Leserfrage: Eine Aktie, aber zwei Meinungen…

Am deutschen Aktienmarkt ging der Sommerschlussverkauf heute weiter. Der DAX verlor gut 3% und sackte wieder unter die 11.000-Punkte-Marke. Auslöser waren erneut Ängste um die chinesische Wirtschaft.

Diese China-Angst entwickelt gleich dreifach Druck auf den Aktienmarkt: Punkt 1: Die Medien sorgen für Panik und lösen so Verkäufe aus. Ein perfektes Negativ-Beispiel finden Sie heute im Internet auf der Focus-Seite. Die Schlagzeile lautet: „DAX stürzt ins Bodenlose: China-Crash treibt deutsche Wirtschaft an den Abgrund.“

Im Artikel werden zunächst einige Gefahren beschrieben, doch im zweiten Teil löst sich dann fast alles in Luft auf. So erfährt der Leser, dass nur 6,5% der deutschen Exporte nach China gehen und davon könnte jetzt ein Teil unter Druck geraten. Weit über 90% der Exporte sind aber erst gar nicht von den China-Sorgen betroffen.

So wird dann auch im Focus-Artikel ein Wirtschaftsexperte zur aktuellen China-Krise befragt. Die Einschätzung von Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg-Bank, lautet: „Die unmittelbaren Auswirkungen sind sehr gering.“

Diese Aussage wird dann auch noch begründet. An sich könne von einer China-Krise nicht die Rede sein. Die beiden in dieser Woche erfolgten Abwertungen der chinesischen Währung würden nur dafür sorgen, dass die zuletzt erlebte Überbewertung der chinesischen Währung wieder abgebaut wird.

Im Focus-Artikel heißt es dazu: „Demnach stieg der Renminbi-Euro-Kurs erst auf unnatürliche Höhen, um sich jetzt durch die Abwertung wieder zu normalisieren.“

Das klingt doch recht harmlos. Zur Erinnerung noch einmal die Überschrift des Focus-Artikels: „DAX stürzt ins Bodenlose: China-Crash treibt deutsche Wirtschaft an den Abgrund.“

Stop-Loss-Limits und Charttechnik verschärfen Druck

Es gibt noch 2 weitere Punkte, die dafür gesorgt haben, dass der deutsche Aktienmarkt heute unter Druck stand: Zum einen werden in der Ferienzeit traditionell viele Stop-Loss-Limits gesetzt. Fallen die Kurse, löst das dann automatisch Anschlussverkäufe aus.

Zum anderen spielt die Charttechnik eine große Rolle. Sinken die Kurse, senken die Charttechniker die Daumen und sprechen Verkaufsempfehlungen aus. Zu diesem Thema erreichte mich heute auch eine Leserfrage.

Ein Leser fragte mich heute in der Redaktionssprechstunde des „Depot-Optimierers“, wie es sein kann, dass in dieser chaotischen Börsenphase eine Aktie von Analyst A mit „kaufen“ und fast zeitgleich von Analyst B mit „verkaufen“ bewertet wird?

Meine Antwort in Kurzform: Oft liegt es an unterschiedlichen Herangehensweisen der Analysten. Es gibt – wenn Sie so wollen – zwei große Schulen: Fundamental geprägte Analysten und Charttechniker.

Die unterschiedlichen Herangehensweisen der Analysten

Fundamental geprägte Analysten bewerten speziell in schwachen Börsenphasen Aktien positiv, weil sie dann unter dem fundamental berechneten fairen Wert notieren. Verkaufs-Empfehlungen kommen in guten Aktienphasen, wenn das vorher berechnete Kursziel erreicht wurde.

Hierzu ein Zitat von Warren Buffett, dem erfolgreichsten Investor aller Zeiten und einem Verfechter der Fundamentalanalyse: „Der dümmste Grund, eine Aktie zu kaufen ist, weil der Kurs steigt und der dümmste Grund eine Aktie zu verkaufen ist, weil der Kurs fällt.“

Ein Charttechniker beurteilt dies grundlegend anders. Er kauft – vereinfacht gesagt – dann, wenn der Kurs einer Aktie im Aufwärtstrend steigt und verkauft dann, wenn der Kurs einer Aktie im Abwärtstrend fällt.

Besonders gerne kaufen Charttechniker Aktien dann, wenn sie auf einem Allzeithoch notieren. Der Grund: In einem solchen Fall gibt es aus charttechnischer Sicht keine Widerstände. Es gibt also keine Marken, an denen der Kurs nach unten abprallen könnte.

In gewisser Weise handelt es sich bei dieser Herangehensweise um eine Art selbsterfüllende Prophezeiung. Die Charttechniker kaufen, weil der Kurs gestiegen ist und weil die Charttechniker auf den Zug aufspringen und somit weitere Nachfrage erzeugen, steigt der Kurs weiter.

In der aktuellen Situation trennen sich Charttechniker häufig von ihren Investments, da die Kurse fallen – insbesondere dann, wenn die Kurse unter markante Punkte fallen. So sind auch viele Verkaufsempfehlungen zu erklären, von denen Sie derzeit hören oder lesen können.

Fazit: Beide Ansätze haben ihre Berechtigung

Es gibt nicht den einen unschlagbaren Analyseansatz. Beide Herangehensweisen – die Fundamentalanalyse und die Chartanalyse – haben aus meiner Sicht ihre Daseinsberechtigung (auch wenn ich persönlich die Fundamentalanalyse für langfristig nachhaltiger halte).

Wichtig ist aber, dass Sie als Privatanleger eine einheitliche Strategie durchhalten und beide Methoden nicht kurzfristig mischen. Denn dann würden Sie widersprüchliche Signale erhalten.

12. August 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

Regelmäßig Informationen über Marktanalysen erhalten — kostenlos!
Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig die neusten Informationen von Rolf Morrien. Über 344.000 Leser können nicht irren.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt