineers in diesem Jahr keinen zweiten Börsengang ähnlichen Ausmaßes geben werde, wird seine Wette wohl – wenn auch knapp – verlieren. Derzeit mehren sich die Anzeichen, dass Knorr-Bremse dem Münchner Medizintechnikunternehmen kurz vor der Ziellinie noch den Rang ablaufen wird.

Sollte die Aktie des Weltmarktführers für Schienen- und Nutzfahrzeugbremsen am oberen Ende der Bookbuilding-Bandbreite platziert werden, ergäbe sich ein Emissionsvolumen von 4.207 Mio. Euro; knapp oberhalb der 4.200 Mio. Euro, die der Siemens-Konzern im Frühjahr beim Healthineers-Börsengang für 15% der Aktien eingenommen hat.

Hier gilt das Motto: Wer bremst, gewinnt

Mit mehr als 100 Standorten ist Knorr-Bremse derzeit in 30 Ländern vertreten. Das Unternehmen ist in zwei Geschäftsbereichen aufgeteilt. Im Unternehmensbereich „Systeme für Schienenfahrzeuge“ stattet Knorr-Bremse Fahrzeuge im öffentlichen Personennahverkehr wie beispielsweise U- und S-Bahnen oder Straßenbahnen aus, aber auch Güterzüge, Lokomotiven sowie Personenverkehrs- und Hochgeschwindigkeitszüge.

Inzwischen geht die Produktpalette weit über Bremssysteme hinaus: So stellt das Münchener Unternehmen auch intelligente Einstiegssysteme, Klimaanlagen, Energieversorgungssysteme, Steuerungskomponenten und Scheibenwischer, Bahnsteigtüren, Reibmaterial sowie Fahrerassistenzsysteme und Leittechnik her. Schließlich bietet Knorr-Bremse Fahrsimulatoren und E-Learning-Systeme zur Ausbildung des Zugpersonals an.

Im Unternehmensbereich „Systeme für Nutzfahrzeuge“ werden Bremssysteme für Lkws, Busse, Anhänger und Landmaschinen hergestellt. Nach eigenen Angaben hat Knorr-Bremse eine führende Marktstellung bei der elektronischen Bremssteuerung, bei Fahrerassistenzsystemen sowie der Luftaufbereitung inne. Weitere Produktfelder sind Systeme für den Antriebsstrang, zu denen auch Drehschwingungsdämpfer für Dieselmotoren zählen.

Vom Sachbearbeiter zum Milliardär

Mit einem Anteilsbesitz von 95 % Quasi-Alleineigentümerin des Unternehmens ist die KB Holding GmbH des früheren Vorstandsvorsitzenden und ehemaligen Aufsichtsratschefs Hermann Thiele und dessen Tochter.

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Thiele, der einst als einfacher Sachbearbeiter im Unternehmen begonnen und schnell Karriere gemacht hatte, gelang es Mitte der 1980er-Jahre, die Mehrheit am Unternehmen zu erwerben und diese in den Jahren danach weiter auszubauen.

Licht und Schatten

Platziert werden insgesamt 35 Mio. Inhaberaktien der KB Holding sowie eine Platzierungsreserve von weiteren 8 Mio. Stück desselben Altaktionärs, die für den Fall einer hohen Nachfrage abgegeben werden sollen. Eine Kapitalerhöhung, über die auch die Emittentin selbst Kapital einsammelt, ist nicht vorgesehen. Dass die Erlöse aus dem Börsengang vollständig an die Altgesellschafter fließen, wird für gewöhnlich an der Börse nicht goutiert.

Auch die Bewertung des Unternehmens macht nicht gerade den Eindruck, dass hier ein Schnäppchen an die Börse gehen würde. Die Bookbuilding-Preisspanne wurde auf 72 bis 87 Euro festgelegt. Am oberen Ende entspricht dies einer Marktkapitalisierung von 14,0 Mrd. Euro, am unteren von 11,6 Mrd. Euro. Bezogen auf die im letzten Jahr erwirtschafteten Nachsteuergewinne von 587,2 Mio. Euro errechnet sich damit ein KGV zwischen 19,8 und 23,9.

Allerdings will sich das Unternehmen als Dividendenwert positionieren. Gerüchten zufolge sollen die Aktionäre mit einer Ausschüttungsquote von 40 % bis 50 % des Nettogewinns rechnen können. Bezogen auf die im vergangenen Jahr erwirtschafteten Gewinne entspricht dies – je nach Zuteilungskurs – einer Dividendenrendite zwischen 1,7 % und 2,5 %.

Sollten alle Aktien platziert werden, ergibt sich folglich ein Streubesitz von bis zu 30 % der Aktien. Damit dürfte dem Bremsenhersteller der Platz im MDAX und damit die notwendige Aufmerksamkeit der Investoren sicher sein.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.