Lockdown: Diesmal aber richtig

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Der Einzelhandel klagt über die Schließung kurz vor Weihnachten. Das ist einerseits berechtigt, andererseits Jammern auf hohem Niveau. (Foto: canadastock / shutterstock.com)

Haben Sie schon alle Weihnachtsgeschenke zusammen? Wenn nicht, wird es jetzt knapp. Der heutige Dienstag ist wohl der letzte Tag des Jahres, an dem die Einzelhändler geöffnet haben. Ab morgen greift der Lockdown.

Was sich schon länger abgezeichnet hatte, ist seit Sonntag offiziell: Bis zum 10. Januar wird das Land weitgehend heruntergefahren – mindestens. Eine Neubewertung der Lage ist für den 5. Januar geplant. Dass bis dahin das Ziel einer 7-Tage-Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen einer Woche erreicht sein wird, darf bezweifelt werden. Dementsprechend sollte man sich mental schon jetzt auf eine weitere Verlängerung der Maßnahmen einstellen, womöglich bis ins Frühjahr hinein.

Ab März oder April besteht berechtigte Hoffnung. Zum einen wird es dann bei milderen Temperaturen wieder möglich sein, Zusammenkünfte nach draußen zu verlegen, wo die Infektionsgefahr erheblich geringer ist als in geschlossenen Räumen. Zum anderen sollen bis dahin bereits die ersten Millionen Menschen – auch in Deutschland – gegen Covid-19 geimpft worden sein.

Licht am Ende des (langen) Tunnels

Es gibt also ein Licht am Ende des Tunnels, doch die vor uns liegende Tunnelstrecke ist noch recht lang. Bis hinreichend viele Menschen geimpft sind, um eine tatsächliche Rückkehr zur Normalität zu erreichen, könnte das ganze Jahr 2021 ins Land gehen.

Zwar werden wohl kaum die gesamten strikten Lockdown-Maßnahmen solange andauern, doch mit Blick auf die unsichere Lage werden der Protest und die Forderung nach langfristiger Planbarkeit sowie zusätzlicher staatlicher Unterstützung wieder lauter.

Einzelhandel tobt

Besonders laut wird gerade der Einzelhandel. Durch die Schließung kurz vor dem vierten Advent gehen die Geschäften die umsatzstärksten Wochen des Jahres durch die Lappen: Last-Minute-Geschenkekäufer vor Weihnachten, Gutscheineinlöser und Umtauscher nach Weihnachten in den Tagen bis Silvester – all das entfällt in diesem Jahr oder verlagert sich komplett aufs Online-Angebot.

Ein solches Online-Angebot haben aber längst nicht alle kleinen Läden aufgebaut. Sie leben von der Laufkundschaft, von ihrer regionalen Bekanntheit, von Mund-zu-Mund-Propaganda. Seit dem Siegeszug von Amazon und Co. wird das Aussterben der deutschen Innenstädte beklagt. Immer mehr Traditionsläden schließen, ersetzt werden sie durch große internationale Ketten oder Billigshops.

Beschleunigt Corona das Veröden der City?

Wenn aber in den Einkaufsmeilen keine originellen Geschäfte mehr zu finden sind, sondern lediglich die in jeder Großstadt immer gleichen Namen zu finden sind, verlieren viele Städte ihre Einzigartigkeit, ihre Anzugskraft und zunehmend auch ihre Attraktivität. Zumal die großen Ketten auch alle längst online zu finden sind – wozu also noch raus in die Kälte, wenn man auch alles von der Couch aus bestellen und liefern lassen kann?

Das Veröden der Innenstädte, das lange vor Corona begonnen hat, wird durch die Pandemie zusätzlich beschleunigt. Der Einzelhandel schlägt Alarm angesichts des umfassenden Lockdowns, doch andere Branchen können darüber nur müde lächeln.

Andere Branchen noch schwerer getroffen

Die Freizeit- und Veranstaltungsbranche, die Großveranstaltungen oder Konzerte ausrichtet, die Clubbetreiber, Schausteller und andere Berufszweige erleben den Stillstand seit März praktisch durchgehend. Auch viele Kulturbetriebe wie Kinos oder Theater sind massiv betroffen, da helfen auch ausgeklügelte Hygienekonzepte nichts. Hollywood ist längst dazu übergegangen, die wenigen 2020 fertiggestellten Filme direkt an Streamingportale zu verkaufen anstatt sie in großen Kinosälen zu zeigen. Auch hier könnte ein Branchensterben einsetzen.

Der Einzelhandel klagt nun über die angebliche Ungleichbehandlung: Während Gastronomen und andere Betriebe, die bereits vom „Lockdown Light“ im November und bisherigen Dezember betroffen waren, von staatlicher Seite 75 Prozent ihrer Umsätze aus dem Vorjahreszeitraum erstattet bekommen, richten sich die finanziellen Hilfen für den Einzelhandel in erster Linie nach den anfallenden Fixkosten.

Umsätze durch Rabattschlachten abgefedert

Doch auch wenn die Branche in ihrer umsatzstärksten Zeit des Jahres nun besonders hart getroffen ist, allzu laute Beschwerden sind dennoch nicht angebracht. Denn während der Einzelhandel die meiste Zeit des Jahres geöffnet blieb, leiden andere Wirtschaftszweige kontinuierlich unter den Zwangsschließungen. Zudem gilt die Orientierung an den Fixkosten ab dem Jahreswechsel ohnehin wieder für alle gleichermaßen, alles andere würde schlichtweg zu teuer. Die Ungleichbehandlung, die von Einzelhandelsverbänden nun moniert wird, bezieht sich also auf gerade einmal gut zwei Wochen.

Außerdem gab es noch Ende November einen erheblichen Umsatzschub für die Branche: Die Rabattaktionen rund um Black Friday und Cyber Monday lockten auch in Deutschland zahlreiche Kunden im stationären wie im virtuellen Handel und sorgten für Rekordumsätze. Verglichen mit anderen Branchen fällt der Einzelhandel hier also relativ weich.

Teuer wird es in jedem Fall

Nichtsdestotrotz sind die Sorgen nicht unberechtigt. Zwar dürfte sich die Großwetterlage in Sachen Corona im Laufe des kommenden Jahres etwas beruhigen, doch die große Pleitewelle steht erst noch bevor. Mit Insolvenzen und massenhaften Mitarbeiterentlassungen werden auch die öffentlichen Sozialsysteme stärker belastet. Teuer wird es also in jedem Fall.

Und auch die Infektionszahlen dürften in den kommenden Wochen noch weiter in die Höhe schnellen. Angesichts des bevorstehenden Lockdowns bildeten sich am Montag bereits lange Schlangen vor den Geschäften. Dem Appell der Bundesregierung, auf das letzte Weihnachtsshopping zu verzichten oder es ins Internet oder gleich ins nächste Jahr zu verlagern, sind gefühlt nur wenige gefolgt.

Kein kollektives Zusammenreißen im Herbst

Es ist ein Bild, das sich schon in den vergangenen Monaten immer wieder gezeigt hat: Während die staatlichen Beschränkungen einen Orientierungsrahmen geben sollen und stets appelliert wird, sich auch darüber hinaus soweit es geht einzuschränken, reizen viele Menschen die legalen Möglichkeiten bis aufs Äußerste aus und beschränken ihre Kontakte nur gerade soweit, wie die Politik es ihnen vorgegeben hat.

Die solidarische Selbstregulierung, das kollektive Zusammenreißen, das im Frühjahr noch einigermaßen gut funktioniert hat, es hat in diesem Herbst versagt. Insofern ist es folgerichtig, nun den harten Lockdown zu verhängen. Schmerzhaft ist es trotzdem – für alle Beteiligten.

Es werden besondere Weihnachten in einem besonderen Jahr.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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