Machen Sie es wie die Börse!

DAX Anzeigetafel RED – Deutsche Börse AG

Ist Ihnen aufgefallen, was gestern im DAX geschah? Aus diesem Ereignis können Sie wich-tige Rückschlüsse ziehen. (Foto: Deutsche Börse AG)

Vor 2 Tagen schrieb ich Ihnen, welche Belastungen die Mehrheit der Investoren auf die Aktienmärkte zukommen sieht. Dabei steht die Sorge um die Konjunktur ganz oben auf der Agenda.

Und hatten nicht auch die Notenbanken in Europa und den USA jüngst aufgrund einer ähnlichen Befürchtung eine Lockerung der Geldpolitik angekündigt? Dann MUSS es doch wohl schlimm um die Weltwirtschaft bestellt sein?

Wenn ich eines in den bald 40 Jahren gelernt habe, in denen ich professionell an den Aktienmärkten unterwegs bin, dann dies: Die Börsen halten sich so gut wie nie an die Erwartungen der Anleger-Mehrheit. Tatsächlich neigen sie dazu, uns immer und immer wieder gründlich zu überraschen.

Wenn Sie gestern etwas genauer auf das Marktgeschehen geschaut haben, dann dürfte Ihnen ein interessantes Detail nicht entgangen sein. Ich schaue für Sie einmal näher darauf.

Einige historische Fälle, in denen die Börse unerwartet reagierte

Ich könnte Ihnen Dutzende von Beispielen geben, in denen die Börse exakt das Gegenteil davon getan hat, womit die Anlegermassen gerechnet hatten:

  • Nach dem Oktober-Crash 1987 schien die Welt unterzugehen: Der Dow Jones verlor an 1 Tag -25%. Vom Top im August bis zum Tief im Oktober desselben Jahres verloren die US-Aktien -41%.

Ich war damals noch Anlageberater bei der Deutschen Bank: Monatelang mochte keiner meiner Kunden mehr in Aktien investieren, weil sie a) geschockt waren, b) keine Verluste realisieren mochten und c) keine Perspektiven sahen. 2 Jahre später, am 1. September 1989, markierte der Dow Jones ein neues Rekordhoch.

  • Auch nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 schien die Welt eine komplett andere zu werden: Als die Börse 1 Woche später erstmals wieder öffnete, stürzte der Dow Jones um -8% ab. Vom Top im Mai bis zum Tief im September desselben Jahres verloren die US-Aktien -29%.

Die Menschen waren geschockt, ängstigten sich vor weiteren Anschlägen und sahen in eine düstere Zukunft. Nur 6 Monate später gipfelte der Dow Jones gute +32% höher.

  • Kurz vor der Wahl des neuen US-Präsidenten im November 2016 war die Stimmung der Anleger und Analysten auf dem Tiefpunkt: Der Brexit, steigende Zinsen und ein möglicher US-Präsident Trump ließen das Börsenpublikum das Schlimmste erwarten.

Trump wurde tatsächlich US-Präsident. Die Zinsen stiegen, nach einer kurzen Unterbrechung, ab September 2017 weiter an. Und der Brexit – naja, der „droht“ halt heute noch. Doch der Dow Jones kletterte in den folgenden 15 Monaten um +49%!

  • Es funktioniert auch andersherum: Als sich der Ölpreis im Juli 2008 in nur 6 Monaten auf knapp 148 USD / Barrel fast verdreifacht hatte, machten Prognosen von 500 USD schon in wenigen Monaten die Runde. Die Öl-Ressourcen schienen uns schlichtweg auszugehen und keine Alternative war in Sicht.

Es dauerte nur 5 Monate, dann fand sich der Ölpreis bei 36 USD wieder: Ein Crash von -75%!

Warum uns die Börse regelmäßig überrascht

Doch warum ist das so? Warum machen die Börsen regelmäßig das Gegenteil von dem, was die meisten Anleger und sogar die Experten erwarten? Gerade die Profis sollten doch ihr Metier kennen, oder?

Ich sage Ihnen den Grund: Wenn wir von einer Richtung überzeugt sind, die ein Markt nehmen soll, dann wollen wir davon selbstverständlich auch profitieren und positionieren uns entsprechend.

Multiplizieren Sie das nun mit der Mehrheit der Anleger, die ja Ähnliches erwartet. Dann bleibt am Ende kaum noch einer übrig, der den Stein ins Rollen bringen könnte: Denn diejenigen, die sich nicht genauso aufgestellt haben, besitzen ja ohnehin gegenteilige Perspektiven.

Wenn dann plötzlich das Gegenteil der Prognosen eintrifft, müssen sich alle falsch positionierten Investoren neu aufstellen: Das führt dann regelmäßig zu einer Beschleunigung der Richtungsänderung, weil eine vervielfachte Nachfrage auf ein knappes Angebot trifft!

Was am gestrigen DAX-Anstieg besonders war

Kommen wir nun zu dem Detail, das Sie gestern vielleicht beobachtet haben: Die 5 Autowerte im DAX waren am Dienstag mit Zuwächsen von +3,8% bis +6,3% die Spitzengewinner im deutschen Leitindex!

Wie bitte? Die Autoaktien, die doch eigentlich keiner mehr haben will? Die Branche, die hoffnungslos der weltweiten Elektroauto-Revolution hinterher hinkt? Der Industriesektor, der seit September 2015 in einem schier nicht enden wollenden Abgas-Skandal verwickelt ist?

JA! Genau der! Schauen Sie selbst auf den Branchen-Index:

DAXsector Automobile: Anstieg mit Schub und Dynamik!

Der DAXsector Automobile sprang gestern um satte +4,3% nach oben und auf den höchsten Stand seit dem 10. Mai 2019. Achten Sie besonders auf den Umsatz:

Das Handelsvolumen erreichte mit +108% etwas mehr als das Doppelte des durchschnittlichen Umsatzes der letzten 50 Tage! Hier waren Großinvestoren am Werk!

Fazit

Die Börse schaut nie zurück, sondern immer nur nach vorn. Und deshalb antizipiert sie Entwicklungen, die für uns meist noch im Nebel der Zukunft verborgen liegen.

Das ist auch der Grund, warum die Märkte es – seit sie existieren – immer wieder schaffen, uns Anleger zu überraschen.

Der gestrige Anstieg der Autoaktien könnte ein erstes, frühes Indiz dafür sein, dass die Konjunktur – wider aller Erwartungen – doch in Schwung kommt! Denn: Die Automobil-Industrie ist, wie Sie wissen, die bedeutendste in der Bundesrepublik Deutschland.

In den USA gehörten die Aktien von Autoherstellern und -zulieferern übrigens auch zu den Top-Performern.

Kein Sektor beschäftigt mehr Menschen. Deswegen: Geht es den Autokonzernen gut (oder zumindest besser), dann geht es auch deren Angestellten und den Zulieferern gut (oder besser).

Und wenn dem so ist (oder das so kommt), dann profitieren davon auch die Aktienkurse. Gestern servierte Ihnen der Aktienmarkt – davon bin ich überzeugt – dazu einen ersten Vorgeschmack!

Also: Eifern Sie besser der Börse nach und nicht den (regelmäßig falsch liegenden) Experten!

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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