Kriseln sie schon wieder?

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Der jüngste Liquiditätsengpass im US-Interbankenmarkt ging an vielen Anlegern vorbei. Droht hier neue Gefahr? (Foto: unknown)

Ihre Branche war verantwortlich für die Finanzkrise 2007 / 2008: Die Banken lösten das Debakel an den Finanzmärkten aufgrund ihres Hungers nach Macht und ihrer unstillbaren Gier nach Profit aus.

11 bis12 Jahre danach waren die Bank-Aktien alles andere als ein gutes Investment. Zumindest gilt das für die europäischen und vor allem die deutschen, börsennotierten Kreditinstitute.

Die US-Bankaktien feierten hingegen ein weitgehend unbeachtet gebliebenes, phänomenales Comeback: +556% Wertzuwachs vom Tiefpunkt im März 2009 bis zum Top im Januar 2018.

Die Chartbilder sehen indes heute nicht mehr so günstig aus. Kriselt die Bankbranche schon wieder? Ich habe für Sie einen Blick auf die Charttechnik der US-Branche geworfen.

Kaum beachtete Notenbank-Intervention

Möglicherweise ist es an Ihnen in den Börsenmedien vorbeigerauscht. Es wurde ja auch sehr schnell zu einem Nicht-Problem herunter geredet.

Vor 2 Wochen musste die US-Notenbank erstmals seit der Finanzkrise auf dem sogenannten Interbankenmarkt intervenieren. Das ist der (virtuelle) Platz, auf dem Kreditinstitute untereinander und miteinander Finanzinstrumente handeln und sich gegenseitig Geld leihen.

An diesem Markt kam es vor 14 Tagen zu einem überraschenden Liquiditätsengpass. Die FED (Federal Reserve Bank), wie die US-Notenbank auch genannt wird, stellte daraufhin umgehend 53,2 Mrd. USD zur Verfügung.

Begründet wurde der Engpass mit dem „zufälligen“ Zusammentreffen eines Steuerzahlungstermins für US-Unternehmen und den – aufgrund des derzeit historisch niedrigen US-Rendite-Niveaus – vermehrten Käufen von Staatsanleihen:

US-Banken sind wichtige Finanziers der Staatsschulden. Und so entwickeln die Vereinigten Staaten angesichts hoher Haushaltsdefizite hier großen Appetit.

Der im Interbankenhandel übliche Zinssatz für Geldleihgeschäfte schnellte an jenem 17. September 2019 mal eben auf etwas mehr als das Vierfache des zu diesem Zeitpunkt noch gültigen US-Leitzinses in Höhe von 2,0% bis 2,25%.

Notiz am Rande: Am Tag darauf wurde dieser Leitzins, die FED Funds Rate, auf 1,75% bis 2,0% gesenkt.

Eine Überraschung? Wirklich?

Ist das nun ein Warnsignal oder wirklich nur ein zufälliges Zusammentreffen zweier Ereignisse – Steuertermin und Staatsanleihekäufe?

Ganz ehrlich? Ich kann Ihnen diese Frage nicht beantworten. Ganz geheuer ist mir das Ganze aber nicht: Schließlich kann der Steuertermin für die Banken doch nun wirklich keine Überraschung gewesen sein.

Für mich überraschend ist hingegen, dass das US-Bankensystem heute, trotz aller Lehren aus der Finanzkrise noch immer einen – unerwarteten? – Liquiditätsengpass bekommen kann.

Was sagt die langfristige Charttechnik zu den US-Banken?

Auf jeden Fall hat mich dieses Ereignis dazu angeregt, einmal näher auf die Charttechnik der US-Banken zu schauen. Beginnen wir, wie gewohnt, mit einem Monats-Chart, um uns einen Überblick über die langfristigen Trends zu verschaffen.

US-Banken-Index arbeitet am Bruch des langfristigen Aufwärtstrends

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Folgende Punkte fallen auf:

  • Der im März 2009 initiierte Aufwärtstrend wird seit Dezember 2018 immer wieder penetriert (rote Ellipse).
  • Dem Branchen-Index gelang es nicht, das Rekordhoch aus dem Jahr 2007 zu überbieten (blauer Kreis): Dazu fehlten im Januar 2018 nur noch knapp +13%.
  • Seither bewegt sich der US-Banks-Index in einem Abwärtstrend.
  • Ähnlich dem Index selbst verhielt sich zuletzt der Relative-Stärke-Index: Der Indikator für Trend-Intensität brach kurzzeitig durch den Aufwärtstrend seit 2009, konnte sich danach aber wieder in den Trend „retten“ (gelber Kreis).

Der Ausbruch aus dem Abwärtstrend seit Januar 2018 war wenig überzeugend. Tatsächlich ist aktuell der Aufwärtstrend seit Dezember 2018 in akuter Gefahr.

Der Schwung lässt nicht nur nach

Schauen wir nun noch auf einen Tages-Chart. Hier habe ich Ihnen das 50-Tage-Momentum zusätzlich eingeblendet.

Divergenz zwischen Index und Momentum signalisiert Trendwechsel

Sie sehen es selbst: Von dem oben geschilderten Liquiditätsengpass zeigte sich der US-Banken-Index überraschend wenig beeindruckt. Dafür ging es gestern mit einem rasanten Minus von -2,3% in den Keller.

Dass die Notierung dabei – wie übrigens auch die großen Leitindizes – nahe ihrem Tagestief schloss, ist kein erbauliches Signal.

Eine große Diskrepanz wird zudem im Vergleich mit dem Schwung-Indikator offenbar: Das 50-Tage-Momentum bewegt sich bereits seit März dieses Jahres in einem Abwärtstrend, während der US-Banks-Index im April und Juli noch höhere Hochs markierte (gelbe Kreise).

Diese Divergenz (Abweichung) signalisiert Ihnen, dass hier mit der Trend-Richtung des Marktes etwas nicht mehr stimmt: Index und Schwung-Indikator laufen asynchron. Das signalisiert Ihnen einen bevorstehenden Trendwechsel.

Der kurzfristige Aufwärtstrend von Ende August bis Mitte September wurde schon am 19. dieses Monats nach unten durchschlagen. Nun scheint das Momentum in den Minusbereich abzudriften.

Fazit

Der geschilderte Liquiditäts-Engpass im US-Interbankenmarkt lässt Fragen offen – auch wenn uns dazu eine scheinbar passende Beruhigungspille geliefert wurde.

Allerdings habe auch ich keine andere Erklärung dazu. Mir erscheint dieses Ereignis nichtsdestotrotz denkwürdig, weil es seit der Finanzkrise 2007 / 2008 keiner Intervention durch die US-Notenbank mehr bedurfte.

Die Charttechnik lässt – zurzeit noch – nicht auf eine neue Krise schließen. Dazu fehlen noch eindeutigere Signale. Immerhin lässt sich sagen:

Die US-Bank-Aktien stehen augenscheinlich vor einer Korrektur: Darauf deuten sowohl der Branchen-Index selbst, als auch das Momentum hin.

Gefährlich wird es hier aber wohl erst, wenn die Unterstützung bei 407 Punkten nicht halten sollte. Auf jeden Fall werde ich die weitere Entwicklung für Sie im Auge behalten!


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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