Leoni: Kursmassaker nach Gewinnwarnung

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Warum die völlig verunglückte Gewinnwarnung von Leoni dem Unternehmen noch mehr Schaden zufügen wird (Foto: FabrikaSimf / shutterstock.com)

Der Preis für die schlechteste Unternehmenskommunikation geht in diesem Jahr, da lege ich mich jetzt schon fest, an ein Unternehmen, das seine Kernkompetenzen – unter anderem – in der (Daten-) Kommunikation sieht: Leoni.

In der Überschrift seiner freitäglichen Ad-hoc-Meldung, „Vorläufige Zahlen zum Geschäftsjahr 2018, Prognose für 2019 und vorgeschlagene Aussetzung der Dividende“, hat der Vorstand gleich mehrere schlechte Nachrichten angedeutet, nicht jedoch die für die Kursentwicklung entscheidende Information. Sie hat der Vorstand erst im letzten Absatz seiner ausführlichen Pflichtveröffentlichung ausgepackt: Dass nämlich der Nürnberger Autozulieferer aufgrund der Verfehlungen des letzten Jahres auch die ausgegebenen Mittelfrist-Ziele für das Geschäftsjahr 2020 nicht erreichen wird.

Ein Drittel löst sich in Luft auf

Gewinnverfehlungen sind in Deutschland derzeit an der Tagesordnung. Beinahe täglich flimmern sie über den Ticker. Meistens betreffen sie das abgelaufene Geschäftsjahr, manche auch das laufende. Doch dass ein Unternehmen eine Gewinnwarnung für das letzte, das laufende und das folgende Geschäftsjahr ausspricht, ist doch eher ungewöhnlich.

Umso heftiger fiel denn auch das Kursmassaker aus, das mit der Ad-hoc-Meldung einherging: Fast ein Drittel des Unternehmenswertes löste sich am Freitag in Rauch auf, insgesamt mehr als 300 Mio. Euro. Vor einem Jahr notierte die Aktie bei 65 Euro, am Freitag ging das Papier mit 20,69 Euro aus dem Handel. Auf dem Tagestiefststand. Auf dem Neunjahrestiefststand.

Probleme an allen Ecken

Was sicherlich auch daran lag, dass es dem Vorstand an Gründen für die neuerliche Gewinnverfehlung nicht zu mangeln scheint. Da gibt es Schwierigkeiten mit dem neuen Kabelbaumwerk in Mexiko, wo die Anlaufkosten höher ausgefallen sind als ursprünglich gedacht. Da sind Aufträge nicht gekommen wie erwartet, der Umzug in das neue Technologiezentrum war teurer als gedacht, ebenso wie die Umstellung des IT-Systems. Probleme habe es auch in der Kommunikation zwischen lokalen und zentralen Ebenen gegeben bzw. im Controlling, was Verzögerungen und „inhaltliche Lücken“ zur Folge gehabt habe.

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Nicht die erste Gewinnwarnung

„Hauptsächlich hausgemacht“ seien die Probleme, vor denen das Unternehmen heute steht, so der neue Vorstandschef Aldo Kamper. Trotz der beschönigenden Worte bleibt bei vielen der Eindruck haften, dass Leoni womöglich zu einem Restrukturierungsfall geworden ist.

Besorgniserregend ist vor allem die Häufigkeit, mit der Leoni seine Aktionäre mit Gewinnwarnungen strapaziert. Und die Vielfältigkeit der Begründungen: Anfang 2016 war es die Bordnetzsparte eines rumänischen Werkes, die restrukturiert werden müssen, Ende 2016 wurde das Unternehmen Opfer einer betrügerischen Fake-CFO-Attacke, bei der mehr als 40 Mio. Euro gestohlen wurden. Ende 2018 wiederum war es die Schwäche des chinesischen Automarktes, die Verunsicherung von Autokäufern durch die aktuellen Handelskonflikte und die Umstellung auf den neuen Abgas- und Verbrauchsstandard WLTP in Europa.

Alarmierende Verfehlungen

Wenn innerhalb von nur drei Monaten die Finanzzahlen zweimal verfehlt werden, hat das Unternehmen ganz offensichtlich Schwierigkeiten, sein Geschäftsmodell seriös zu planen. Zumal die Abweichungen keine Peanuts sind: Denn das ursprüngliche, für 2018 avisierte operative Ergebnis von 215 Mio. Euro, das Ende 2018 auf 196 Mio. Euro reduziert wurde, wurde nun mit 144 Mio. Euro nochmals um mehr als 50 Mio. Euro verfehlt.

Dass nun folgerichtig die Dividende gestrichen wird, ist aus Sicht des Vorstands folgerichtig und für die Aktionäre wenig überraschend. Auf sie werden die Aktionäre noch länger verzichten müssen.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.