Kommt jetzt die Jahresend-Rallye?

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Die Aktienmärkte generierten am Freitag ja wohl ein klares Signal: Die Kehrtwende ist eingeläutet. Oder? (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Haben Sie sich am Freitag geärgert, beim DAX-Anstieg von fast +3% nicht dabei gewesen zu sein? Offensichtlich hat der gute Herr Sommer mit seinem jüngst geäußerten Pessimismus für den Aktienmarkt diesmal ja wohl danebengelegen. Oder?

Die Kurse schnellten am letzten Handelstag der vergangenen Woche nach dem neuesten Trump-Ge-Twitter kräftig nach oben. Der US-Präsident hatte bezüglich der derzeit geführten Gespräche mit chinesischen Regierungsvertretern von „wirklich gut laufenden Verhandlungen“ gesprochen.

Auch die Wall Street kletterte daraufhin kräftig, wenngleich am Ende „nur“ ein Plus von +1,2% herausschaute.

Wir untersuchen heute, was sich im Handelsstreit wirklich getan hat. Und wir blicken einmal näher auf den Verlauf der Börsensitzung vom Freitag, um die Frage zu klären, ob dies tatsächlich das Signal für den Auftakt der Jahresend-Rallye war.

„Wirklich gut laufende Verhandlungen“

Diese Aussage weckt doch beinahe bei jedem Investor ein optimistisches Gefühl, nicht wahr? Schließlich kommt endlich mal Bewegung in die eingefahrenen Verhandlungen im Handelsstreit zwischen China und den USA!

Das klingt auch in der mir daraufhin zugegangenen Frage des Lesers Martin H. vom Freitagmittag an: „Guten Tag Herr Sommer, bestätigt der Markt heute, dass der Aktiencrash in nächster Zeit völlig ausbleibt und wir schnurstracks auf neue Hochs zustreben?“

Immerhin hat sich Herr H. noch ein gesundes Maß an Skepsis bewahrt. Ich kann Ihnen nur empfehlen, die Hintergründe bei vergleichbaren Ereignissen ebenfalls zu hinterfragen.

Und noch eine Richtigstellung: Ich habe bis dato nie davon gesprochen, dass ich eine Crash erwarte, sondern lediglich ein Andauern der Korrektur. Was wiederum nicht heißt, dass ich einen Crash kategorisch ausschließe.

Die Wahrheit über Marktkommentare

Wie so oft scheinen ja auch die einschlägigen Börsenmedien den plötzlichen Stimmungsumschwung zu bestätigen. Also auf in die Jahresend-Rallye? Halt! Nicht gar so eilig bitte!

Was Sie niemals und unter keinen Umständen vergessen sollten, wenn Sie Marktkommentare lesen: Es sind selten die Nachrichten, welche die Kurse machen! Vielmehr ist es meistens genau andersherum!

Dazu stelle ich Ihnen eine ganz simple Frage: Haben Sie schon jemals in den Marktkommentaren gelesen, wie Sie sich am Aktienmarkt aufstellen sollten, BEVOR und WEIL eine große Kursveränderung ansteht?

Die Wahrheit ist viel schlimmer als Sie sich vielleicht vorstellen möchten: Das „Big Money“ benutzt die Börsenmedien dazu, um die Masse der Investoren – also auch SIE – in die Richtung zu dirigieren, die ihr nützlich sprich: für sie profitabel ist!

Ich weiß: Das ist für Sie erst einmal schwer zu verdauen!

Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen!

Schauen Sie dazu aber einmal mit mir zusammen auf das Handelsgeschehen am Freitag. Diesmal habe ich Ihnen einen 5-Minuten-Chart des Dow Jones plus Umsatz vorbereitet:

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Dow Jones: Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen!

Der Trump- Kommentar „die Verhandlungen laufen wirklich gut“ scheint eine regelrechte Euphorie unter den Marktteilnehmern ausgelöst zu haben:

Der Dow Jones eröffnete gleich mal um 204 Punkte über dem Vortagsschluss. Der US-Leitindex ging dann zwar ein wenig vom Gaspedal, kletterte jedoch in den ersten 2 Handelsstunden um insgesamt 506 Zähler oder +1,9%!

Danach gab es erste Gewinnmitnahmen – nichts Ungewöhnliches eigentlich. Und nach nur einer weiteren Stunde zog die Notierung auch tatsächlich wieder an und schaffte mit dem Tageshoch von 27.013 sogar den Sprung über die nächste Tausendermarke. Allerdings nur kurz:

Denn in den letzten 20 (!) Handelsminuten verlor der Dow Jones 212 Zähler und damit fast die Hälfte seines gesamten Tagesgewinns! Und wenn Sie nun noch auf die dazugehörigen Umsätze schauen, dann ahnen Sie bereits, was hier geschehen ist:

Die Großinvestoren haben das hohe Niveau dazu genutzt, kräftig Kasse zu machen. Das verwundert auch nicht, wenn Sie lesen, was von der Trump-Aussage am Ende übrig bleibt: Nichts!

Beide Parteien haben lediglich verlauten lassen, dass sie sich erneut treffen wollen, falls die zuvor gemachten Versprechungen eingehalten würden. Ist das für Sie ein „substanzieller Fortschritt im Handelsstreit“?

Wer profitiert davon?

Falls Sie jemals die Vorstellung gehabt haben, an der Börse würde Ihnen etwas geschenkt, dann muss ich Sie bitter enttäuschen. Wie auch im richtigen Leben versuchen die Mächtigen, die Massen in die von ihnen erwünschte Richtung zu lenken.

Wenn Sie darauf regelmäßig hereinfallen, dann werden Sie auf Dauer zu den Verlierern am Aktienmarkt gehören und nicht zu den Gewinnern! Bei bemerkenswerten Marktveränderungen sollten Sie sich daher stets die eine Frage stellen:

„Wer profitiert davon?“

Fazit

In den zurückliegenden Tagen habe ich Sie mehrfach auf die Vorgehensweise des „Big Money“ aufmerksam gemacht: Um sich nicht selbst die Kurse „kaputt zu machen“, müssen die Großinvestoren ihre riesigen Aktien-Positionen in mehreren Transaktionen kaufen oder verkaufen.

Ich sage Ihnen da nichts Neues: Diese Investorengruppe hat die Macht, Trends zu initiieren, zu beschleunigen und auch wieder zu beenden. Aber das tut sie nicht allein durch ihr Handeln, sondern eben auch mittels geschickt gelenkter Beeinflussung der Marktteilnehmer durch die Börsenmedien.

Am Freitag wurde der Trump-Tweet vom „Big Money“ auf geradezu nach Drehbuch ausgenutzt: Über die Futures wurde die Stimmung schon vor Handelsbeginn derart angeheizt, dass die Privatanleger nur zu gerne auf den vermeintlich anfahrenden Zug aufsprangen.

Die nüchterne Erkenntnis: Gemessen vom Eröffnungskurs des Dow Jones bei 26.694 am Freitag blieben am Ende des Tages nur noch 116 Zähler Plus übrig!

Übrigens: Die US-Futures zeigen für heute Nachmittag eine Dow Jones-Eröffnung (Stand: 13.00 Uhr) bei 26.685 Punkten an…


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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