London Stock Exchange: Hongkonger Börse streckt Fühler nach London aus

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Hongkonger Börse legt Milliardengebot für LSE auf den Tisch und macht Ausstieg aus Refinitiv-Deal zur Bedingung. Geschäftsführung reagiert verhalten auf die Offerte (Foto: spatulatail / shutterstock.com)

Die Meldung kam wie ein Paukenschlag. Die Börse Hongkong hat ein 31,6 Milliarden Pfund schweres Übernahmeangebot für die London Stock Exchange Group auf den Tisch gelegt. Mit dem Zukauf will die chinesische Börse einen weltweiten Marktführer unter den Börsenbetreibern aufbauen. Die Aktionäre freut es. Zeitweise zog der Aktienkurs der Londoner Börse um mehr als 15% an.

Spekulationen gab es zuhauf

Jetzt ist es amtlich. Die Börse Hongkong will sich mit einem Megadeal unter die weltweit führenden Börsenbetreiber katapultieren. Im Vorfeld der Meldungen rankten sich die Spekulationen. Nach dem Platzen der Übernahme durch die Deutsche Börse kochte die Gerüchteküche immer wieder hoch. Dabei waren die Marktteilnehmer eher davon ausgegangen, dass die CME Group, der die Chicago Mercantile Exchange gehört, oder die Intercontinental Exchange ein Angebot vorlegen wird.

31,6 Milliarden Pfund in Aktien und Cash

Das Angebot bewertet die Londoner Börse mit 31,6 Milliarden Pfund, also umgerechnet rund 35 Milliarden Euro. Das entspricht einer Prämie von 23% auf den Schlusskurs vor der Übernahme. Gezahlt werden soll der Kaufpreis aus einer Mischung aus einem Bar- und einem Aktienanteil, wobei der Hauptteil aus HKEx-Aktien beglichen werden soll. Je Aktie werden 2045 Pence und 2,495 neue Aktien geboten.

Bahnbrechender Deal mischt die Karten neu

Die Dimension des Zusammenschlusses wäre gewaltig. Eine Fusion würde nicht nur einen weltweit führenden Finanzmarktkonzern entstehen lassen. Eine Übernahme würde die Londoner Börse für asiatische Märkte öffnen und die Rolle der britischen Hauptstadt als Finanzzentrum unterstreichen.

Unter dem Strich würde das neue Gemeinschaftsunternehmen in zwei der drei größten Finanzzentren der Welt die Marktinfrastruktur beherrschen.

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Übernahmegespräche bestätigt: London Stock Exchange will Refinitiv übernehmenIn unsicheren Brexit-Zeiten will sich die Londoner Börse LSE breiter aufstellen. Sie bestätigte am vergangenen Samstag aufkommende Gerüchte, nach denen sie mit dem Finanzdienstleistungsanbieter Refinitiv Übernahmegespräche aufgenommen hat. › mehr lesen

Der HKEs-Chef Carles Li Xiaojia rechnet damit, dass der Deal die weltweiten Kapitalmärkte auf Jahrzehnte hinaus neu definieren wird. Geht es nach Xiaojia, dann dürfen sich vor allem die Kunden freuen, die von mehr Innovationen, Risikomanagement und Handelsmöglichkeiten profitieren sollen.

Finales Angebot liegt noch nicht vor

Allerdings sollten Sie wissen: Bei der Ankündigung vom Mittwoch handelt es sich noch nicht um eine finale, verbindliche Kaufofferte. Ein mögliches bindendes Angebot müsste die Hongkonger Börse bis zum 9. Oktober vorlegen. Die Hongkonger Börse gab aber schon bekannt, dass sie schon Gespräche mit der Aufsicht im Heimatmarkt Großbritannien führt.

Refinitiv-Deal steht auf der Kippe

Ein Selbstläufer dürfte die Fusion dennoch nicht werden. Zum einen dürfte der Zusammenschluss von den Aufsehern mit Argusaugen geprüft werden. Zum anderen macht die Hongkonger Börse selbst eine Bedingung zum Abschluss des Deals notwendig: Der 23 Milliarden Pfund schwere Zukauf des Datenanbieters Refinitiv soll wieder abgeblasen werden. Der Deal zwischen den bisherigen Refinitiv-Eignern Blackstone und Thomson Reuters sowie der LSE wird derzeit von den Kartellbehörden und Finanzaufsehern in den USA, der Europäischen Union und anderen Ländern geprüft.

Konzernführung der Londoner Börse reagiert verhalten

Auch die Reaktion der Firmenführung in London fiel wenig überschwänglich aus. Das Angebot kommt unabgestimmt und stehe unter vielen Vorbehalten. Vorerst werde der Refinitiv-Deal auf jeden Fall weiterverfolgt. Laut dem LSE-Management machen man hier gerade gute Fortschritte.

Operativ lief es bei dem Börsenbetreiber zuletzt ausgesprochen stark. Ungeachtet aller Brexit-Unsicherheiten legten die Jahresumsätze zuletzt auf 2,1 Milliarden Pfund zu (+9%). Das bereinigte operative Ergebnis kletterte sogar um 15% auf 931 Millionen Pfund.


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Jens Gravenkötter
Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Ein gewiefter Börsen-Profi leitet die Recherche beim "Übernahme-Gewinner". Jens Gravenkötter ist Chefredakteur bei dem erfolgreichen neuen Service.