Kommunen zocken mit Ihrem Geld

Kennen Sie den?

Kommt ein Mann zur Bank. Er legt 1.000 RWE-Aktien vor (aktueller Kurs knapp 27 Euro, Gesamtwert also 27.000 Euro) und sagt: Die will ich als Sicherheit hinterlegen und dafür 75.000 Euro Kredit.

Gut, der Witz?

Ob der Banker den Witz gut findet, sei dahingestellt. Er würde den Antragsteller vermutlich wahlweise rausschmeißen oder den Notarzt rufen.

Notarzt für Kommunen?

So weit, so schlecht. Denn das, was ich als Witz geschildert habe, ist kein Witz. Es ist Alltag in unseren Kommunen.

Die haben sich als Börsianer versucht. Es ist grandios gescheitert. Das aber wollen oder sollen sie nicht eingestehen. Und so stehen z.B. RWE-Aktien zu Mondpreisen in den Bilanzen.

Das Fatale: Diese Bilanzen gaukeln ein Eigenkapital vor, das dem eingangs erwähnten Witz entspricht.

Knapp 1 Milliarde zu viel in der Bilanz

Die Stadt Essen hat z.B. 18,75 Millionen RWE-Aktien in den Büchern und bewertet sie derzeit mit 75,92 Euro je Aktie! Richtig wäre eine Bilanzierung mit rund 27 Euro je RWE-Aktie. Dabei geht es um diese Differenz zwischen Dichtung und Wahrheit:

506.000.000 Euro ist in etwa der börsliche Wert von 18,75 Millionen RWE-Aktien.

1.423.500.000 Euro ist der ausgewiesene Bilanzwert von 18,75 Millionen RWE-Aktien.

Das heißt: Die Bilanz weist fast eine Milliarde Euro Eigenkapital zu viel aus.

„Notarzt oder Rausschmiss?“, war eingangs die fiktive Frage des Bankers.

Nun sei der Vollständigkeit halber hinzugefügt, dass die Bewertung zu 75,92 Euro je Aktie auch unverändert blieb, als der Kurs der Aktie mit über 90 Euro notierte. Das macht es aber nicht besser. Es belegt nur, dass die Kommunen ihre Aktienbestände eigenständig und völlig willkürlich bewerten und bilanzieren können.

Andere Gemeinden, wie z.B. Bochum, Dortmund, Gladbeck, Oberhausen spielen ein ähnliches Spiel mit RWE-Aktien, wenn auch nicht mit ganz so hohen Summen.

Nicht der Kämmerer, sondern die Politik ist gefordert

Die hier aufgezeigte Zockerei mit der RWE-Aktie ist nur ein Beispiel. Die unsäglichen Zinswetten, bei denen sich die Kommunen von den Banken über den Tisch ziehen ließen, ist ein weiteres Kapitel dafür, wie unsere Steuergelder sinnlos verzockt werden.

Die Politik muss die Städte verpflichten, ordentlich zu bilanzieren; so einfach ist das. Und das Zocken an der Börse mit treuhänderisch verwalteten Geldern (nichts anderes sind unsere Steuern und Abgaben) muss für die Kommunen unter drastischer Strafe gestellt werden. Mindestens wäre eine persönliche Haftung der dafür verantwortlichen Mitarbeiter angebracht. Das würde dieses miese Spiel mit unseren Steuergeldern und Abgaben sofort beenden.

Immerhin, das Thema wird im NRW-Landtag thematisiert. Ich wage zu prophezeien: Viel kommt nicht dabei raus, nach dem Motto: „Sind ja nur Steuergelder.“

Zum guten Schluss: Heute vor 1.659 Jahren, also am 13.11.354, kam der Philosoph und Kirchenlehrer Augustinus von Hippo zur Welt. Von ihm werden die Worte übermittelt:

„Der Verstand schafft die Wahrheit nicht, sondern er findet sie vor.“

Ich bemühe mich, die Wahrheit im Börsenleben zu finden und hier niederzuschreiben. In der Hoffnung, dass es (oft) gelingt, sende ich beste Grüße

© Rainer Heißmann – Weiterverbreitung nur mit Link auf den Originaltext gestattet

13. November 2013

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rainer Heißmann. Über den Autor

Rainer Heißmann ist Autor für Wirtschafts- und Börsenfachpublikationen und Chefredakteur vom "Optionen-Profi". Außerdem ist er Autor des Buchs "Reich mit Optionen". Seine größte Stärke: Komplexe Sachverhalte so zu erklären, dass sie auch dem Nicht-Fachmann verständlich und nachvollziehbar werden.

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