LSE-Fusion mit Deutscher Börse: Aktionäre wählen geschlossen für den Deal

Soviel Einigkeit herrscht auf einer Hauptversammlung selten: Heute stimmten die Aktionäre der London Stock Exchange (LSE) quasi geschlossen für die Übernahme durch die Deutsche Börse.

Auf dem Treffen lag die Zustimmung zum Übernahme-Angebot bei 99,89%. Die hohe Akzeptanz der Offerte zeigt, dass zumindest die Aktionäre des Übernahme-Kandidaten die Übernahme wollen.

Die eigentliche Hürde sind allerdings die Behörden und die Aktionäre der Deutschen Börse.

Rechtlicher Sitz London: Brexit macht Fusions-Vereinbarungen schwer durchsetzbar

Rückblick: Im Februar einigten sich die LSE und die Deutsche Börse auf eine Fusion unter Gleichen.

Entstehen soll ein rund 30 Mrd. € schwerer Börsen-Betreiber, um den aufstrebenden internetbasierten Handels-Plattformen sowie der Konkurrenz in Asien und den USA Paroli zu bieten.

Bei dem strategisch sinnvollen Deal ist die Deutsche Börse der etwas größere Fusions-Partner mit 54,4%.

Die beiden Parteien verständigten sich dennoch darauf, dass neue Unternehmen in London anzusiedeln. Frankfurt wird zwar auch Hauptquartier, ist dann aber nur ein (operativer) Firmensitz zweiter Klasse.

Die Wahl von London als Firmensitz wurde im Zuge der Deal-Vereinbarung vielfach kritisiert.

Es wurden Bedenken laut, dass die Ansiedlung in Großbritannien nicht genehmigungsfähig sein könnte. Jetzt – nach dem Brexit – wird eine Genehmigung als „illusorisch“ bezeichnet.

Neutraler Sitz als Option?

Was also wenn London nicht rechtlicher Sitz wird? Spekuliert wird, dass man sich auf einen neutralen Standort einigen könnte, um eine Seite nicht zu bevorteilen. So wird überlegt, ob der Sitz nicht in die Niederlande verlegt werden könnte.

Das wäre allerdings eine kostenintensive Lösung und raubt den Vorteil eines bestehenden Firmensitzes. Operatives Hauptquartier in Frankfurt und London und rechtlicher Sitz dann in Amsterdam?

Das könnte lange, umständliche Entscheidungswege nach sich ziehen – ist aber immerhin genehmigungsfähiger als ein Nicht-EU-Sitz.

Sollte sich ein Kompromiss finden und der Deal den Anforderungen deutscher und europäischer Behörden genügen, könnten neue Probleme auftauchen – und zwar dann, wenn die britische Politik darauf pochen sollte, dass London rechtlicher Hauptsitz bleibt.

Gut vorstellbar, dass aus Angst einer erodierenden Wichtigkeit des Finanzplatzes die Genehmigung verweigert wird.

Fusion weiterhin sinnvoll, Tauschverhältnis auch? Annahme-Quote von 75% könnte zu hohe Hürde sein

Es ist fraglich, ob die heutige Deal-Genehmigung durch die LSE-Aktionäre irgendeinen Wert hat, da es nicht danach aussieht, als wenn der Deal zu den bestehenden Konditionen zustande kommt. Analysten des Bankhaus Lampes geben der Fusion noch eine Wahrscheinlichkeit von 20%.

Vermutlich muss nachjustiert werden, zumal sich auch das Kräfteverhältnis nach dem Brexit stärker in Richtung der Deutschen Börse verschoben hat.

Die LSE wird quasi sicher Volumen verlieren und das Pfund hat an Wert verloren, sodass die ursprüngliche Prognose der erwarteten Geschäfts-Entwicklung nicht mehr stimmen dürfte.

Damit verbunden steht dann auch das Tauschverhältnis der Fusion infrage – und damit verbunden die Zustimmung der Deutschen Börse-Aktionäre, die noch bis kommenden Dienstag ihre Anteile abgeben können.

Der Deal braucht eine Zustimmung von 75%. Da die Fusion auch unter den geänderten Vorzeichen strategisch immer noch sehr sinnvoll ist, könnte der dritte Anlauf zum Zusammenschluss mit London gelingen. Ein Spaziergang wird es aber nicht.

4. Juli 2016

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Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

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