Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV): Dieser Aktien-Kennzahl nie ungeprüft glauben

Wie teuer ist eine Aktie? Erfahrene Börsianer haben dafür eine einfache Kennzahl: Es ist das so genannte KGV.

Die Abkürzung steht für Kurs-Gewinn-Verhältnis. Der Kurs wird einfach durch den Gewinn pro Aktie geteilt – und fertig!

Das Ergebnis liegt meist zwischen 5 und 50. Je niedriger diese Zahl, desto günstiger eine Aktie.

Denn im Prinzip besagt ein KGV von 10 beispielsweise: Bleiben die Gewinne der kommenden Jahre gleich, dann dauert es 10 Jahre, bis allein diese den Kauf der Aktie zum aktuellen Kurs gerechtfertigt haben.

Oder anders gesagt: Allein durch die Gewinne des Unternehmens hat sich der Einsatz für die Aktie binnen 10 Jahren gelohnt.

Klar ist: je kürzer diese Zeitspanne, desto besser. Deshalb ist das KGV auch ein hervorragendes Mittel, die Unternehmen einer Branche miteinander zu vergleichen.

Bei der Automobil-Industrie z. B. sollten sie damit jedoch vorsichtig sein – und ganz besonders beim angeschlagenen Autohersteller Volkswagen.

Dessen KGV wird in einschlägigen Börsenportalen wie www.finanzen.net mit rund 5 sehr günstig angegeben (Stand: Oktober 2015). Ein Kauf ist die Aktie deshalb aber trotzdem nicht!

Die große Unbekannte: Der künftige Gewinn

Am seriösesten ist eine KGV-Angabe, wenn sie sich auf die Vergangenheit bezieht. Dann nämlich ist der Gewinn des jeweiligen Unternehmens in seiner genauen Höhe bekannt.

Schließlich muss eine AG ihren Aktionären mindestens 1x im Jahr die Zahlen präsentieren, also die Bilanz – und eben auch die Gewinne. Die Börsianer interessieren sich aber eher für die Zukunft, und das bringt Probleme mit sich.

Wenn Sie KGVs für kommende Jahre lesen, dann beruhen diese immer auf Gewinn-Schätzungen:

Der aktuelle Aktienkurs wird geteilt durch den Gewinn, den die Analysten mehrheitlich erwarten. Das nennt sich Konsens-Schätzung, und haut häufig ganz gut hin – aber eben nicht immer. Und dafür ist VW ein gutes Beispiel.

VW: Kurs-Gewinn-Verhältnis nur scheinbar attraktiv

Schauen Sie sich jetzt einmal das KGV der Volkswagen-Stammaktie an!

Sie erhalten diese Kennzahl, wenn Sie auf der Internetseite Ihrer Depotbank oder auf einem Börsenportal wie www.finanzen.net die Wertpapierkennnummer (WKN) 466400 ins Suchfeld eingeben.

Klicken Sie dann auf „Fundamental“ oder „Fundamentalanalyse“. Und siehe da: Der ausgewiesene KGV-Wert liegt mit rund 5 für die kommenden 3 Jahre geradezu sensationell niedrig.

Das macht die Volkswagen-Aktie doch höchst attraktiv, oder nicht!?

Doch aufgepasst! Die Broker und Börsenportale errechnen die KGVs stets auf der Grundlage der Zahlen, die ihnen vorliegen.

Der stark gesunkene Aktienkurs der Volkswagen AG liegt ihnen börsentäglich vor. Er ist bei der Neuberechnung der künftigen KGVs berücksichtigt.

Dagegen hat aktuell noch kein Analyst für die kommenden 3 Jahre eine Gewinn-Schätzung abgegeben; also für die Zeit nach dem Bekanntwerden des Abgas-Skandals.

Somit errechnet das Portal die KGVs für 2016, 2017 und 2018 noch mit Schätzungen, die aus der Zeit vor dem Abgas-Skandal stammen.

Mit anderen Worten: Die Daten sind veraltet!

Volkswagen wird wohl Verluste machen

Eine kurze Überschlags-Rechnung verdeutlicht, warum bei Volkswagen wohl in den nächsten 2 bis 3 Jahren keine Gewinne zu erwarten sind:

Gehen Sie in normalen Zeiten (ohne Abgas-Skandal) von einem Gewinn von grob 11 Mrd. € pro Jahr aus.

Jetzt aber kommen hohe Kosten auf den Konzern zu: Auf 18 bis 20 Mrd. Dollar wird allein die Bußgeld-Forderung der US-Umweltbehörde beziffert.

Hinzu kommen die Kosten für die Rückruf-Aktion, die immerhin 11 Mio. Fahrzeuge weltweit betrifft. Diese Kosten hat in Summe noch niemand beziffert.

Es ist noch nicht einmal klar, ob sich nur die Software auswechseln lässt, oder ob ganze Fahrzeugteile (z. B. der Motor) ausgewechselt werden müssen.

Nicht zuletzt wird VW wohl bald einige Sammelklagen von VW-Käufern am Hals haben – und die US-Justiz wird sicher nicht zimperlich sein, den Klägern hohen Schadenersatz zuzubilligen.

Dessen Gesamthöhe allerdings ist ebenso unbekannt wie die Zahl der Klagen.

Fazit

Sie sehen: Das KGV bei Volkswagen ist nur scheinbar so niedrig. In Wirklichkeit dürfte der Konzern erst einmal auf absehbare Zeit in die Minuszone rutschen.

Und das heißt: Das KGV ist unkalkulierbar hoch – und VW deshalb aktuell kein Kauf, auch wenn Sie zu den Schnäppchen-Jägern unter den Aktionären zählen. Dazu ist die Lage vorerst noch viel zu unsicher.


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26. September 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Judith Engst
Von: Judith Engst. Über den Autor

Judith Engst (MBA) ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin und schreibt vorwiegend Ratgebertexte. Sie hat mehrere Bücher zu den Themen Börse, Geldanlage, Immobilien, Recht & Steuern sowie Kommunikation verfasst. Daneben arbeitet sie als Dozentin an der Business School Alb-Schwarzwald, die zur Steinbeis Hochschule Berlin gehört.

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