Livermore: König der Spekulanten

Vor 70 Jahren starb Jesse Livermore. Aber schon zu Lebzeiten war Jesse Livermore eine Legende. (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

Vor 70 Jahren starb Jesse Livermore. Aber schon zu Lebzeiten war Jesse Livermore eine Legende.

Seine Macht war so immens, dass ihn viele sogar für den großen Börsencrash von 1929 verantwortlich machten.

Sein 1940 geschriebenes Werk: „Das Spiel der Spiele“ hat an Aktualität bis heute nichts verloren. Trotz des heutigen hochtechnisierten Informationszeitalters  hat sich an den entscheidenden Faktoren der Börse kaum etwas verändert.

Jesse Livermore hat wohl eine der schwankungsreichsten Geschichten hinter sich, die ein Investor an der Börse erleben kann. Er schaffte es viermal ein Millionenvermögen zu verdienen – und auch wieder zu verlieren.

Erstaunlich dabei ist, dass er sehr viel Unterstützung durch die eigentlich hartherzigen Gläubiger, wie die Banken und Broker bekam.

Sie erließen Livermore teilweise sogar seine Schulden, da Sie es sich nicht leisten konnten, auf seine Transaktionen und die damit verbundenen Provisionsgeschäfte zu verzichten.

Livermore hatte einen sehr guten Ruf und man sagte ihm nach, dass er in kürzester Zeit sein Verlorenes zurückgewinnen könne. Die Fachwelt sah in Livermore einen derart genialen Menschen, der dazu lediglich einige aktuelle Zeitungen, einen Börsenticker, ein paar Banknoten und ein Telefon brauchte.

Vom Farmer zur ersten Brokerfirma

Jesse Livermore wurde am 16. Juli 1877 in South Acton (Shrewsbury), Massachusetts geboren. Seine Eltern hießen Hiriam E. und Laura Livermore. Von klein auf bekam Jesse Livermore zu spüren, was es bedeutet ein Leben in Armut zu führen.

Seine Mutter war Hausfrau und sein Vater ein einfacher Farmer, der wollte, dass Jesse ebenfalls diesen Beruf ergreift. Dies hatte zur Folge, dass Jesse von klein auf in der täglichen, körperlich sehr schweren landwirtschaftlichen Arbeit mithelfen musste.

Diese Lebensumstände prägten seinen eisernen Willen, etwas im Leben zu erreichen – er wollte reich werden.

Mit 14 riss er von Zuhause aus und machte sich mit ein paar Dollar auf den Weg. Sein Ziel war Boston, wo er sich sogleich eine Arbeitsstelle suchte. Er bekam eine erste Anstellung bei „Paine Webber“, die Brokerfirma.

Als Kurstafelboy bestand seine Aufgabe darin,  in mühsamer Kleinarbeit die Kursveränderungen von Aktien, Bonds und Rohstoffpreisen auf  große schwarze Tafeln zu schreiben, mit deren Hilfe die Kunden das Geschehen verfolgen konnten.

Zunächst waren es für ihn „nackte“ Zahlen, bis er verstand, dass bei jeder Kursveränderung irgendjemand Geld verdient.

Von diesem Augenblick an, war er von der Idee besessen ein System zu entwickeln, das es ermöglicht Kurse voraus zu berechnen und von den Veränderungen zu profitieren.

Livermore wollte schnell weiterkommen. Durch seine erste Erfahrungen mit Geschäftsleuten war ihm bewusst, dass Informationen und richtiges Auftreten sehr wichtig sind.

Karrierebewusst und engagiert arbeitete er in den Board Rooms. Er war der erste Mitarbeiter, der am frühen Morgen vor der Bürotür stand. Er verschlang alles, was es an neuen Informationen über die Märkte, Anleihen und Aktien gab. Sobald wichtige Kunden oder Kontaktleute die Büros betraten, ließ er Bemerkungen über die von ihm vermutete zukünftige Entwicklung der Märkte fallen.

Diese „rein zufälligen Bemerkungen und Voraussagen“ blieben nicht ungehört. Aufgrund seiner sehr aktuellen Informationen, die eine ausgezeichnete Grundlage für die Voraussagen boten, trafen diese auch immer häufiger ein.

Die legendäre „Boy Plunger“ – Karriere in Bucket Shops

Der Name Jesse Lauriston Livermore ist untrennbar mit dem Begriff „Bucket Shops“ verbunden. Entstanden ist dieser Begriff etwa Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Er wurde geprägt durch die Romane des weltweit bekannten Autors Charles Dickens.

In seinen Romanen schreibt er:  “Spielen ist verboten, die Lotterie ist ein Flop, verzweifele nicht, geh in den Bucket Shop.“

Damit beschreibt er jene Orte und Plätze, an denen arme Schlucker die eingesammelten Reste aus Bier und Weinflaschen der umliegenden Tavernen leerten.

In Amerika wurde der Begriff zu jener Zeit auf Pseudo-Brokerfirmen angewandt, in denen man auf Aktien wetten konnte ohne sie kaufen zu müssen. Der typische Mindesteinsatz betrug einen Dollar. Hier begannen Livermore’s erste Börsengeschäfte.

Mit dem Wissen, das er sich durch seine Arbeit als Kurstafelboy erworben hatte ging er in einen Bucket Shop und setze 10 Dollar auf Aktien der Firma Burlington.

Diese erste Investition brachte ihm seinen ersten Gewinn in Höhe von 3 Dollar ein. Damit begann seine Karriere als „Boy Plunger“ (Spekulantenjunge). Diesen Spitznamen behielt Livermore sein ganzes Leben.

Dieser erste Gewinn machte Jesse Livermore hungrig. Jede seiner Mittagspausen verbrachte er ab jetzt in den entsprechenden Bucket Shops. Bei konservativen Brokern hatten die Bucket Shops einen schlechten Ruf. Als nach einiger Zeit seine Arbeitgeber davon erfuhren, stellten sie ihn vor die Wahl.

Entweder er unterlässt seine Ausflüge in diese „frevelhaften Wettbüro’s“, denn sie würden dem Image von Paine Webber schaden, oder er müsse auf seinen Job als Kurstafelboy verzichten.

Jesse wählte die Bucket Shops. Damit war klar: Die Stelle bei Paine Webber war seine erste und auch letzte Arbeit als Angestellter.

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Es dauerte etwas über ein Jahr bis er im Alter von 15 Jahren in den Bucket Shops 1000 Dollar erspielt hatte. Das war im Jahre 1892 unbeschreiblich viel Geld. Die Konsequenz war, dass er in sämtlichen Bostoner Bucket Shops Hausverbot bekam. (Dies galt unter den Spielern übrigens als hohe Auszeichnung.)

Angeheizt durch seinen Erfolg in den Wettpalästen Bostons und überzeugt von seinem Können und Glück stürzte sich Jesse Livermore in das heiße Treiben der Wall Street und verlor dort sofort alles.

Der Grund für dieses plötzliche Versagen war, dass die Ticker der Wallstreet ca. 10 Minuten hinter den Bucket Shops herhinkten. Innerhalb dieser 10 Minuten hatte Livermore sein Geschäft früher schon längst gemacht.

Fast pleite fuhr er in den Westen der USA. Dort angekommen startete er einen regelrechten Angriff auf sämtliche Bucket Shops. Er streifte von Indianapolis über Chicago und St. Louis nach Denver und plünderte alle Bucket Shops der Städte aus, bevor er Hausverbot bekam und zur nächstes Stadt weiterzog.

Lockruf der Wall Street – System der schwarzen Katze

Als Jesse dann 23 Jahre alt war und den halben Westen geschröpft hatte, besaß er ganze 50.000 Dollar. Mit diesem Geld kehrte er an die Wall Street zurück.

Sein neues Beschäftigungsfeld galt nun der Fundamentalanalyse. Zur gleichen Zeit widmete er sich aber auch schon dem Investieren and der Börse. Seine Methoden reichen dabei von anerkannten, nachvollziehbaren Berechnungen  bis hin zu obskuren Methoden.

Eine Zeitlang hatte er zum Beispiel nach dem wie er es selbst nannte  „System der schwarzen Katze“ gehandelt.

Dahinter verbarg sich folgendes Prinzip:

Livermores ehemaliger Nachbar hatte eine schwarze Katze die ihm, wie er sagte, viel Glück gebracht hatte. Jesse beschloss, immer wenn die Katze Junge bekam, sämtliche Positionen die er hielt zu schließen und genau in die Gegenrichtung zu investieren.

Dies ging eine Weile lang gut, aber es dauerte nicht sehr lange und Jesse war erneut pleite. Livermore blieb nichts weiter übrig, als noch einmal die Bucket Shops zu plündern.

1905 war es dann wieder soweit und er stellte sich erneut seiner „Hassliebe“ der Wallstreet. Diesmal als Strohmann für den bekannten Spekulanten Lawson. Lawson gab ihm nach einiger Zeit den Auftrag in Union Pacific short zu gehen.

Dies tat er auch für sich selbst und seine Freunde. Aber es  kam anders als er es erwartete. Die Kurse kletterten als gäbe es keine Grenze, und die Short-Positionen vielen ins Bodenlose.

Am 18.04.1906 erschütterte ein Erdbeben die Stadt San Fransisco. Diese Verunsicherung hatte zur Folge, dass die Aktienkurse einbrachen und die Short-Positionen senkrecht nach oben schossen.

Livermore gewann 300.000 Dollar.  Livermore hatte ein glückliches Resultat erzielt, das ihm aber auch die Lektion lehrte: „Höre niemals auf heiße Tipps“ Diese Erfahrung lehrte ihn sich auf fundamentale Ansätze zu konzentrieren.

Am 20.12.1916 ging Jesse Livermore in ein Brokerbüro, um nach den Kursen zu sehen. Irrtümlich traf dort eine „Topsecret“ Nachricht, die gar nicht für dieses Büro gedacht war, ein.

Diese Nachricht besagte, dass Präsident Wilson eine Rede halten würde, in der er seine Bereitschaft zum Frieden anbietet. Livermore war sofort bewusst, was diese Worte bedeuten können. Er ging bei jedem Broker, den er kannte in Kriegsaktien short. Als Gegenleistung gab er die Nachricht weiter.

In seiner Rede bot Präsident Wilson dann wie erwartet einen „Frieden ohne Sieg“  an und Livermore war auf einen Schlag zigfacher Millionär.

Der Versuch zu genießen und zu leben

Livermore stellte daraufhin sein Lebensstil deutlich um. So kaufte er unter anderem die „Villa Evermore“. Außerdem leistete er sich seinen Traum – eine 20m Yacht.

Jesse lebte die kommenden Jahre sorglos und unbelastet in den Tag hinein und genoss seinen Wohlstand. Er machte Urlaub und zog sich aus dem Börsenleben zurück.

Diese Ausgaben, sein luxuriöser Lebensstil, und die Scheidung von seiner zweiten Frau trieben ihn dann erneut in den Ruin. Livermore nutze die nun gewonnene „Freizeit“ um seinen Traum eines eigenen Buches zu verwirklichen. Mit den Tantiemen wollte er dann sein Comeback vorbereiten und eine Vermögensberatung gründen.

Im März 1940 war sein Buch fertig gestellt und erschien in einer Zeit in der Amerika sich gerade erst von der großen Depression erholte, und das Publikum war noch nicht wieder reif für ein Börsenbuch.

Mit seiner ersten Autorenabrechnung erkannte Livermore, dass es mit Hilfe von Publikationen unmöglich war seinen alten Status zu erreichen.

Sein ganzes Leben hatte Livermore Schlagzeilen produziert. Die Vorstellung, dass er nun in Vergessenheit geraten könnte zermürbte ihn so sehr, dass er sich entschloss, so auffällig aus dem Leben zu scheiden wie er es gelebt hatte.

Nachdem er einen Abschiedsbrief verfasst und sich in seinen feinsten Anzug gekleidet hatte erschoss sich Jesse Lauriston Livermore am 8. November 1940 im New Yorker Hotel „Sherry Netherlands.“

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Von: Volker Gelfarth. Über den Autor

Der Diplom-Ingenieur lernte die Schwächen und Stärken eines Unternehmens selbst als Manager kennen, bevor er sich voll und ganz der Value-Analyse widmete. Er ist Chefredakteur für die Dienste Aktien-Analyse, Gelfarths Dividenden-Letter, Gelfarths Premium-Depot und Strategisches Investieren.

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